Zum Glück fand ich in meiner Hosentasche einige zähe Fasern Salzfleisch und mein Freund in der seinigen einen zerbröckelten Zwieback. Wir theilten redlich diese kostbaren Gaben des Zufalls und kochten Kaffe mit der bräunlichen Flüssigkeit des Moskitolarven-Aquariums in der Kaskadenschlucht, von dem wir unsere Wassergefässe gefüllt hatten, ohne die nahrhaften Bestandtheile derselben zu unterschätzen. In diesem bestand die einzige Erquickung von acht todtmüden und gierig hungrigen Menschen, ohne Aussicht vor sechszehn Stunden wieder zu etwas Essbarem zu gelangen.

Der Boden war so uneben, so voller knorziger Wurzeln und abgehauener spitz emporstehender Stämmchen und Zweige, dass sich kaum etwas herstellen liess, was wie ein molliges Lager zum Schlafen aussah. Farnkraut zur Polsterung gab es hier oben nicht. Wir mussten es also mit jenen eigenthümlich wässerigen Pflanzen versuchen, die ringsherum wuchsen. Aber der Saftreichthum dieser weichlichen Geschöpfe drang sofort aus allen Blättern und Stielen und verwandelte das Lager in ein klebriges Gemüse, sowie man sich darauf niederstreckte.

Unser Feuer war kaum in Brand zu erhalten. Das Holz war alles so grün und feucht, dass es nicht brennen mochte. Ich konnte nicht schlafen vor Kälte und zog es vor beinahe die ganze Nacht mit der Axt zu arbeiten, um mich zu erwärmen.

Die sechs nackten Burschen dagegen zeigten eine wahrhaft heroische Faulheit. Zähneklappernd, Grimassen schneidend und stöhnend kauerten sie sich zusammen, sahen mit grosser Befriedigung zu, wie ich Holz herbeischleppte und das Feuer schürte, und froren lieber bis zu förmlichen Konvulsionen als dass sie eine Hand gerührt hätten. Ich hatte ihnen meine Decke abgetreten, in die sich abwechselnd zwei zusammen wickeln durften. Die anderen mühten sich unterdess mit sehr komischen Experimenten ab, wie man durch gewaltsames Einschrumpfen und Verschränken der Glieder die Körperoberfläche am wirksamsten verkleinern und in den dünnen Sulu einhüllen könne. Eine dunkle Reminiszenz war es vielleicht, die ihnen schliesslich die Haltung des Kindes im Mutterleibe eingab.

Bald setzte ich mich auf einen Baumstumpf und stierte ins Feuer und horchte dem Sieden des Holzes zu und fluchte des vergessenen Proviants, bald ergriff ich wieder die Axt und zerfetzte eines der nächsten Bäumchen. Dann legte ich mich wieder, schläfrig geworden, in das Gemüse, stand aber gleich wieder auf und kletterte auf den Aussicht gewährenden Stamm um zu sehen ob im Osten noch kein blasser Schimmer heraufkäme, dann griff ich wieder zur Axt. So verging langsam diese ungemüthliche Nacht. Heisere Schreie ertönten aus der todesstillen Luft, als es eben anfing zu dämmern. Es mochten Möven sein, die bereits auf dem Wege waren und über unser Feuer erschraken.

Die milden Strahlen der Sonne hauchten neues Leben in unsere erstarrten Glieder. Herr Kleinschmidt und ich kletterten auf den Aussichtsbaum, um die Höhenzüge der Insel Kandavu zu zeichnen, was uns nicht wenig Ueberwindung kostete. Die Dienerschaft war darüber im höchsten Grad unzufrieden. Sie drangen heftig zum schleunigen Aufbruch, und einer ging in seiner naiven Unverschämtheit so weit zu behaupten, dass die Sonne gleich wieder untergehen würde.

Unsere Spuren von gestern brachten uns ziemlich rasch hinab. Jetzt da ich wieder in Schweiss kam, erwachten Hunger und Durst mit zehnfacher Energie und machten mich für die ganze herrliche Morgennatur unempfindlich. Ich litt an der fixen Idee eines Beefsteaks und etlicher Gläser Bier. Es war mir unmöglich an etwas Anderes zu denken, und die prachtvollsten Szenerien gingen eindruckslos an mir vorüber. Ich lechzte nach den braunen Pfützen der Kaskadenschlucht, und nervös und gierig und ohne ein Wort zu sprechen stürzte und stolperte ich die steilen Abhänge hinab durch die krachenden Zweige und Wurzeln.

Ich hatte schon vielfach Gelegenheit gehabt mich im Hungern zu erproben und glaubte mich ganz gut darauf zu verstehen, mehr als die meisten anderen Menschen, mit denen ich um die Wette gehungert. Herr Kleinschmidt aber übertraf mich weit. Wenn wir Tage lang im Busch herumgeklettert waren und Abends erschöpft nach Hause kamen, konnte er sich hinsetzen und ein halbes Dutzend Vogelbälge abziehen ohne ans Essen zu denken. Und auch jetzt musste ich ihn bewundern. Er schien viel weniger zu leiden als ich.

Wir waren glücklich wieder in der Kaskadenschlucht. Aber die braunen Pfützen von gestern, nach denen wir lechzten, schienen über Nacht vertrocknet zu sein. Wir guckten in alle Löcher und Spalten der Felsen. Nichts von trinkbarer Flüssigkeit liess sich entdecken.

Herr Kleinschmidt war etwas zurückgeblieben, und wir anderen warteten auf ihn, indem wir eifrig nach Wasser forschten. Es schien mir, einer der Träger in meiner Nähe hätte Wasser gefunden. Froh darüber rief ich ihm zu, mir davon zu bringen, und es entspann sich zwischen uns beiden folgendes Gespräch. Ich frage, einer längeren Satzbildung im Viti nicht fähig »Wai?« (Wasser?). »Singai« (Nein, nicht, kein, überhaupt allgemeine Negation). Ich glaubte nicht recht verstanden zu haben und frug nochmal »Wai singai?« (Kein Wasser?) Er »Jo« (Ja). Ich »Hele mai Wai« (Bring her Wasser). Er mit ärgerlicher Betonung »Singai, Wai singai«. Ich verwundert »Wai singai?«. »Jo«. Das war mir nun zu arg. Der Kerl wollte mich entweder mit meinem peinlichen Durst verhöhnen oder mir das gefundene Wasser vorenthalten. Ich kletterte zu ihm hinüber und brüllte ihn an so grob ich konnte »Hele mai Wai, Mbativuti« (Faulpelz). Er aber klebt unter mir an seinem Felsen mit der unschuldigsten Miene und antwortet abermals sein fatales »Wai singai«. Jetzt erst fiel mir ein, dass er ganz richtig meine in der Negation gestellte Frage mit »Jo« beantwortet, logischer als wir Europäer, die wir in diesem Falle »Nein« gesagt hätten. Meine Unkenntniss hatte ihm Unrecht gethan.