Am 11. August hatten wir Mittags 48 Minuten nördlicher Breite. Wir hatten somit den Aequator kurz zuvor überschritten. Am 14. August stand die Mittagssonne ungefähr senkrecht über uns, und am Abend vor unserer Ankunft in Honolulu sah ich meinen alten nordischen Freund, den grossen Bären, wieder.
Die City of New York machte im Anfang einen besseren Eindruck als ihre vollständig gleichgebaute Schwester die City of San Francisco, mit der ich von Auckland gekommen war, vielleicht blos deshalb, weil keine Mongolen sondern Weisse und Neger sowie Mischlinge beider in der Kajüte bedienten. Es dauerte indessen nicht lange, bis auch hier aus allen Dingen die kleinliche Sparsamkeit der Pacific Mail Steam Shipping Company guckte, welche auf der australischen Linie schlechte Geschäfte macht.
Das Matrosenvolk zählte kaum zwanzig Köpfe und bestand nur aus Chinesen, die mit einem eigenthümlich schrillen Geheul und mit nervöser Hast an den Tauen rissen. Es scheint etwas Unruhiges und Zappeliges in der Mongolennatur zu liegen. Die Heizer waren natürlich auch nur Chinesen, lauter echte, niederträchtig hässliche Sklavengestalten. Diese Mongolen mögen ganz brauchbare Lastthiere sein, als Matrosen aber erwecken sie kein Vertrauen. Im Fall eines Unglücks werden sie sich stets als feiges, jeder Ehre und jeden Pflichtgefühls baares Gesindel zeigen, was erst unlängst die Strandung eines Dampfers der Pacific Mail an der peruanischen Küste glänzend bewiesen hat.
Die Mahlzeiten waren eben so schlecht und ungenügend wie auf der City of San Francisco. Auch hier beherrschten die kleinen amerikanischen Schüsselchen mit lauter Nichtschen darauf das Menü. Man erreichte sein Verlangen den gesunden Seeappetit zu stillen nur selten. Die ganze Gesellschaft blickte auch hier oft gierig Tafel auf Tafel ab, wo noch etwas zu erhaschen sein möchte, und feindliche Gesinnungen entwickelten sich in diesem Kampf ums Dasein.
Es wurde kein Eis zum Getränk verabreicht. Wir mussten mit warmem, nicht selten unfiltrirtem, trübem und rostigem Wasser dem mit steigender Hitze anwachsenden Durst gerecht zu werden suchen. Um diese schmähliche Knauserei in der Verpflegung, die sich »erster Klasse« nannte und auf den Programmen der Agenten bombastisch gepriesen wurde, gebührend zu würdigen, ist zu betonen, dass wir unter amerikanischer Flagge fuhren, und dass nach amerikanischen Begriffen Eis zu den gewöhnlichsten Bedürfnissen selbst des Aermsten gehört. Ich glaube nicht, dass durch solch peinliches Sparsystem die Verluste der Kompagnie merklich erleichtert wurden. Ich wünsche ihr im Interesse des Verkehrs alles mögliche Gute. Aber eine volle Passagierzahl möchte ich ihr niemals wünschen. Dies wäre inhuman. Obgleich noch etwa ein Viertel der Kabinen unbesetzt war, hatten wir schon genug an Raumbeschränkung zu leiden.
Wie ganz anders ist es dagegen auf den Atlantischen Postdampfern, mit denen sich diese Pacifischen überhaupt in keiner Weise vergleichen lassen. Wir legten niemals 300 Seemeilen in einem Tage zurück trotz des günstigsten Wetters, und was wir durch den Passat an Segelkraft gewannen, wurde gleich wieder an den Kohlen gespart. In den Kalmen machte sich das bedeutende Obergewicht des hoch aus dem Wasser ragenden Schiffes empfindlich geltend, indem es scheinbar ganz unmotivirt niemals aus einem langweiligen trägen Hin- und Herrollen kam, so dass es viel Seekrankheit gab bei einer so ruhigen glatten See, wie man sie auf dem Nordatlantik selbst im Sommer selten sieht. Eine Winterfahrt in jenen rauhen Gewässern würde unser Steamer wohl kaum mit heiler Haut überstanden haben.
Wenn auch die weissen, halbweissen und schwarzen Aufwärter im Salon nichts an Diensteifer zu wünschen liessen, so war doch niemals Ordnung und System bei Tisch. Der ganze Salon war voll, und Streitigkeiten um die Plätze hörten mehrere Tage nicht auf. Der Obersteward, ein brutaler tyrannischer Quarderone, that was er wollte. Er kujonirte seine Untergebenen in der schauderhaftesten Weise, ohne den Passagieren damit zu nützen, und hatte ein raffinirt militärisches Reglement des Servirens eingeführt, welches jedoch nur durch seine komische Seite uns zu Gute kam.
Alle Bewegungen des Personals wurden durch Glockenschläge dirigirt. In der Mitte des Buffets stand wüthend die Augen rollend der Feldherr und lenkte die Schlacht. Erster Glockenschlag – die Aufwärter ergreifen jene ominöse Menge von Schüsselchen und stellen sich in zwei Reihen auf. Zweiter Glockenschlag – sie setzen sich in Bewegung und marschiren jeder an seinen Tisch. Dritter Glockenschlag – sie beugen sich vor und erwarten ängstlich schwitzend den vierten Glockenschlag – der ihnen gestattet, sich ihrer Last zu entledigen. Die Theilung der letzten zwei Momente durch eine längere Pause war ein sehr beliebter Scherz jenes Viertelsnegers, und gewöhnlich schüttelten uns dabei die durch die unbequeme Stellung, das Rollen des Schiffes und die Hitze gequälten Opfer seiner Laune einen förmlichen Schweissregen in unsere Teller. Was für elende Subjekte mussten diese Stewards sein, dass sie sich Solches gefallen liessen.
Wir hatten Viti unter Regen und drückender Treibhausschwüle verlassen, dann waren einige schöne, lachende Passattage gekommen, und jetzt unter der Linie litten wir abermals an unerträglicher Hitze und Dunstigkeit. Bleifarbene Wolken bedeckten den Himmel, und bleifarben wogte schwerfällig die See. Das Schiff hörte niemals zu rollen auf, und öffnete man im Salon ein Fenster, flugs leckte gurgelnd eine Welle herein, begoss die Nächstsitzenden und nöthigte die Ladies zu einem Schrei des Entsetzens. Nie ist mir das Reisen saurer geworden als damals.
Nicht einmal die Wohlthat eines erquickenden Bades konnte man auf dieser City of New York geniessen. Die Badezimmer empfingen von dem hinter ihnen durchgehenden Maschinenraum so viel Hitze, dass sie unübertreffliche Schwitzkästen waren. Die einzige Möglichkeit sich abzukühlen bestand darin, dass man vorn an der äussersten Spitze des Deckes den Wind, welchen die Fahrt des Schiffes selbst erregte, an sich heraufströmen liess.