So war ich denn wieder im Hotel zu Wailevu, diesmal um definitiv Abschied zu nehmen von dem fröhlichen, glücklichen, nackten Insulanergesindel. Wieder besuchte ich den Doktor und sass bei Laternenschein in seinem windigen Studirzimmer. Leider war ihm mittlerweile sein köstlicher Rheinwein ausgegangen. Wieder sah ich Charly und den anderen Landsmann und die ganze übrige versoffene Bande, sah auch die drei verunglückten Seeleute wieder, welche auf Rechnung des amerikanischen Konsuls von Levuka nach San Francisco gebracht werden sollten, und der Mexikaner hatte sich mit dem Wirth versöhnt und spielte wieder seine internationale Musik auf allen Thüren und Holzwänden. Nur den alten Bonner Studenten und jetzigen Polizeisergeanten sah ich nicht wieder. Denn er hatte sich gestern mit einem Freunde geprügelt und lag mit verschwollenem blauem Gesicht zu Hause im Bett.
Der lästigen Pflicht des Einpackens genügend hätte ich es beinahe ernstlich mit der braunen Stubenmagd verdorben. Die vielen nicht sehr reinlichen und geruchlosen Naturalien, die ich in meinem Zimmer ausbreitete um sie zu ordnen und in Kisten zu vertheilen, erregten ihr grosses Missfallen, und jedesmal so oft sie mit der Suluka im breiten Maul eintrat und den Platz immer noch nicht für ihre Arbeit frei fand, blitzte sie mir tadelnde Blicke aus ihrem stupiden Antlitz zu, zog sich zurück und schimpfte.
Bald war das Hotel wieder eben so voll von Betrunkenen wie bei meinen früheren Besuchen und bot zuweilen Szenen dar, als ob es ein Narrenhaus wäre. Unter den Betrunkenen befanden sich zwei Mischlinge, deren einer in der englischen Midshipman-Uniform steckte. Den Vollbluteingeborenen geistige Getränke zu verabreichen ist von der Regierung wohlweislich strenge verboten, und die Ganzwilden sind in der Regel nüchtern. Eine Beimischung weissen Blutes scheint hiervon zu dispensiren. Der Midshipman gehörte zur Besatzung des Vermessungsschooners und war mit einem älteren Matrosen herübergekommen, um auf Briefe zu warten. Der Andere, ein schöner und stattlicher Mann, gerieth mit dem verunglückten Norweger in Streit und forderte ihn zu einem Fight heraus. Dieser aber zog sich feige zurück, indem er behauptete, es sei unter seiner Würde, mit einem Nigger loszugehen. Sich von ihm treaten zu lassen hatte er nicht unter seiner Würde gehalten. Es war nun komisch aber keineswegs vortheilhaft für den Weissen zu beobachten, wie der ritterliche Halbwilde todesmuthig und unermüdlich vor dem Hotel seine Herausforderung wiederholte, und wie sein Gegner, der Norweger, der es nicht mehr wagte ins Freie zu treten, ihn durchs Fenster hartnäckig für einen Nigger und satisfaktionsunfähig erklärte.
Der Levukadampfer erschien und warf Wailevu gegenüber Anker. Auch auf ihm gab es eine grosse Zecherei, wobei es so lustig herging, dass am anderen Morgen im Salon eine kleine Ueberschwemmung angerichtet und Spiegel und Fenster zerschlagen waren. Offiziere und Passagiere hatten sich erst damit amüsirt, durch das Decklicht Wasser auf die Untensitzenden zu giessen und schliesslich sich ein wenig geprügelt.
Bei jenem Kaufmann, der damals in Dalingele beinahe ertrunken wäre, machte ich noch einige Einkäufe. Er hatte seinen Laubhüttenladen mit allen möglichen Vitimerkwürdigkeiten für die von den Dampfern zu erwartenden Fremden kompletirt. Namentlich fiel mir eine Menge verschiedenst gestalteter Keulen auf. Die Eingeborenen müssen diesen Artikel ehemals in ungeheurer Anzahl produzirt haben, da es davon noch so viel giebt. Er hatte auch Photographien von Insulanern, die in Levuka gefertigt waren. Leider fand ich darunter nur wenige gute und typische.
