Wir bedauerten sehr, als die Schlucht oben aufhörte und wieder der Kampf mit dem Buschwerk bevorstand. Zwei Mann mit grossen Faschinenmessern wurden voran beordert, uns durch die Schlingpflanzen einen Weg zu bahnen. In einem langgezogenen Gänsemarsch wanden wir uns steil und mühsam in Schlangenlinien hinauf, wir beide Herr Kleinschmidt und ich zuletzt, in der egoistischen Absicht, die Gesammtwirkung der gemietheten sechs Paar Beine uns zu Nutzen kommen zu lassen. Beständig krachten die Zweige, oft stockte die Karawane, die Schwarzen jodelten jetzt nicht mehr, wir keuchten schweisstriefend, ohne ein Wort zu verlieren, einer hinter dem andern. Meine Geschwüre an den Füssen von den Korallenriffen her schmerzten in den steifen, nassgewordenen Stiefeln zu heftig, als dass ich sie anziehen konnte, und barfuss stiess ich mich jeden Augenblick an Wurzeln und Steinen, was aber immer noch erträglicher war.

Das Dickicht wurde verworrener und schlimmer, so schlimm, wie ich es selbst im Busch von Gavatina noch nicht gesehen, statt unserer Hoffnung, es würde mit der Höhe abnehmen, zu entsprechen. Wir verloren den festen Boden und marschirten nur mehr in krachenden Zweigen, Wurzeln und Lianen, lebenden und abgestorbenen, die wie das Gerüst eines Schwammes in allen Richtungen ineinandergewoben und an einzelnen Stellen so dicht und fest waren, dass bereits Erde sich in den Maschen angesammelt und einen Ausgangspunkt für neues junges Wachsthum gebildet hatte, tiefe Hohlräume unter sich lassend. Bald fielen wir, durchbrechend durch eine morsche Schlinge, etliche Fuss tief hinab, jedes Bein in ein eigenes Loch wirrer Vegetation, und hatten uns wieder herauszuarbeiten, bald kletterten wir nur mit den Händen, während die Beine baumelnd vergebens eine Stütze suchten, um einen überhängenden Wulst, der unter unserem Gewicht sich abwärts bog.

Wir wussten kaum noch die Richtung. Aufwärts, nur immer aufwärts. Wie sehr war ich überrascht, als ich einmal unter mich hinabblickte, und das Wirrsal von Aesten und Wurzeln auf dem ich stand, sich lichtete, und beinahe senkrecht unten in der Tiefe die blaugrüne See heraufschimmerte. Wir waren in einen Knäuel von Maschen gerathen, welcher an einer Felswand herabhing, und schwebten über dem Abgrund. Die schwindelnde Situation war jedoch lange nicht so gefährlich. Denn wären wir auch durchgebrochen, tausend Arme und Schlingen waren bereit, uns aufzufangen.

Endlich gewannen wir wieder Grund, und eine Stunde später waren wir oben auf dem Bukelevu. Wohl niemals war eine mühseligere Bergbesteigung mit weniger Genuss belohnt worden. Nirgends eine Aussicht, überall Bäume und Gebüsch, durch dessen Lücken kaum einzelne blaue Fleckchen des Himmels guckten. Blos das uneigennützige abstrakte Bewusstsein, dass wir auf einem Punkte standen, den vor uns nur wenige Menschen betreten hatten, war unser Preis. Vielleicht sogar waren wir die ersten Menschen hier oben. Denn unsere Diener behaupteten, die Seemannische Gesellschaft sei nicht weiter als bis zum letzten Absatz, eine Stunde tiefer, gekommen. Und von den Eingeborenen wird sich wohl keiner aus reinem Vergnügen hier herauf gequält haben. Dazu sind sie zu praktisch.

Die Sonne war schon hinabgesunken, der Abend brach herein, rauhe Winde fuhren durch die Wipfel, und die Luft war so kalt und so feucht hier oben, dass wir den Hauch vor dem Munde sahen und nach den eben gehabten Anstrengungen einen eisigen Frost in den Gliedern fühlten.

