Nach dem Frühstück begab ich mich an den Strand um noch schnell den Bukelevu zu zeichnen, ehe wir abreisten. Da versammelte sich natürlich wieder das ganze Gesindel der Jungen und Mädchen um mich und hörte nicht mehr auf, meine Kunst bewundernd »Ossibi, Ossibi« (schön) zu schreien. Sie wurden mir bald lästig und immer zudringlicher und dreister. Eines der Mädchen, unsere Nachbarin, eine hetärenhafte Person mit aussergewöhnlich groben und hastigen Manieren und ungezogenem Lachen, trieb die Frechheit so weit, sich ganz unverfroren auf meinen Rücken zu lümmeln. Ich zog ruhig mein grosses blankgeschliffenes Messer aus dem Gürtel, und im Nu stob die ganze Gesellschaft kreischend auseinander, um mir nicht wieder in die Nähe zu kommen.

Wir brachten unser Gepäck auf den Kutter und lichteten Anker. Während eine frische Brise uns vom Lande entfernte, strömten am Ufer die Eingeborenen der Umgebung schaarenweise in die Kirche nach Taulalia, von wo das Getrommel der Lalis zum Gottesdienst rief. Es war ein charakteristisches farbenreiches Bild, die hohen braunen Gestalten der graubebarteten Männer und die gypsköpfigen Weiber und Kinder alle in hellen, bunten Gewändern den glänzenden Strand dahinwandeln zu sehen, hinter ihnen das dunkle Gebüsch und die Palmen, vorne die grünblaue schäumende See und über dem Ganzen der strahlende blaue Himmel.

XVI.
LETZTE TAGE AUF KANDAVU.

Mit dem Kutter nach Namalatta. Ein kleiner Albino. Festgäste von Tavuki. Wieder im Hotel zu Wailevu. Packerei und Einkäufe. Der Regierungshäuptling. Ankunft der Zealandia und Gerichtsverhandlung. Das Inselchen Angaloa.

Meine Tage in Gavatina waren gezählt. Ich musste an den Abschied denken und einpacken. Am 4. August sollte der Dampfer von Neuseeland, er konnte aber auch früher kommen, und um ihn nicht zu versäumen, war es gerathen schon vom zweiten an in Wailevu auf ihn zu warten.

Herr Kleinschmidt gab mir das Geleite dorthin. Der Kutter brachte uns zunächst wieder in die Namalatta-Bucht. Auf dieser langweiligen Fahrt, die durch widrigen Wind und durch die von den Korallenriffen auferlegten Umwege beinahe einen ganzen Tag in Anspruch nahm, sah ich zum ersten mal eine Schildkröte im Wasser schwimmen und schlafen. Nur die Schnabelspitze und der oberste Theil ihres Rückenschildes ragten daraus hervor. Sie wachte gerade noch rechtzeitig auf um den gierigen Nachstellungen unserer Burschen zu entgehen. Ein Ruck, und sie war verschwunden. Bald darauf sah ich auch meinen ersten kleinen Walfisch in diesen Gewässern. Es war ein sehr lustiger Walfisch, der sich damit amüsirte, aus dem Wasser in die Höhe zu schnalzen, so nahe unserem Kutter, dass wir die von dem ungeschlachten Thier erregten Wellen fühlten.

Während Niketi über Land nach Wailevu geschickt wurde um ein grösseres Boot entgegenzubringen, sah ich mir die Ortschaft Namalatta an. Sie bot nichts aussergewöhnlich Merkwürdiges. Ein grosses Doppelkanuu mit einem Häuschen darauf lag am Strande. Vor einigen Hütten waren noch ganz frische Töpferwaaren zum Trocknen ausgebreitet. Ich konnte indess keine Lehmgrube entdecken, aus welcher das Material dazu stammte. Unter den Kindern, die mir auf Schritt und Tritt folgten wohin ich ging, befanden sich mehrere, welche Leinwandbinden an beiden Oberarmen trugen. Der Doktor war erst kürzlich hier gewesen und hatte sie geimpft. Unter ihnen sah ich einen kleinen Albino, dessen rosenfarbige Haut, blonde Haare, bläuliche Augen mit entzündeten Lidern und skrophulös gedunsene Lippen eben so gut einem deutschen Bauernjungen angehören konnten. Es war aber ein echter Viti, wie ich in Wailevu auf meine Nachfrage erfuhr. Er schien ganz besonders furchtsam zu sein, und es gelang mir nicht seiner zu näherer Betrachtung habhaft zu werden. Die anderen Jungen versuchten zwar, ihn mir zu Liebe festzuhalten, wobei sie beständig »Papalang lailai« (kleiner Europäer) schrieen. Aber er riss immer wieder aus. Später auf Hawaii habe ich ganz denselben germanischen Typus bei einem albinen Kanaka beobachtet.

Das Boot liess lange auf sich warten, und der Abend brach herein ehe es kam. Als wir noch immer am Strande ungeduldig die Rückkehr unseres Abgesandten erwarteten, erschienen um die linke Ecke der Bucht mehrere Kanuus mit festlich geschmückten Eingeborenen. Heute war zu Tavuki die Ueberreichung des Zehnten an die Missionäre vor sich gegangen und durch ein grosses Meke Meke gefeiert worden. Es sollten hundert Tänzer daran Theil genommen haben. Dieses Meke Meke war aber gewiss lange nicht so schön und echt gewesen, wie jenes, dem ich vor vierzehn Tagen zu Go Kandavu beigewohnt hatte. Denn vor den frommen Missionären durfte nur in züchtiger Gewandung getanzt werden, ein geschmackloser Anachronismus. Bald sah ich auch einige äffisch geputzte Frauenzimmer den Kanuus entsteigen. Männliche Wilde in europäischer Tracht sehen nicht übel aus. Weiber aber in gestärkten Unterröcken, wie ich deren hier sehen musste, haben etwas so widerlich Affenartiges an sich, dass selbst die schönste Gestalt unerträglich wird. Zur Frömmigkeit scheint eben immer ein gewisser Grad von Hässlichkeit zu gehören. Glücklicherweise können nur wenige Insulanerinnen sich den Luxus von gestärkten Unterröcken erlauben, und es war hier das einzige mal, dass ich deren gleich mehrere sah. Die Frauenzimmer gehörten zur Familie des Oberhäuptlings in Wailevu. Die Männer hatten sich, um möglichst schlau und verwegen auszusehen, die Gesichter geschwärzt. Sie machten damit keinen besonders vertrauenerweckenden Eindruck, waren aber sehr zahm und fürchteten sich vor mir, da es dunkel wurde. Die meisten Vitis fürchten sich in der Dunkelheit.

Es war bereits Nacht, als endlich das Boot von der anderen Seite gemeldet wurde, und wir trugen unser Gepäck hinüber. Der Vollmond war aufgegangen, und unendlich schön wogten in seinem Licht die Palmen des Isthmus Yarambali. Unten aber in den schwarzen Dickichten des Buschwerks zogen einsame Leuchtkäfer ihre funkelnden Kreise, schnell erlöschend, sobald sie das helle Gebiet des Mondes betraten.

Als wir das schwerbeladene Boot über die Sandbänke der Angaloa Bai schoben, leistete einer unserer Burschen ein Kunststück, welches alle Achtung verdient. Er blieb plötzlich stehen, tastete mit dem Fusse auf dem Grunde herum, hob ihn auf und brachte einen Sohlfisch zum Vorschein, den er mit den Zehen gefangen hatte. Da er hungrig sein mochte, verzehrte er ihn sofort sammt den Gedärmen. Eine Stunde später erreichten wir unser Ziel.