Ich lernte den Regierungshäuptling der Insel kennen, einen Mann in den Vierzigen mit grauem Schnurrbart, Wangen und Kinn rasirt. Ein blaugestreiftes feines Hemd und ein dunkel gemusterter Sulu aus Tapa waren seine Bekleidung. Als weitere Konzession an die Kultur trug er einen Papierkragen um den Hals. Die Beine und Füsse waren nackt wie bei allen Anderen. Man sagte ihm, dass ich derselbe sei, der seinen Freund in Dalingele, den alten Häuptling von der Rewa, behandelt habe, und zum Zeichen seiner Anerkennung hierfür schenkte er mir ein Stück zartester weisser Tapa, welches lose geschürzt um seine Schultern hing. Er hatte ein Frauenzimmer bei sich, eine Tonganerin, deren Kostüm eine wunderbar effektvolle Farbenzusammenstellung zeigte. Die eigenthümlich gelbbraune Haut der Büste und der blossen Arme und Beine, das Haar hellglänzend gelb von hineinfrisirtem Kalk, das hellblaue Busenhemdchen und der frischgewaschene weisse Sulu mit schwarzem Franzengürtel um die Hüften machten sie zu einer äusserst malerischen Erscheinung. Wenn doch einer unserer modernen Farbenvirtuosen zugegen gewesen wäre diese weichen harmonisch gestimmten Töne festzuhalten.
Auch einen weissen Herrn aus Levuka lernte ich kennen, der viel in Inselpolitik zu machen schien. Man sollte kaum glauben, welche Menge von politischer Leidenschaft auf dem kleinsten Fleckchen Erde ihr Spiel treibt. Jener weisse Herr war ein wüthender Gegner des Gouverneurs und der Missionäre. Ich weiss nicht mehr Alles, was er mir erzählte. Einiges aber war so interessant, dass ich es behielt. Er behauptete, was ich indess schon öfters gehört hatte, England habe die Kolonie nur widerwillig und gezwungen durch die ewigen Streitigkeiten zwischen den Europäern und dem König Thakombau an sich genommen und wäre froh, sie wieder los zu sein, Viti habe bisher blos schweres Geld gekostet, ohne einen erheblichen Nutzen zu bringen.
Das Kolonisiren scheint jetzt überhaupt schwieriger zu sein als früher. Früher kümmerte man sich nicht viel um die Rücksichten der Humanität, und die Geschichte wohl jeder Kolonie beginnt mit Gewaltakten und Unterdrückung der Rechte der Eingeborenen. Seitdem die mächtig gewordene öffentliche Meinung laut ihre Stimme zu Gunsten der Menschlichkeit erhebt, seitdem man gezwungen ist, die Landkäufe und die Beschaffung von Arbeit auf ehrliche Weise abzumachen, rentirt sich das Anlegen neuer Plantagen nicht mehr wie früher, und nur auf jenen Inseln der Südsee steht der Handel in höherer Blüthe, auf denen der Kuli-Import noch in der Stille und unkontrolirt fortgetrieben werden kann.
Es ist eine interessante Erscheinung dort, dass die Eingeborenen auf ihren eigenen Inseln sich weigern, mehr als das Nöthigste zu arbeiten, dass sie aber als Kulis auf fremde Inseln versetzt, ganz gute fleissige Arbeiter werden.
Verwandt mit dieser Thatsache dürfte jene andere sein, dass auch der deutsche Handwerker, aus seinem heimathlichen Schlendrian in das frischere amerikanische Medium versetzt, nicht mehr billig und schlecht, sondern ausgezeichnet und jeglicher Konkurrenz gewachsen produzirt. Er bringt die besten Anlagen mit sich auf die Welt, aber im Sumpfe der Alltäglichkeit und des Herkömmlichen bleiben sie unentwickelt, die Zünftigkeit äussert ihren nivellirenden Einfluss und hält jede freiere Regung zum Besseren nieder. Gleichwie in der Entstehung der Arten, so spielt auch in der Kulturgeschichte der Menschheit Isolirung eine wichtige Rolle. Und erst wenn das Experiment der Isolirung zur Genüge angestellt ist, wird man im Stande sein, zu entscheiden, wie viel Berechtigung in dem oft gebrauchten Schlagwort von der Kulturunfähigkeit der sogenannten niedern Rassen steckt.