Ja, die Liebe macht schwatzhaft . . . Man muß aber auch diskret sein, darauf hielt man sehr viel zu meiner Zeit.

OROSMIN:

Diskret? Zurückhaltend? . . . Bin ich’s nicht? O glaubet nicht, indem ich Euch etwas von meinem hochgeliebten Mädchen anvertraue, daß ich Euch dann näher bin als ihr. O nein, ich bin ihr ja so nah, so verwandt, so lieb habe ich sie . . . und wenn ich von ihr zu Euch spreche, so ist es eigentlich nur, als spräche ich von Euch zu ihr. So ist das Verhältnis. Immer ist sie mir zur Seite, in allen Dingen. Sie kann sich auch einmal in irgendwen verwandeln, zu dem ich von ihr, von meiner Liebe rede, weil es mich so unwiderstehlich andrängt. Ich rede eigentlich immer nur mit ihr. Ihr, zum Beispiel, seid jetzt in sie verwandelt . . .

DER WIRT (mit einem dummen Gesicht):

Ich? . . . (Da seine Tochter gerade den Braten bringt, schiebt er sie vor) In meine Tochter? . . .

OROSMIN:

Und zumal an dieser Stelle der Welt. Hier laufen alle Wege zusammen, um ihr zu huldigen. Glaubt Ihr etwa, diese Leute seien Fremde (weist hinaus auf den lärmenden Platz), diese ernsten Mienen seien nicht in irgendeinem tieferen Zusammenhang mit der Einzigen, versteckt, abgeleugnet, spitzbübisch verkrochen, aber deshalb nicht weniger im Zusammenhang . . . O dieser Platz ist etwas ganz Besonderes, mit seinem Rauschen der tausend Füße, mit seinem Fuhrwerk. Deshalb sitze ich so gerne hier . . . Deshalb esse ich mit gutem Appetit (er schneidet ein tüchtiges Stück ab und spricht kauend), mit gesundem Appetit . . . Irgendeiner dieser Autobusse, so schwerfällig und stockhoch, wie sie auch wackeln mögen . . . wenn man ihn nun anhielte und einen der Passagiere nach dem andern geduldig fragte, abfragte, was er vorstellt und fühlt und worin er wurzelt . . . wäre es nicht lächerlich, ja undenkbar, anzunehmen, er könnte etwas anderes zur Antwort geben als: die Geliebte! . . . Was labt mich hier? Warum sitze ich hier, gerade hier, lieber als anderswo? Warum hat diese Formung der Häuser, diese Höhe und diese Tiefe und diese Witterung einen so zarten Einfluß auf mich, so etwas wie geheimen Trost und Holdseligkeit? Warum füllen sich meine Augen mit Tränen? Warum bin ich hier wie am rechten Fleck, wie mitten im mir Angepaßten, wie bei mir selbst zu Besuch, behütet, bemuttert, eingeschattet, reifend, fruchtend, geschwellt vor Heimat und Sicherheit, wohlbehaglich durch und durch? . . . Ja, wenn ich diesen Trunk ansetze und heruntertrinke, so fühle ich: ich habe sie selbst getrunken, ich habe mich mit ihr vereinigt . . .

DER WIRT:

Noch ein Glas gefällig?

OROSMIN (nickt):