Als wir bald darauf unseren Rückweg nach Dangai antraten und durch den Busch den Bergsattel hinan marschirten, hörten wir unfern von uns im Dickicht eine weibliche Stimme um Hülfe rufen. »O, da wird eben ein Frauenzimmer genothzüchtigt« sagte kaltblütig mein Freund, und wir mischten uns nicht weiter in die Angelegenheit. Wahrscheinlich handelte es sich um die Ausübung ehelicher Pflichten nach alter Vitiart, welche den Ehegatten vorschreibt, zu Hause getrennt zu leben und sich zum Zweck des Coitus im Walde draussen Rendezvous zu geben. Unter solchen Umständen würde eine ritterliche Intervention wenig Dank geerntet haben.

Am Nachmittag waren wir wieder auf der anderen Seite in dem schmutzigen, ärmlichen Dangai, dem Gegensatz des reichen und stattlichen Dalingele, und in unserer alten verräucherten Hütte.

Beim Nachbar gab es gegen Abend grossen Skandal. Er schlug seine Frau, warf sie unter Fusstritten sammt ihrem Säugling hinaus, lief ihr gleich darauf nach und entriss ihr nach heftigem Kampf, wobei sie ihn stark in den Arm biss, das Kind.

Eine Menge Gesindel, darunter auch der Missionär des nächsten Dorfes, der uns gleich im Anfang mit seinem Taro hatte anschwindeln wollen, trieb sich in gewinnsüchtiger Absicht um uns herum. Ein aussergewöhnlich magerer und schlanker, geschniegelter Kerl vom Typus des europäischen Friseurgesellen oder feinen Kellners, ins Viti übersetzt, schlich sich immer hinter mir her, um mich ungestört und allein zu sprechen, und machte mir in gebrochenem Englisch schändliche Anträge bezüglich seiner Schwestern oder Kousinen – das einzige mal, das mir derartiges auf Kandavu passirte.

Früh des folgenden Morgens, den 28. Juli, brachen wir auf nach dem Bukelevu, der heute im herrlichsten Wetter und frei von Wolken emporragte. Sechs Träger gingen gegen eine entsprechende Gegenleistung an Sulus, Angelhaken und Glasperlen mit uns.

Der Bukelevu oder Mount Washington ist kaum höher als 3000 Feet oder 915 Meter. Eine genaue Messung seiner Höhe existirte noch nicht, und man liest für ihn 2600, 2800, ja selbst 3600 und 4000 Fuss auf den Karten angegeben. Trotz der geringen Erhebung war diese Partie doch die beschwerlichste Bergbesteigung die ich jemals unternommen. Wir waren die zweiten Europäer, die den Bukelevu bestiegen. Im Jahre 1869 waren der Botaniker Seemann, ein Deutscher, und der englische Konsul Pritchard zuerst oben gewesen.

Abermals ging es über die beschwerlichen Felsblöcke des Ufers nach Taulalia. Von hier aus begann der Berg. Auf wohlgepflegten Pfaden zwischen niedrigem Buschwerk erreichten wir das etwa 300 Meter hoch gelegene Lomadsche, in welchem der schändliche Stutzer von gestern ein wenig verlegen mir wieder begegnete. Bananen- und Batatenpflanzungen, auch etwas einheimisches Zuckerrohr und der schöne grossblätterige Gebirgstaro begleiteten uns noch etwa 100 Meter aufwärts. Gleich hinter Lomadsche kamen wir an einem Yamsfeld vorüber, das eben angepflanzt wurde. Es war kaum ein Tagwerk gross, aber mehr als ein dutzend Männer waren damit beschäftigt, in der landesüblichen bummeligen Art die kleinen Hügelchen für jede Pflanze herzustellen. Sie hatten dabei europäische eiserne und einheimische hölzerne Hacken.

Die richtige, üppige Tropenwildniss stemmte sich uns entgegen. Hohes, schilfartiges, scharf in die Hände schneidendes Gras wechselte mit Busch, durch den kreuz und quer Schlingpflanzen sich woben und den Füssen Fallstricke legten. Doch schon vorher, noch im Bereich der Pflanzungen, hatte eine Stelle des Weges uns einen Vorgeschmack der zu überwindenden Schwierigkeiten gegeben. An einem mehr als senkrechten, das heisst nach innen sich einbiegenden Absturz, kaum zu erkennen vor Vegetation, hörte der Boden plötzlich auf. Unsere Führer luden sich ihr Gepäck auf den Rücken und kletterten, blos mit den Händen und hie und da auch den Füssen an den überhängenden Zweigen und Halmen sich festklammernd und fast frei in der Luft schwebend, horizontal an der ausgehöhlten Wand entlang, während von oben beständig Erdklumpen sich lösten und herabkollerten. Wir folgten ihrem Beispiel, nicht ohne Selbstbewunderung erfreut, als wir das Kunststück geleistet hatten. Und jenseits dieses halsbrecherischen Uebergangs wuchs noch Taro, und als wir am nächsten Tage zurückkamen, sah ich, wie ein altes Weib, mit einer Menge zusammengebundener Taroknollen beladen, sich an ihm entlang arbeitete. Dann ging es wieder bergauf und bergab, so steil wie nie zuvor. Es war ein heisser Tag, und auch unsere Schwarzen schwitzten, dass sie glänzten wie frisch lackirt.

Wir hatten Kawawurzel mitgenommen, und als wieder ein besonders glühender steiler Grashügel mit eingestreuten schwarzen Lavablöcken überwunden war, setzten wir uns in den Schatten einer Schlucht, in der ein schmutziger, gelbbrauner Wassertümpel, von unzähligen Moskitolarven bewohnt, versteckt lag, und liessen die Burschen kauen und Kawa in einer Schüssel, welche aus grossen Taroblättern improvisirt wurde, zubereiten. Noch mindestens zwei Stunden empfand ich die wohlthuende Kühle im Gaumen, die dieses vom Standpunkt europäischer Zimperlichkeit so ekelhafte, aber entschieden sehr erfrischende Getränk zurückliess.

Die Schlucht, in der eine angenehme Kühle herrschte, setzte sich in hohen Staffeln nach oben fort und erwies sich als ein vertrockneter Wasserlauf, durch den in der Regenzeit imposante Kaskaden herabstürzen mögen. Jetzt waren nur hie und da unter überhängenden Felsen einige schmutzige Tümpel übrig geblieben. In ihr stiegen wir etwa 200 Meter weit empor. Wir hatten vorsorglich ein starkes Tau mitgebracht, welches nun vortreffliche Dienste leistete. Unsere nackten Burschen machten sichs bequem, legten ihre Hüftenbekleidung ab und banden sie als Turban um die Stirne, so dass sie um die Hüften nur mehr mit dem schmalen Suspensorium bekleidet waren, welches jeder erwachsene Viti unter dem Sulu trägt. So kletterten sie die schlüpfrigen Felsenstaffeln hinauf und zogen uns und das Gepäck mit dem Tau nach. Wir kamen nur langsam Absatz um Absatz vorwärts. Aber das Fehlen von dichterem Pflanzenwuchs und die erquickende Kühle zwischen den feuchten, bemoosten Wänden, über die ein majestätischer Busch sich wölbte, erleichterten wesentlich diesen Theil der Besteigung. Unsere Wilden, denen wir Alles, selbst die Gewehre und Stiefel, übergeben hatten, um sämmtliche vier Extremitäten frei zu haben, jodelten laut vor Freude.