Die Zealandia kam pünktlich zur bestimmten Zeit von Sydney her eingelaufen. Schaarenweise ergossen sich die Passagiere ans Land. Jetzt wars aus mit der schönen Idylle. Glatt geschniegelte Gentlemen und geschminkte Ladies wohin man blickte. Auch der Kapitän, ein dicker kurzer aber sehr gravitätischer Herr, erschien in voller Uniform, einen Regenschirm unterm Arm, so dass er aussah wie der Amiral Suisse. Leider erfuhr ich die Veranlassung seines pompösen Auftretens zu spät, als sie bereits vorüber war. Es fand nämlich eine Gerichtsverhandlung gegen ihn und den Agenten statt. Er war beschuldigt auf einer früheren Fahrt mehrere Insulaner von Kandavu zur Ergänzung seiner theilweise desertirten Mannschaft nach San Francisco mitgenommen und sie zwar richtig wieder zurückgebracht aber nicht bezahlt zu haben. Jetzt wurde er genöthigt dieses Versäumniss nachzuholen. Als Gerichtssaal fungirte die grösste Laubhütte Wailevus, und um das Gericht abzuhalten, war eigens ein weisser Justice mit zwei Schreibern aus Levuka herübergekommen.
Wailevu gerade gegenüber liegt die kleine, palmengekrönte Insel Angaloa, grösstentheils das Besitzthum der Pacific Mail Steam Shipping Company, welche auch dort am Ufer ihre Office hat, was sehr unbequem ist, da man so nur mittels eines Bootes zum Agenten Mister Woods, dem ehemaligen Premierminister Thakombaus, gelangen kann. Ich fuhr hinüber um ihm, dem grossen Staatsmann einer interessanten Vergangenheit, mein Ticket zu zeigen und mich für die City of New York einschreiben zu lassen. Dann sah ich mich ein wenig auf dem Inselchen um. Hinter der Office ist ein lobenswerther Anfang von Spazierwegen den Hügel hinauf gemacht, und auf der entgegengesetzten Seite fand ich unten ein hübsches Dorf, in dem die Weiber eifrigst beschäftigt waren, Tapa zu klopfen, wahrscheinlich um sie noch zu Markt auf die Dampfer zu bringen. In einer tiefeinschneidenden seichten Bucht, deren Zusammenhang mit der See das prangende Grün eines Mangrovesumpfes versteckte, lagen mehrere Kanuus, und eine Menge von Hühnern und Schweinen gaben Wohlhabenheit kund. Das ganze Dorf ist gegen das Land mit einem Zaun umgeben. In einem schmutzigen Süsswassertümpel lag badend ein alter gebrechlicher Mann.
In Wailevu gab es von nun ab jeden Abend Kawagelage und Meke Meke für die Passagiere der Zealandia, welche auf die von Neuseeland her fällige City of New York warteten, um die Reise nach Osten fortzusetzen. Es scheint sich auf diese Art den Eingeborenen ein neuer Erwerbszweig zu entwickeln.
XVII.
VON KANDAVU NACH HONOLULU.
Gang der Reise. Abermals die schmähliche Knauserei der Pacific Mail Steam Shipping Company. Der Obersteward und sein Servirreglement. Die Aequatorkalmen. Die Passagiergesellschaft. Ausflüsse der Langweile. Zwei Bonzen englischer Rasse.
Erst am frühen Morgen des 6. August erschien endlich die City of New York die mich nach Honolulu bringen sollte. Sie hatte in Neuseeland an der Barre von Port Chalmers wieder Schwierigkeiten und Aufenthalt gehabt. Daher die Verspätung.
Ich verabschiedete mich von Herrn Kleinschmidt, dem ich so grossen Dank schuldig war, nahm ein Boot und schiffte mich ein, was leichter und schneller ging als ich in Anbetracht der vielen Passagiere, die mit Sack und Pack von der Zealandia herüberwimmelten, erwartete. Meine sieben Kisten wurden diesmal merkwürdiger Weise ohne jegliche Schikane untergebracht. Bald darauf dampften wir aus der Angaloa Bai, die schönen Palmenhaine und Wilden hinter uns lassend.
Wir gingen in einem weiten Bogen um die südöstliche Ecke der Vitigruppe herum und nahmen dann einen nördlichen Kurs. Hie und da sah man links die fernen Bergkonturen einer der Inseln. Zwischen Viti und Samoa zieht sich die Datumgrenze des Stillen Ozeans hin. Da wir nach Osten also gegen die Sonne fuhren, musste gleich hinter Viti ein Tag eingeschoben werden. Wir zählten zweimal den 6. August, welcher ein Sonntag war.
Es hiess, der Kapitän beabsichtige durch die Samoagruppe zu steuern. Wind und See wurden jedoch heftiger, so dass wir sie rechts liegen liessen. Am Morgen des dritten Tages, als ich noch schlief, sollte ein Stück davon in Sicht gewesen sein.
In der Nacht darauf passirten wir eine isolirte kleine Insel, welche die Offiziere Swains Island nannten, und auf welcher man ein Feuer bemerkt haben wollte. Dieses Feuer erwärmte die Phantasie der müssigen Passagiere zu den fabelhaftesten Geschichten. Selbstverständlich war das Inselchen von gräulichen Kannibalen bewohnt. Durch das Feuer dachten sie uns vielleicht zum Scheitern zu verlocken. Andere glaubten, dass dort ein Kriegstanz aufgeführt worden sei, und wieder Andere hatten vielleicht einen Menschen braten sehen. Von nun an bis Honolulu erblickten wir nicht die Spur eines Landes mehr, obwohl wir die Inselschaar Polynesiens mitten durchkreuzten.