Es gab einige seltene Vögel hier. Mister Daymac ging auf die Jagd und schickte durch Jungen die erlegten, sowie er einen geschossen, an Herrn Kleinschmidt, der sie sofort abbalgte. Wir hatten zu dieser Arbeit einen Tisch mitgebracht, aber das Wetter sah trübe aus, hie und da fing es an zu regnen, und häufig mussten wir uns ins Innere der Hütte flüchten, wo man nur auf dem Boden arbeiten konnte, da die Fenster so niedrig waren, dass sie höchstens die untere Fläche des Tisches beleuchteten.
Ich selbst lief einigen Schmetterlingen nach, und ein Eingeborener, der schon den ganzen Vormittag mir gefolgt war, von Zeit zu Zeit, wenn ich mich umdrehte, mich freundlich angrinsend, ohne ein Wort zu sprechen, unterstützte mich leider in meinen Bemühungen. Vergebens suchte ich ihm begreiflich zu machen, dass er mir das Schmetterlingfangen überlassen solle. Sein Eifer mir zu helfen war unabweisbar. Fast jedesmal kam er, gewandter und flinker als ich, mir zuvor und schnappte mit seinen Händen meine Beute weg, um sie dann äusserst befriedigt mir zu überreichen, aber nie ohne sie in seinen täppischen Fingern gründlich ruinirt zu haben.
An der anderen Seite des Dorfes stand ein Ndrallabaum in Blüthe, ein Baum, der im alten Kalender der Vitis eine grosse Rolle spielt. Er gehört zu den wenigen, die alle Jahre ihre Blätter abwerfen, und ehe diese wieder sprossen, treibt er zuerst seine traubenförmigen Blüthen. Sie sind von einer merkwürdig blutrothen Farbe, an die mich später auf Hawaii im Krater des Vulkans Kilauea die kochende Lava des Feuersees lebhaft zurückerinnerte, und prangend in kahlem Astwerk, geben sie mitten in der vollen grünen Vegetation und zwischen den wogenden Palmen einen eigenthümlich fesselnden Anblick. Die Blüthe des Ndrallabaumes bezeichnete ehemals für die Insulaner den Anfang eines neuen Jahres und noch jetzt die Zeit, zu welcher Yams gepflanzt werden muss.
Am Nachmittag unternahmen wir einen Ausflug nach der anderen südlichen Seite der Insel, wo heisse Quellen entspringen sollten. Eine kurze, aber mühselige Wanderung über das Felsengeröll des Ufers, welches den Fuss eines vorspringenden steilen Hügels bildet, brachte uns nach dem Nachbardorf Taulalia, dessen Kirche ebenso wie früher gesehene mit weissen Muschelguirlanden behangen ist. Dann ging es nach links und in südlicher Richtung eine Bergschlucht hinauf, in deren vor den Winden geschützten Tiefen Brotfrucht- und Farnbäume wuchsen, zu beiden Seiten des Weges kunstvoll angelegte Tarosümpfe, die ein geschwätzig murmelndes Wässerchen berieselte.
Hoch oben auf dem Bergsattel, dem Hauptstrebepfeiler des Bukelevu zu unserer Rechten, von wo aus wir wieder vor uns und hinter uns die blaue See mit den herrlich violetten und grünen Korallenriffen und den weissen Schaumlinien erblickten, winkte uns zwischen Bananen eine kleine Ansiedelung, Nambali (vielleicht verwandt mit »Yarambali«), zur wohlverdienten Rast. Zum ersten mal fand ich hier das Innere der Hütten durch nicht ganz bis oben reichende Wände aus Flechtwerk in mehrere Gemächer getheilt, eine höhere Stufe des Baustyls. Dann kam der Abstieg, und rasch gelangten wir auf steilen und engen Pfaden hinunter, theilweise durch einen Forst mit eingestreuten Baumfarnen, wie er schöner selbst in Neuseeland nicht gedacht werden konnte. Eine einsame Hütte, ein paar scheue Mädchen, die eilig ins Gebüsch entfliehen, noch ein Stückchen Wald, ein Palmenhain und wir sind in dem grossen Dorf Dalingele.
Dalingele ist das ansehnlichste und sauberste Vitidorf, welches ich je gesehen habe. Der Häuptling, ein stattlicher Mann von höchstens vierzig Jahren, nur mit dem braungemusterten Sulu aus Tapa bekleidet, kam uns zum Willkomm entgegen.
