Langsam und mit halber Kraft steuerten wir vorsichtig zwischen Klippen dem Lande zu. Man hatte mir immer so viel von der Vortrefflichkeit des Hafens von Honolulu gesprochen. Ich war erstaunt zu bemerken, wie wir an einer Stelle stoppten, dass die Schraube den Grund aufwühlte und das Wasser trübte.
Erst als wir dem dünnen Mastenwalde des Hafens ziemlich nahe waren, kam Honolulu aus seinem dichten Grün tropischer Gärten, in die es so malerisch gebettet liegt, einigermassen zum Vorschein. Nur die höheren Gebäude, Thürme und Flaggenstangen überragten zwischen schlank emporstrebenden Palmen den üppigen, die kleineren Häuser verbergenden Pflanzenwuchs und liessen die Stadt mehr ahnen als direkt wahrnehmen. Links zogen sich die Gärten und hie und da durchblinkenden Häuser in eine Thalschlucht hinan, rechts trug ein kahler Hügel, röthlich gesengt von den Strahlen der Sonne, ein altes Fort und Kanonen zum Salutiren auf seinem Rücken. Hinter dem Ganzen eine hohe Kette mit Wolken verschleierter Berge. Drei Kriegsschiffe, zwei amerikanische Fregatten und ein englisches Kanonenboot, lagen im Hafen vor Anker. In kleinen Kanuus, einfacher und solider konstruirt als jene der Viti-Insulaner, ruderten nackte Gestalten, blos mit dem suspensoriumartigen Maro bekleidet, uns entgegen. Es war Ebbe, und Weiber fischten über den Riffen, sammt den landesüblichen schwarzen Talaren bis über die Hüften im Wasser umherwandelnd.
In hellen Schaaren standen Europäer und Eingeborene am Landungsplatz, uns in Empfang zu nehmen. Hundert diensteifrige Hände bemächtigten sich der durch die Böte des Dampfers gelandeten schlingenförmigen Enden der Taue, mit welchen unser Koloss langsam an den Kai gewunden werden sollte, und stülpten sie über die Pfosten. Das seemännische Brüllen und Toben des Kapitäns und der Offiziere, welches nie bei dieser endlos langweiligen Prozedur des Anlegens fehlen zu dürfen scheint, vertrieb die mobileren Passagiere vom Schiff. Böte kamen längsseits, und wir flüchteten an der Strickleiter hinunter und an Land, welches wir ungefähr eine halbe Stunde früher betraten als jene, die an Bord geblieben warten mussten, bis der Dampfer am Kai festgemacht war.
Der ganze prangende Reichthum tropischer Früchte begrüsste uns, in grossen Pyramiden von Apfelsinen, Ananassen, Mangos, Bananen, Papayas und Paradiesäpfeln am Ufer aufgestapelt. Eine Menge barfüssiger, aber sonst wohlbekleideter Kanakas, mit rothen Tüchern, Blattguirlanden und Blumenkränzen geschmückt, stürzte auf uns zu und bot uns Wagen und Reitpferde an. Hübsche schwarzäugige Mädchen, mit zierlichen Sonnenschirmchen den dunklen Teint beschattend, über und über mit Blumen behangen, kokettirten sehr verführerisch den frisch angekommenen Fremdlingen zu. Was mir zu allererst an diesen Eingeborenen auffiel, war ihre frappante Aehnlichkeit mit den Maoris von Neuseeland. Es waren ganz und gar die Maoris, nur vielleicht durch das paradiesische Klima ihrer Inseln zu etwas höherer Grazie verfeinert. Lauter herrlich schöne Gestalten. Und mitten in diesem malerischen, das Auge erfreuenden Gewühl die widerwärtigsten, hässlichsten Menschen die ich kenne, bezopfte Chinesen, an den Enden langer Stangen Blechgefässe mit Goldfischen herbeischleppend.
Die Zollformalität wurde von den Beamten auf das Liebenswürdigste abgekürzt. Ich hatte blos eine Deklaration zu schreiben, nichts schmuggeln zu wollen, und durfte sofort mit meinen Kisten passiren. Ein leichtes Buggi führte mich und die theure Habe im Galopp durch die staubigen Strassen nach dem Hotel. Die Ankunft des Dampfers schien für die Bewohner von Honolulu ein Fest zu sein. Männer und Weiber, Knaben und Mädchen und kleine Kinder strömten geputzt und blumenbekränzt zu Fuss, zu Pferd und zu Wagen dem Hafen zu.
Das »Hawaian Hotel«, ein grosses schönes Gebäude in einem Garten von Akazien, Papayas und Bananas, belebte sich bald mit den Passagieren des Dampfers. Der Dampfer hatte hier Ladung zu nehmen und sollte erst morgen die Reise nach San Francisco fortsetzen. Es sprach nicht sehr für seine Küche, dass fast alle Kajütspassagiere die Pause benutzten, sich ihr zu entziehen und dafür auf dem Lande sich schadlos zu halten. Ein zahlreicher Tross von Verkäufern, die Blumenkränze und Korallen, Blattguirlanden und Muscheln und sonstige Artikel feilboten, von Kutschern und Pferdevermiethern belagerte unten im Garten und draussen auf der Strasse das Hotel während des ganzen Tages.
