Honolulu ist eine gartenreiche und deshalb sehr ausgedehnte Stadt mit einer Bevölkerung von 14 000, worunter etwa 1000 Weisse. Die Strassen sind breit und durchschneiden sich nach amerikanischem Muster schachbrettartig, links und rechts begrenzt von Mauern und Zäunen, hinter welchen schlanke Palmen sich wiegen und dichtbelaubte Mangobäume die leicht gebauten luftigen Häuser der weissen und braunen Bewohner verbergen. Die Flora, die sich in den Gärten entfaltet, ist kosmopolitisch. Von allen möglichen Tropenländern haben sich hier Vertreter zusammengefunden. Wohin der Europäer kommt, übt er seinen die Pflanzengeographie nivellirenden Einfluss. Neben der einheimischen Kokospalme steht die königliche Palme aus Westindien, die Dattelpalme aus Afrika. Ostindische Papayas und Mangobäume, chinesische Bambusdickichte und brasilianische Araukarien, Bananas jeglicher Abkunft und hundert andere Pflanzen, von denen man nicht mehr weiss, woher sie stammen, haben sich eingebürgert.

Die Strassen sind staubig, aber die Gärten glänzen stets im frischesten Grün, Dank der reichlichen Wasserversorgung. Ein munterer Gebirgsbach kommt hinter der Stadt in Kaskaden von den wolkenverschleierten, schroffen Höhen herab und vertheilt sich in tausend Aeste und Aestchen, deren Enden aus Kautschuckröhren und transportablen, beständig im Kreise sich drehenden Spritzfontänen überall den Rasen und die Gebüsche bethauen. Hinter den Zäunen sind zuweilen kleine oben offene Verschläge, und häufig stehen in diesen an schwülen Nachmittagen braune Hawaiier und Hawaiierinnen im Kostüm unserer Stammeltern, einen Wasser spendenden Schlauch in der Hand und den Körper berieselnd. Der Zaun deckt ihre Blössen, während sie vergnügt auf die Strasse sehen und mit den Vorübergehenden plaudern.

Unter den öffentlichen Gebäuden ragt das freistehende Regierungsgebäude dominirend hervor. Es ist in Renaissance aus Stein gebaut und trägt in der Mitte einen massiven Thurm, der eine lohnende Aussicht gewährt.

Ein weiter luftiger Saal im Erdgeschoss dient dem Parlament zu seinen Sitzungen. An den einfach weiss getünchten Wänden hängen die Bildnisse der fünf Kamehamehas, des Lunalilo und des Kalakaua, theils in Oel gemalt, theils in lebensgrossen Photographien. Der erste Kamehameha, Hawaiis Napoleon, ist noch mit seinem altheidnischen rothen Federmantel geschmückt, die anderen vier tragen ebensoviele Entwickelungsstufen europäischer Generalsuniformen zur Schau, die zwei letzteren sind im modernen Zivilfrack mit breitem Ordensband und strahlendem Ordensstern erschienen.

Hier spielen sich zuweilen gar schnurrige Debatten ab. Unter den vier Ministern des Kabinets sind drei Weisse, die Präsidentschaft ist weiss, und das Haus selbst besteht zu einem Drittel aus Weissen. Es wird sowohl englisch als hawaiisch debattirt. Eine hawaiische Interpellation findet oft eine englische Antwort, oft sprechen zwei Redner zu gleicher Zeit, der eine englisch, der andere hawaiisch, der Hawaiier wüthend, der Engländer kühl und spöttisch. Und ehe des Morgens die Komödie beginnt, wird gebetet. Es machte mir bei wiederholten Besuchen den Eindruck, als ob die Weissen nicht viel Notiz von den Reden der Kanakas nähmen. Sie sind eben Kinder. Man lässt sie schreien und thut schliesslich doch was man will. Erst kürzlich war ein Gesetz durchgegangen, welches den im Hawaiischen Königreich ansässigen Heilkünstlern sehr verderblich werden konnte, nämlich dass jedem Arzt die Lizenz entzogen werden sollte, der einem Ruf zu einem Kranken nicht sofort Folge leistete. Die Zeitungen brachten viel Schmähartikel über dieses Gesetz und drückten dabei ganz unverblümt ihre vollste Verachtung der braunen Gesetzgeber aus.

In den übrigen Räumen des Regierungsgebäudes befinden sich die Kanzleien der verschiedenen höheren Staatsbeamten, eine Staatsbibliothek und ein Staatsmuseum. An den Thüren liest man bis auf einen nur englische Namen, die dazu gehörigen Titel sind zugleich englisch und hawaiisch daruntergeschrieben, so z. B. »His Excellency W. L. Green, Minister of Foreign Affairs, Kuhina no ko na aina e«.

Die für einen so abgelegenen Punkt der Erde überraschend reiche Bibliothek enthält ausser juridischen und theologischen eine ansehnliche Zahl naturwissenschaftlicher und geographischer Werke und wurde mir auf meinen nur leise angedeuteten Wunsch mit der grössten Liberalität zur Verfügung gestellt, was nächst der überhaupt hier herrschenden Zuvorkommenheit gegen Fremde wohl auch dem Umstande zu verdanken war, dass dieselbe sehr wenig benützt wird. Ich war stets der einzige gänzlich ungestörte Leser und unbeschränkte Alleinherrscher. Kein griesgrämiger Bibliothekar trübte den Genuss der Bücher. Das Museum enthält hauptsächlich ethnographisch sehr werthvolle hawaiische Alterthümer. Die Hälfte davon war eben zur Ausstellung nach Philadelphia gesandt worden und nicht zu sehen. In der Sammlung befindet sich auch ein Palmstumpf, vor welchem in der Kealakeakua-Bai der grosse Cook getödtet worden sein soll, was mir erst später in San Francisco besonders interessant wurde, da dort in einem Museum ein anderer Palmstumpf ausgestellt ist, von dem man dasselbe behauptet.

Dem Regierungsgebäude gegenüber liegt die Residenz des Königs, ein ganzer Block, rings von einer steinernen Mauer mit vier Thoren, an jeder der begrenzenden Strassen eins, umgeben. Nur ein hoher Flaggenmast ist über der Mauer und den Bäumen dahinter sichtbar. Ist die Flagge aufgezogen, so gilt dies als Zeichen, dass der König zu Hause und umgekehrt, gerade wie bei uns. Ein eigentlicher Königspalast existirt gegenwärtig nicht. Man trägt sich schon lange mit dem Gedanken einen zu bauen, aber die Hauptsache, das Geld hierzu, fehlt noch. Einstweilen muss sich das Werk der Zukunft damit begnügen, seinen Schatten in dem Strassennamen »Palace Walk« vorauszuwerfen.

Die Militärmacht Honolulus ist eine sehr bescheidene und besteht nur aus einer Bande Musikanten und zwei Dutzend Palastgardisten. Erstere tragen dunkelblaue Waffenröcke, letztere hellblaue Husarenjacken mit weissen Schnüren, beide weisse Hosen und weisse Käpis. Diese zwei Sorten von Soldaten bummeln den ganzen Tag auf den Strassen herum, so dass man sie überall sieht und auf eine viel grössere Zahl schliessen möchte. Der Kapellmeister ist natürlich ein Deutscher. Seine Bande, lauter junge Kanakas, macht ihm alle Ehre und spielt jeden Samstag auf Queen Emmas Square, einem freien Platz mit Gartenanlagen, auf welchem dann die ganze schöne und vornehme Welt der Residenzstadt promeniren geht. Kurz ehe ich abreiste, streikten die Musikanten, aus welcher Veranlassung und auf wie lange, blieb mir unbekannt.

Der vorige König soll kriegerischer gewesen sein als der jetzige und die allgemeine Wehrpflicht nicht blos eingeführt, sondern sogar bis zur Abhaltung von Manövers getrieben haben, welche einem ansehnlichen Theil des Heeres von Honolulu das Leben kosteten. Die Kavallerie attakirte bei einer derartigen Gelegenheit die Infanterie so naturgetreu wüthend, dass diese genöthigt war, ihr Heil in der Flucht zu suchen. Aber kaum hatte sich die wackere Infanterie von dem ersten Schrecken erholt, als sie beschloss die erlittene Schmach zu rächen. Die siegreiche Kavallerie zog sich stolz von dem Wahlplatz zurück um nach Honolulu hinein zu triumphiren. Da griff von hinten plötzlich die Infanterie mit dem Bajonnette an und vernichtete sie völlig. Vierzig Pferde und zwanzig Reiter wurden todtgestochen, die übrigen entkamen mit Wunden bedeckt. Seitdem werden keine Manövers mehr abgehalten.