Von allen bisher kennengelernten Häuptlingen schien dieser am meisten auf seine Würde zu halten. Im Hintergrund seiner Hütte, die durch einen Querbalken und etwas höhere Polsterung unter den Matten von dem übrigen Theile abgesondert war, durften nur er und wir niedersitzen. Vorne sass ein Dutzend Männer jeglichen Alters, seiner Befehle gewärtig, mit denen er nicht sparsam umging, vielleicht nur um uns zu zeigen, wie flink seine Untergebenen gehorchten. Blos ein Junge von etwa zehn Jahren schien das Privilegium strafloser Ungezogenheit zu geniessen und molestirte alle Uebrigen, selbst das Oberhaupt mit seiner frechen, ruhelosen Zudringlichkeit, indem er hier einem den Tabak aus dem Ohrläppchen oder aus dem Turban stahl, dort mit einem Feuerbrand herumfuchtelte und das Gebäude anzuzünden drohte, Alles was er sah für sich in Anspruch nahm und schliesslich auch auf unser Gepäck sein Augenmerk richtete, was er indess nach einer entschiedenen Zurückweisung aufgab. Vielleicht war der ungezogene Junge ein Vasu, jener Neffe des Häuptlings, dem in früheren Zeiten nach einer äusserst merkwürdigen, alten Rechtsüberlieferung der Vitis Alles gehörte, was dem Häuptling untergeben ist. Nur Männer sassen mit uns zusammen, die Weiber des Häuptlings hatten ihre Hütte nebenan für sich, wo sie kochten.
Wir waren gerade zu guter Stunde nach Dalingele gekommen. Denn für denselben Abend war ein grosses Festessen in Vorbereitung. In allen Hütten wurde eifrig gekocht und gepantscht und dabei nicht minder eifrig gelacht und geklatscht. Kokosnüsse, Taroknollen und Tiriwurzeln, Schweine und Hühner sah man in grossen Massen an Stangen von je zwei Männern durch das Dorf tragen und hie und da ganze Kolonnen solcher Träger einherziehen. Weiber mit Haufen frischgewaschener weisser Sulus kamen vom Bache zurück.
Der Priester der Gemeinde war ein Tonganer, und an ihm und seiner Frau sowie an dem achtjährigen Mädchen des frommen Paares, welches allein unter allen Kindern vollständig nackt herumlief, fiel mir zuerst die helle Hautfarbe dieser fremden Einwanderer auf. Es gab überhaupt viele Tonganer hier, und einmal, als ich arglos um eine Ecke biegend plötzlich einer Gesellschaft tonganischer Weiber gegenüberstand, war ich sehr betroffen, da ihre vergleichsweise blassen, fast pomeranzengelben Körper mir momentan den Eindruck machten, als ob ich entkleidete Europäerinnen überrascht hätte. Auch in Bezug auf ihre Gesichtsbildung waren sie wesentlich verschieden von dem Typus der relativ niggerhaften papuanischen Vitis und näherten sich stark den Zügen arischer oder semitischer Rasse. Besonders lebhaft steht mir noch heute ein Mädchen in Erinnerung, das mich durch seine Aehnlichkeit mit jener jüdischen Ladenmamsell frappirte, bei der ich in Hamburg meine Handschuhe zu kaufen pflegte. Ich sah sie zuerst am nächsten Morgen in der Kirche, wo sie züchtiglich das vorgeschriebene Busenschürzchen trug. Als der Gottesdienst aus war, paradirte sie mit einem Bananenblatt ihr orientalisches Lockenköpfchen beschattend so lange vor mir herum, bis ich sie zeichnete, und warf kokett das Busenschürzchen über die Schultern zurück, um mir den Anblick ihrer jungfräulichen pomeranzengelben Formen ungeschmälert zu gönnen.
Ehe die Dunkelheit hereinbrach, ging ich nach dem Badeplatz am Meeresstrand, wo ich grosse Gesellschaft fand. Durch einen wirklichen, echten Wald von Brotfruchtbäumen, in dem ich zum ersten mal einige unreife Brotfrüchte sah, nicht grösser als Pomeranzen, während noch überall Blüthen hingen, schlängelte sich wenige Schritte entfernt ein Süsswasserfaden, sehr bequem gelegen, um nach dem Bad im Meere das Salz von den Gliedern zu spülen. Der ganze Strand war voll von Männern, welche sich nach des Tages Arbeit zum festlichen Mahle wuschen und mit frischen weissblinkenden Sulus schmückten. Sie thaten sehr schamhaft. Denn keinem fehlte ein wenn auch noch so geringfügiges Suspensorium aus schmalen Tapastreifen um die Lenden geschlungen, der »Malo«. Viele gingen mit dem alten schmutzigen Sulu ins Wasser, um ihn danach, sorgfältig wie Weiber sich umblickend, mit dem neuen zu vertauschen.