Unsere kalifornische Konzertgesellschaft hatte bereits seit mehreren Tagen Proben abgehalten, um während des kurzen Aufenthalts in Honolulu, wenn es sich günstig mit der Zeit fügte, schnell ein Konzert zu geben und so im Vorübergehen einige hundert Dollars zu machen, was gewiss recht vernünftig und amerikanisch war. Nun traf es sich auch wirklich mit der Zeit so gut, als man nur wünschen konnte, und Alles freute sich auf den genussreichen Abend. Aber ein anderer praktisch denkender Mann an Bord, der Reverend Mister Shark nämlich, war noch viel schlauer und amerikanischer gewesen und hatte bereits einen Monat vorher das königliche Theater, den einzigen hiezu in Honolulu vorhandenen Raum, für eine Vorlesung über den Tower von London in Beschlag genommen. Und als die Konzertgesellschaft nach Honolulu hineinfuhr, hing bereits allenthalben vor den Läden das grosse, schlecht in Holz geschnittene Bildniss des Reverend Mister Shark, seine ganze Lebensbeschreibung voll unendlichen Ruhmes und die Anzeige, dass dieser glänzende Mann, nur um den flehentlichsten Bitten der Bewohner von Honolulu zu entsprechen, sich heute Abend herablassen werde, gegen einen Dollar Eintritt über den Tower von London ungeahnte Enthüllungen zu geben. Die Konzertgesellschaft machte lange Gesichter. Es wurde viel geklatscht und geschimpft, aber ohne wesentlichen Erfolg, und statt musikalischer Gefühlsreize erschütterten am Abend die Gräuel der britischen Königsgeschichte ein kunstsinniges aus braunen und weissen Menschen bunt zusammengewürfeltes Publikum.
Hawaii ist ein konstitutionelles Königreich unter einem eingeborenen König, der über etwa 49 000 eingeborene Vollblutunterthanen herrscht. Ausser diesen leben noch ungefähr 900 Amerikaner, 2000 Chinesen und 2500 Europäer (600 Engländer, 400 Portugiesen, 200 Deutsche, 90 Franzosen) nebst mehr als 2400 Kanakamischlingen theils mit weissem, theils mit chinesischem Blut unter seinem Szepter, so dass sich die Gesammtbevölkerung des Hawaiischen Königreiches auf nahezu 56 900 beläuft. Dasselbe bedeckt einen Flächenraum von 19 757 Quadratkilometer, ist also gleich wie Viti nur um weniges grösser als Württemberg.
Als die Hawaiier zuerst in der Historie auftraten, was vor 100 Jahren geschah, waren sie in lauter kleine Stämme unter eigenen Häuptlingen zersplittert. Ihre berühmteste That seit Anfang bis Jetzt ist die Tödtung des grossen Seefahrers Cook, in der Kealakeakua-Bai 1779, geblieben. Cook ist der Entdecker der Hawaiischen Inseln, und von ihm wurden sie auf den Namen seines Vorgesetzten, des damaligen Chefs der Admiralität in London, Lord Sandwich, getauft. Die Einheit Hawaiis stammt von Kamehameha I., welcher dieselbe im Anfang unseres Jahrhunderts durch Unterwerfung aller anderen Häuptlinge herstellte. Er wird deshalb nach seinem bedeutenderen Zeitgenossen in Europa der Napoleon der Sandwichinseln genannt. Unter ihm kamen die ersten Missionäre, amerikanische Kongregationalisten, ins Land und errangen bald immer mehr Einfluss, so dass schliesslich sie die faktischen Herrscher waren. Gegenwärtig ist ihre Macht im Abnehmen begriffen. Da auch andere Sekten kamen und Konkurrenz machten, so fehlte es auch hier nicht an dem Altweibergezänk der Pfaffen. Eine auffallende Menge von verlassenen Kirchen und Kapellen allenthalben auf den Inseln, welche lebhaft an Tirol erinnert, giebt Zeugniss von jener nunmehr glücklich überwundenen Blüthezeit der Hierarchie.
Auf Kamehameha I. folgten noch vier andere Kamehamehas. Der Fünfte gab 1864 die bestehende Verfassung, nach welcher vier Minister einem aus Ober- und Unterhaus zusammengesetzten Parlament verantwortlich sind. Das Oberhaus zählt 30, das Unterhaus 42 Mitglieder. Da Kamehameha V. ohne Thronerben starb, wählte das Parlament einen gewissen Lunalilo, und als auch Lunalilo ohne Thronerben starb, einen gewissen Kalakaua zum König, und dieser letztere regiert noch jetzt.