Dort fehlte es auch sonst nicht an allerlei Unterhaltung. Jede Minute scheuchten wir fliegende Fische auf, die rechts und links aus dem Wasser emporschwirrten und über die nächsten Wellen undulirend dahinflogen, stets in der Haltung eines Vogels, der sich niedersetzen will und um den Flug zu hemmen die Flügel nach vorne stemmt. Oder es kamen lange Züge von Tümmlern herangewälzt, begleiteten ein paar Stunden das Schiff und setzten dann wieder ihre ursprüngliche Richtung weiter.
Ich that einen glücklichen Griff, indem ich mir statt einer der überfüllten aber nobleren Kabinen unten im Salon die vorderste oben gleich neben der Küche und den Vieh- und Hühnerställen geben liess, und zwar rechts auf der Windseite. Es waren sechs Kojen darin, ich bekam aber nur einen einzigen Genossen, einen jungen Kaufmann aus Levuka, der die unschätzbaren Vorzüge hatte, des Morgens die Kabine sofort für den ganzen Tag zu verlassen, nicht seekrank zu sein und nicht einmal zu schnarchen. An Ventilation war hier kein Mangel. Der frische Passat strömte direkt zur Thüre und zu den Fenstern herein, so heftig, dass Handtücher und Vorhänge wild zu flattern begannen, wenn man sie öffnete. Und während die Passagiere der Leeseite und der unteren Kabinen rathlos schwitzten oder auch die Nächte auf Deck zubrachten, hatten wir stets den schönsten kühlenden Luftzug, wenn wir im Bett lagen. Ich hatte diesen Raum gewählt, um ungestört arbeiten zu können. Aber die besten Vorsätze mussten an den Schwierigkeiten der Umstände scheitern. Der Waschtisch mit den zwei hohlen Waschbecken war ein sehr unbequemes Schreibpult, und das mühselig angefertigte Manuskript fiel häufig ins Waschwasser oder flog nach allen Richtungen auseinander, sowie die Thüre aufging.
Als die äquatorialen Stillen kamen, machte sich allerdings die Nähe des lebenden Proviants und anderer Dinge empfindlich bemerkbar. Von links stanken die Ochsen und Schafe, von der Front das Geflügel, von rechts die Küche und von allen Seiten die Chinesen, die Zwischendecker und die Maschine. Die Chinesen hatten hier nicht ihr eigenes Logis, sondern schliefen vorne neben den Ankerketten in Hängematten oder auf dem Boden. Den ganzen Tag lagen dort ihre nackten, ausgemergelten, leichenartigen Körper herum. Ein mitleiderregendes Schauspiel boten die nicht oft genug gereinigten Käfige der Hühner, Enten, Gänse und Puter, die am stärksten von der Hitze litten, und es war kläglich anzusehen, wie sie eng zusammen gesperrt nach den Gittern drängten um Luft zu schnappen.
Deutsche Landsleute fehlen bekanntlich nirgends auf der Erde. Ich fand mich bald mit einem solchen, welcher zugleich Kollege war, zusammen. Er hatte auf den Philippinen als Augenarzt praktizirt und ging nun nach Peru, wo er in Goldminen interessirt war. Wir beide und zwei Franzosen, die von Neukaledonien kamen, bildeten eine intimere Tischgesellschaft zum Kampf ums Dasein gegen die Nachbarn. Auch im Waitemata Hotel zu Auckland hatte ich vorzugsweise mit zwei Franzosen verkehrt. Trotz der politischen, künstlich gemachten Gegensätze werden eben Deutsche und Franzosen sich von einander stets in höherem Grade angezogen fühlen als von den wenig liebenswürdigen Engländern, der steifsten exklusivsten Rasse der Erde. Dreht einem nicht schon jeder kleine englische Balg, den man ob seiner Wohlgestalt freundlich betrachtet, kaum dass er krabbeln kann, hochmüthig und naserümpfend den winzigen Hintern zu, als ob er sagen wollte: »Du bist mir nicht vorgestellt«. Die beiden Franzosen waren recht liebenswürdige Leute, aber entsetzlich ungelehrt und voller naiver Fragen. Wenn sie wissbegierig wurden, wurden sie unangenehm. Denn sie wussten von Gottes grosser Welt schauderhaft wenig. Warum das Englische anders ausgesprochen werde, als das Französische, warum es hier wärmer sei als in Paris, warum man das Seewasser nicht trinken könne, solche und andere Dinge mehr gaben sie uns zu beantworten. Sie verstanden fast kein Wort Englisch, hatten auch wohl nicht übermässig viel Geld auszugeben und wollten allein durch Amerika reisen. Wie es ihnen dort wohl ergangen sein mag.
