Der Andere aber war ein Bonze vom reinsten Wasser und zugleich ein höchst komischer Kauz, eine Figur, wie sie nur das raffinirte Muckerthum englischer Rasse hervorzubringen vermag. Ewig schwebte ein gottbeseligtes, wehmüthiges Lächeln auf den dicksinnlichen Lippen des kurzen und fetten, glattrasirten und glattgescheitelten Männchens. Wenn ihn ein gesundes Lachen anwandelte, wozu er viel natürliche Neigung hatte, kämpfte sein angenommener Ernst, der solch weltliche Heiterkeit verbot, gewaltsam dagegen, und eine unübertrefflich süsssaure Grimasse kam zum Vorschein. Aus lauter christlicher Demuth hielt er den Kopf stets auf die eine Seite geneigt, und unermüdlich war er darauf bedacht, durch Miene und Benehmen die natürliche Einfalt seiner Gesichtszüge noch zu vermehren.
Er hatte eine lange und kräftige und robuste, eckige und majestätische Ehehälfte bei sich, die ihn kommandirte. Sie war der Typus einer bösen Sieben und übertraf ihn weit an Schulterbreite und Höhe. Ohne sie war er ein hilfloser Greis, nicht etwa an Jahren, sondern aus lauter christlicher Demuth. Sie schleppte ihn täglich mit langen Schritten, so dass er kaum folgen konnte, über Deck auf und ab, sie drückte ihn in seinen amerikanischen Streckstuhl, wenn sie dessen müde war, riss ihn wieder empor und führte ihn zu Tisch, wenn das Gong erschallte. Er gehorchte mechanisch und lautlos. Wo sie ihn hinwarf, da blieb er sitzen. Um sich die Reisemütze aufs Haupt zu stülpen brauchte er immer beide Hände, während die junonische Gattin ihn festhielt und vielleicht noch mit einem derben Schlag auf den Deckel nachhalf.
Nur beim Essen entwickelte er eine grössere Selbständigkeit und Gewandtheit. Juno durchbohrte die Stewards mit giftigen widerstandslosen Augen und herrschte sie an, falls sie ihren Gemahl vernachlässigten. Er aber ass und ass und lächelte wehmüthig dabei über seine menschliche Schwäche und faltete wie zum Gebet die Hände, wenn er wieder mit einer Schüssel fertig war. Ein Lieblingsthema seiner Predigten – er predigte beinahe jeden Abend nach dem Konzert – handelte von der wahren Philosophie des Christenthums, welche über den Tod triumphire. Ich möchte den gefrässigen Bonzen in einem gegebenen Fall gesehen haben, wie schnell er sich alle erreichbaren Rettungsgürtel umgeschnallt hätte, statt erst lange über den Tod zu triumphiren.
Er würde gewiss sich unschätzbare Verdienste um unser aller Seelenheil erworben haben, wenn nicht sein Widersacher, der böse Reverend Mister Shark, unablässig darauf bedacht gewesen wäre, ihm zu widersprechen und ihn zu ärgern, wobei er immer, weniger redegewandt als dieser, den Kürzeren zog. Zuweilen legte sich dann zornglühend die herrschsüchtige Juno ins Mittel, aber auch sie hatte gegen den aalglatten gewandten Yankee, der ihr stets mit der grössten Artigkeit begegnete, keinen Erfolg. Die Partei des dicken Deakon nahm immer mehr ab, die des smarten Yankee immer mehr zu, und an den letzten Abenden vor unserer Ankunft in Honolulu besuchten nur mehr ein paar alte Damen männlichen und weiblichen Geschlechts die Andachtsübungen des hochehrwürdigen Deakon.
Wie gesagt, ohne die zwei Pfaffen wäre es recht langweilig gewesen an Bord, und wohl alle die Reisegefährten von damals werden sie nie vergessen, sondern in dankbarem Andenken bewahren.
XVIII.
HONOLULU.
Ankunft. Wieder der Reverend Mister Shark. Erste Eindrücke von Honolulu. Geschichtliches, Ethnologisches und Erotisches. Sehenswürdigkeiten. Die Regierung, das Parlament, das Militär. Amerikanerthum und Deutschthum. Die Chinesen. Klima und Sanität. Die Leprosen. Der Fischmarkt. Die Umgebung. Ritt nach dem Pali.
Am Morgen des 16. August hatten wir die Insel Oahu, auf welcher Honolulu, die Hauptstadt des Hawaiischen Königreiches liegt, in Sicht. Die Ueberfahrt von Kandavu hatte somit nicht ganz zwölf Tage gedauert.
Die zwölf Hawaiischen oder Sandwich-Inseln erheben sich, der Richtung des vulkanischen Spaltes in der Erdrinde entsprechend, aus welchem sie hervorgequollen sind, in einer gestreckten Reihe von Nordwest nach Südost. Wir kamen aus Südwest, also senkrecht auf sie zu, und konnten in Folge dessen nur jene Insel sehen, die gerade vor uns war, Oahu.
Hohe Berge mit sanft ansteigenden Böschungen, kahl oder mit einer eigenthümlich hellen Vegetation bedeckt, stiegen aus dem indigoblauen Wasser des Ozeans empor. Blendend von der Sonne beleuchtete Schaumstreifen, die Brandung über den Riffen, umsäumten die Ufer. In einer zierlichen Yacht amerikanischer Bauart, von deren Gaffel die Flagge des Königreiches der Hawaiischen Inseln wehte, legte sich der Lootse, ein Amerikaner, an unsere Seite. Sechs wohlgestaltete braune Kanakas, alle in weissen Hemden, weissen Hosen und weissen Marinekäpis, bildeten die Besatzung seines Fahrzeuges, welche echt amerikanisch sofort gedruckte Reklamen von Geschäften in Honolulu vertheilte.