Eigenthümliche grossblätterige, mannshohe Pflanzen wuchsen allenthalben, deren Stengel so weich und wässerig waren, dass man sie wie Butter mit dem Messer durchschneiden und wegmähen konnte. Der Boden war überall nass, schwarz und moorig. Auf ihm mussten wir unser Nachtlager aufschlagen, eine trübselige Perspektive. Die sechs Wilden beeilten sich, ein Feuer anzuzünden, nicht etwa durch Reiben, sondern mittels moderner Zündhölzchen, und wir alle griffen zu Messern und Aexten, um Holz zu schlagen und Aushaue in verschiedenen Richtungen herzustellen, damit wir doch wenigstens, ehe es dunkel wurde, noch etwas von der Aussicht zu sehen bekamen.

Mit vereinten Kräften warfen wir uns auf die jungen Bäume und zerfetzten erbarmungslos ihre Zweige, und war ein Dutzend Laubkronen gefallen, so erhoben sich immer wieder noch ein paar Dutzend hinter ihnen, die uns den Blick begrenzten. Schliesslich waren wir zufrieden, als wir blos einen jämmerlich zersäbelten Baumstumpf etwa sechs Meter hinaufzuklimmen brauchten, um die Höhenzüge der Insel zu überschauen. Von hier aus entdeckte ich, dass wir uns mit der grössten Wahrscheinlichkeit auf der Umwallung eines alten, jetzt allenthalben mit dichtem und hohem Wald bedeckten Kraters befanden, dessen eine Hälfte gegen Osten, also gegen die Insel zu, durchbrochen und hinabgesunken war, während die andere im Westen, wo die Insel aufhörte, sich deutlich im Halbkreis zu uns, die wir an der nördlichen Kante standen, herumzog. Zugleich aber entdeckte ich, dass weiter südlich die Baumwipfel sich höher erhoben, und glaubte daraus den unliebsamen Schluss ziehen zu dürfen, dass wir uns noch nicht auf der höchsten Stelle des Bukelevu befanden.

Hierüber wollte ich mir klar werden. Ich nahm einen Schwarzen mit mir und versuchte, mit seiner Hülfe auf jenen Punkt zu gelangen. Als wir uns ungefähr eine Stunde geplagt hatten, häufig in überwucherte hohle Baumstämme versinkend, häufig in einem Dickicht uns festbeissend, das wir dann doch nicht bewältigen konnten und umgehen mussten, waren wir etwa hundert Schritt weit vorwärts gedrungen, ohne etwas zu sehen. Ich versuchte einen der riesigen Bäume zu erklettern. Alle Stämme waren dick mit Schlinggewächsen überzogen, so dass nirgends eine Spur der Rinde zum Vorschein kam. An den Ranken sich emporzuziehen war indess unmöglich. Sie gaben nach und brachen, und um an ihnen dennoch aufwärts zu kommen, dazu hätte ich vielleicht eine Stunde gebraucht. Meine Kräfte waren zu sehr erschöpft, als dass ich die Sisyphusarbeit hätte fortsetzen mögen.

Es wurde dunkel. Ein gewaltiger Hunger nagte in unserem Innern. Wir befahlen den Proviant auszupacken. Die sechs Burschen suchten in allen Bündeln und Säcken herum, einer stupfte besorgt den anderen, sie schalten sich und wurden verlegen und ängstlich. Aber auch uns wurde ängstlich zu Muth. Die verfluchten Kerls hatten wirklich den Proviant vergessen. Nur die Kaffebüchse hatten sie mitgenommen.

Da sassen wir nun mit knurrendem Magen, ärgerlich über unseren Leichtsinn, die Träger nicht Stück für Stück selbst beladen zu haben. Wonach wir uns schon seit mehreren Stunden so heiss gesehnt, lag unten in Dangai.