DER WIRT:
Ich hab mein Weib recht lieb gehabt, das muß ich schon sagen . . . Ein braves Weib, das muß man ihr schon lassen . . . (er wischt sich die Augen.)
MARIE (ist schon vorher gekommen. Langsam dem Tisch, an dem Orosmin sitzt, sich nähernd, hört sie zu. Einer der Kartenspieler fordert sie auf, sich zu ihnen zu setzen. Er nimmt sie um die Taille. — Sie macht sich los, ohne zu schrein, ohne große Bewegung, immer Orosmins Reden lauschend, und stellt sich jetzt neben ihren Vater . . .)
Neulich stach ich mich mit der Spitze meines Messers, als ich mir einen Bleistift spitzen wollte. Eine Weile sah ich zu, wie der rote Tropfen sich immer üppig neu bildete, wenn ich ihn weggewischt hatte, wie das unversiegbar und ohne eigentlichen Schmerz aus der Haut heraufkam. Nachher besann ich mich und es fiel mir ein: Das war wirklich seit vielen Tagen, Orosmin, der erste Moment, die erste Weile, in der du an etwas anderes gedacht hast als an sie. Und von diesem Einfall an dachte ich natürlich wieder nur an sie. Welch ein Vergnügen das gibt, wie das anlockt! . . . Ist es mit Euch auch ähnlich bestellt gewesen, braver Mann? Habt auch Ihr zu Eurer eigenen Überraschung immer neue unaufschiebbare Überlegungen gefunden, die Euch das Mädchen von wieder andern Seiten zeigten? War sie für Euch die glänzende bläuliche Kugel im Garten Eures Gemüts, in der alles Vorübergehende auf der Erde und die Wolken des Himmels bildhaft dahinzogen, indes sie selbst blieb, eine ewige Erinnerung in sich festhaltend . . . an all das, was durch sie Wert und Schimmer erhalten hatte?
DER WIRT (immer gerührter):
Ja, eine Erinnerung hat sie mir zurückgelassen, eine gute Erinnerung . . . meine Tochter Marie . . .
OROSMIN (erhebt die Hand, um weiterzureden, MARIE mißversteht ihn und will ihm die Hand reichen. Verlegen läßt sie sie wieder fallen):
Immer bin ich ihr nahe. Ich bin so glücklich, daß mir nichts auf der Welt übrig bleibt zu wünschen. Hat man je einen solchen Menschen gesehn, auf der Höhe seiner natürlichen Vollkommenheit? . . . Doch gewiß wart Ihr ebenso, mein Teurer, gewiß geht es vielen Menschen ebenso. Es wäre zu traurig, wenn ich eine Ausnahme wäre . . . Gewiß habt auch Ihr diese dauernde Befriedigung in Euch herumgetragen, die nur dann noch gesteigert wurde, wenn Ihr mit Eurer Geliebten in Gegenwart beisammen wart, in unbegreiflicher Art gesteigert. Denn was könnte dem Bewußtsein, zu lieben und geliebt zu sein, eigentlich noch hinzukommen! Und doch kommt etwas hinzu, obwohl kein Platz mehr im Herzen frei scheint, doch sprengt ein Gefühl knapp an der Grenze des Erträglichen, so voll Süße, den schon geweiteten Busen. O diese Stunden der äußersten letzten Seligkeit, die Blicke voll des Unendlichen, die Wonne eines verschwimmenden sanften Streichelns, das uns gerade noch festhält, wo wir glauben, in Äther zu vergehn . . . Wunderbar ist das, und ebenso wunderbar ein Gefühl der Wehmut, das uns anfällt, wenn wir die Geliebte längere Zeit nicht gesehn haben. Nicht gleich, aber nach einiger Zeit gewiß. Nichts hat sich geändert, ich bin ja eigentlich zufrieden wie vorher, ich weiß, daß sie mein ist und daß ich ohne Abwechslung an sie denken darf, ohne Störung. Und warum also diese Unruhe, diese Sehnsucht, sie wieder leibhaftig vor mir zu haben, zu neuer Speisung und Zauberei, die Geliebte? Das ist sinnlos, das läßt sich nicht erklären. Eine Sehnsucht, die nicht quält, ein Wunsch, dessen Erfüllung man gar nicht wünscht; und doch ist etwas dabei, was quält und wünscht . . . und doch möchte man diesen Zustand nicht aufgeben . . . und doch ist man ungeduldig und glücklich wie ein junger Adler, der zu seinem ersten Flug ansetzt über Hochebenen und tiefe Meere. Ja, das alles ist eben mein Herz, so sehr mein Herz und nichts als mein Herz, daß jeder Sinn, diesen Gefühlen genähert, sich verfälschen muß . . . Wie gerne spreche ich davon. Das ist ein Vergnügen. Ich erkläre es Euch mit vielem Vergnügen, Herr Wirt. Ist es Euch auch so gegangen? Ja, die Liebe macht schwatzhaft.
DER WIRT: