Wo ich nur ging, folgten mir Kinder in respektvoller Entfernung, und blieb ich stehen und wendete ich mich um, liefen sie furchtsam davon. Als wir am nächsten Morgen die heissen Quellen, die kaum eine Viertelstunde entfernt an dem Wege nach Kamburiki im Mangrovesumpf des Ufers aus der Erde emportauchen, besuchten, waren sie indess schon zutraulicher geworden und trugen mir triumphirend meine Stiefel die ich ausgezogen hatte, Gegenstände ihres höchsten Ehrgeizes, auf Stangen voran.

Am Abend verkündete der weithin schallende Ton der hölzernen backtrogähnlichen Kirchentrommeln, der Lalis, welche zwei Jungen mit Klöppeln bearbeiteten, den Beginn des Festschmauses, und die Männer des Dorfes leere Palmblattkörbe tragend versammelten sich vor der Weiber- und Kochhütte des Häuptlings, um ihre ansehnlichen Rationen an gestobtem Schweine- und Hühnerfleisch, Taro und Pudding in Empfang zu nehmen. Auch wir erhielten unseren Antheil, alles zierlich auf Bananenblättern kredenzt. Messer und Gabel gab es nicht, man bediente sich nur der Finger. Der Pudding, ein einheimisches Nationalgericht, bestand aus einer klebrigen, sehr süssen Masse, die in Massawablätter eingewickelt und aus Taromehl und der zuckerhaltigen Tiriwurzel bereitet war. Dann folgte wieder das obligate Kawagelage.

Herr Kleinschmidt erfuhr, dass ein hochbejahrter und angesehener Häuptling von der Rewa, dem Flussdelta an der Südostecke der grossen Insel Vitilevu, sein alter Freund, seit einem Jahre in Dalingele wohne und kränklich sei. Wir gingen noch vor dem Schlafengehen ihn zu besuchen. Schon bei unserem Einzug in das Dorf waren mir zwei Gebäude durch hervorragende Grösse und geschmackvolle Bauart aufgefallen. Das eine war die Kirche, das andere das Haus jenes alten Häuptlings von der Rewa.

Die innere Einrichtung entsprach ganz dem Gepräge der Wohlhabenheit, das schon die Aussenseite trug. Ich trat zum ersten mal durch die Thüre einer Vitiwohnstätte, ohne mich bücken zu müssen, in einen hohen, weiten Saal, der das ganze Gebäude ausfüllte. Drei Feuer, um welche einige Weiber sassen, flackerten darin, und auf einer erhöhten Platform, welcher ein quergespannter Moskitovorhang aus kunstvoll gefilzter Tapa etwas Bühnenartiges verlieh, lag einsam und allein der ehrwürdige Greis, dem unser Besuch galt. Geflochtene Matten von ausgezeichneter Feinheit bedeckten den weichgepolsterten elastisch federnden Boden. Eine gewisse Feierlichkeit herrschte in dem düsteren, unbestimmt erhellten Raum. Wir schüttelten Hände, und ich wurde als grosser »Kauka Papalang«, europäischer Arzt, vorgestellt. Der Aermste hatte vor zwei Jahren die Masern gehabt und litt jetzt an Phthisis wie so viele Eingeborene seit der grossen Masernepidemie. Um den Kranken besser zu beleuchten, holte seine Frau eine Petroleumlampe herbei und gab sich alle Mühe, sie anzuzünden. Aber der Docht war hinabgerutscht, und sie konnte nicht damit zurechtkommen, so dass ich selbst die über und über schmutzige und verluderte Lampe in Reparatur nahm. Und aus dem Gelingen dieser meiner Bestrebungen erwuchs mir sofort ein neuer Ruf, und die Bewohner des Dorfes brachten mir am folgenden Morgen nicht blos ihre Kranken, sondern auch ein paar in Unordnung gerathene Petroleumlampen, um sie von mir kuriren zu lassen.

Nach Hause zurückgekehrt wurde nochmals Kawa gekneipt. Dann zogen wir Hose und Stiefel aus, wickelten davon ein Kopfkissen zusammen und uns selbst in Decken und streckten uns neben dem Häuptling zum Schlafe, über uns ein ganzes Arsenal verrosteter Flinten und zu unseren Füssen die wie Kraut und Rüben durcheinander liegenden nackten Untergebenen, welche fast die ganze Nacht husteten.

Trotzdem erwachte ich äusserst erquickt, als bereits die Trommeln zum Morgengottesdienst riefen, und Herr Kleinschmidt, mein liebenswürdiger Mentor, war schon aufgestanden und in der Küche nebenan beschäftigt Kaffe zu machen. Nach dem Bad ging ich in die Kirche, blieb aber nicht lange, weil meine Anwesenheit zu sehr die Andacht störte, versuchte eine Partie des schönen Dorfes zu zeichnen, porträtirte etliche Mädchen, kurirte kranke Menschen und Petroleumlampen und besuchte hierauf mit Herrn Kleinschmidt die nahen heissen Quellen.

Wenn nicht gerade Ebbe gewesen wäre, hätten wir diese gar nicht gesehen. Denn sie entspringen, drei an der Zahl, aus dem Boden des Mangrovesumpfes, welcher hier das Ufer bedeckt, noch unterhalb der Fluthmarke und bestehen aus je ein bis zwei Meter im Durchmesser betragenden Wassertümpeln von der Temperatur eines etwas heissen Fussbades, was ich feststellte, indem ich hineinwatete, da kein Thermometer zur Hand war. Die Umgebung wimmelt von Soldatenkrabben, welche hier rothe, nicht gelbe Scheeren wie sonst überall zu ihren Löchern herausstrecken. Dicht neben diesen drei Tümpeln führt der Weg nach Kamburiki durch den Mangrovesumpf, und hinter diesem steigen schroffe und kahle Felsen aus Lava empor. Wir hatten indessen nicht alle heissen Quellen zu sehen bekommen. Weiter gegen Kamburiki sind noch mehr vorhanden. Dies sagte man uns erst einige Stunden später, als wir bereits wieder auf der anderen Seite der Insel in unserem Standquartier angekommen waren.

Ehe wir Dalingele verliessen, sollten wir noch Zeugen eines Unfalles sein, der einem Weissen aus Wailevu beinahe das Leben kostete. Eben im Begriff aufzubrechen lockte uns der Ruf »Sail oh«, womit der Engländer und auch der ihn nachahmende Viti das Erscheinen eines Fahrzeuges zu begrüssen pflegt, auf den Strand. Ein europäisches Boot kam mit vollen Segeln vor dem Winde herangefahren. Es gehörte einem in Wailevu ansässigen Kaufmann.

Zwischen ihm und dem Ufer donnerte die Brandung über dem Barriereriff, nur die kleine, schmale Eingangsöffnung freilassend. Merkwürdiger Weise steuerte das Boot nicht in der Richtung dieser, sondern geradewegs auf uns zu, und ich war gespannt, wie das Manöver ablaufen würde. Da plötzlich bäumt sich das Boot, eine schäumende Welle, und es verschwindet mit Mann und Maus. Die Welle weicht zurück, den Kiel nach oben fällt das gekenterte Boot auf das Riff, ringsherum ein halbes Dutzend zappelnder Menschen, von der nächsten Welle ebenso rasch wieder verschlungen. Herr Kleinschmidt und ich, wir waren starr vor Entsetzen. Die Eingeborenen jedoch, Männer, Weiber und Kinder, an der Spitze der fromme Missionär, lachten und freuten sich des aufregenden Schauspiels, wie sechs Menschen draussen auf dem Riff mit den Wellen kämpften. Keiner dachte an Rettungsversuche. Und erst als Herr Kleinschmidt zornig auf sie losdonnerte, und den faulen Bonzen einen heidnischen Teufel schalt, halfen sie mir, ein altes Kanuu, welches am Ufer lag, ins Wasser zu schieben, und schwammen damit den Schiffbrüchigen zu Hülfe, welche glücklich alle mitsammt dem umgekehrten Boot an Land bugsirt wurden.

Der Kaufmann aus Wailevu, welchen der Unfall getroffen hatte, erfreute sich keines sehr guten Rufes, und als ich ihn eine Viertelstunde später seine schlechten Messer und fadenscheinigen Kalikos zum Trocknen ausbreiten sah, konnte ich mir wohl denken, warum man sich nicht allzu sehr zu seiner Rettung beeilen wollte.