Fünf junge Engländer, die ich später noch näher kennen lernen sollte, da sie gleichfalls einen Monat auf Hawaii zuzubringen und den Krater Kilauea zu besuchen gedachten, liessen sich aus Langweile von dem Bootsmann britische Flaggen auf die Vorderarme tätowiren und bekamen in Folge dessen eine starke Entzündung der betreffenden Hautpartien. Noch lange eiterten und schmerzten die wehenden Banner, und ich selbst hatte in der Folge, als ich ihr Reisegefährte nach dem Kilauea wurde, darunter zu leiden, indem sie gepeinigt auf den Bootsmann der City of New York schimpften und übler Laune waren. Man ergreift eben auf See jede noch so geringfügige Gelegenheit sich zu beschäftigen. Ich verlegte mich darauf, meinen Körper mehrmals täglich Gewichtsbestimmungen auf der Brückenwage im Gepäckraum zu unterziehen, und hatte die Freude zu konstatiren, dass mein Gewicht trotz des fürchterlichen Schwitzens und trotz der mageren Salonkost auf der zwölftägigen Reise um zwei Pfund zunahm. Mein Aufenthalt in Kandavu mochte mich allerdings um viel mehr leichter gemacht haben.
Auch eine wandernde Konzertgesellschaft aus Kalifornien hatten wir an Bord, welche öfter als mir lieb war oben in der Social Hall eine Produktion zum besten gab. Es wurde Piano gespielt und gesungen, trompetirt und gegeigt. Wir anderen aber sassen herum und schwitzten.
Zuweilen war es interessant und unterhaltend, das Benehmen von Personen zu beobachten, die an jenem leichtesten Grad von Seekrankheit, der sich in einem gewissen Stumpfsinn äussert, litten. Da liegt zum Beispiel Einer den ganzen Tag regungslos in seinem Streckstuhl. Nur von Zeit zu Zeit erwacht auf einmal der Thätigkeitstrieb in ihm, er springt auf, aber gleich wirft er sich wieder in seinen früheren Zustand, sobald er merkt, dass das Schiff noch immer schaukelt. Ein Anderer wandert beständig mit einem Buch unterm Arm herum, von seiner Kabine auf Deck, von Deck nach dem Salon hinunter, nach der Social Hall, nach dem Rauchzimmer, nach der Seitengallerie, nach vorne und nach hinten, setzt sich hierhin und setzt sich dorthin, ohne zur Ruhe und zum Lesen zu gelangen. Man fragt sich dutzendmal, ob Vormittag oder Nachmittag sei und was jetzt nächstens für eine Mahlzeit käme, und hat es nach einer Viertelstunde wieder vergessen.
Die Langweile wäre unerträglich geworden, wenn wir nicht zwei Reverends mit unter den Passagieren gehabt hätten, die sich beständig zankten.
Gleich der erste Tag der Reise, jener durch die profane Institution des Datumwechsels in zwei gespaltene, Vielen unbegreifliche Sonntag, gab Veranlassung zu einem sehr amüsanten frommen Disput zwischen den beiden Gesalbten des Herrn. Der eine behauptete, der erste Sonntag sei der richtige und durch Gottesdienst zu feiern, der andere behauptete dies von dem zweiten, und schliesslich einigten sie sich dahin, dass jeder an dem von ihm verfochtenen Sabath predigte und vorbetete.
Reverend Mister Shark, wie der Verfechter des zweiten Sabaths hiess, ein schlauer, magerer Yankee, entpuppte sich übrigens im weiteren Verlauf der Reise als räudiges Schaf der episkopalen Kirche, dem es nur darum zu thun gewesen war, seinen alten englischen Kollegen, welcher die Würde eines Deacon besass, zu ärgern. Reverend Mister Shark hatte sich schon lange von der Frömmigkeit ab und einem lukrativeren Berufe zugewendet. Er war Wanderprofessor geworden und zog von Land zu Land, um Vorlesungen über drei oder vier historische Gegenstände zu halten, zu welchen er grosse farbige Illustrationen besass. Damit machte der smarte Yankee eine Menge Geld und stand sich sehr wohl dabei ohne viel Mühe zu haben, nachdem die vier Vorlesungen einmal gründlich eingepauckt waren. Um sonstige Wissenschaften schien er sich nicht sonderlich zu kümmern. Er frug mich einmal sehr verwundert, wie es möglich sei, dass wir den senkrechten Stand der Sonne später passirten als den Aequator.