Was nun die Artillerie betrifft, so ist sie durch einen Ritt auf die Punschbowle leicht in Augenschein genommen. So heisst nämlich der kahlgebrannte Berg hinter der Stadt, und ist man oben und blickt hinab in die nun mit Gras ausgepolsterte halbkugelige Höhlung des Kraters, so muss man den Namen gerechtfertigt finden. Ganz Honolulu liegt zu Füssen ausgebreitet. Man überschaut den Hafen und erkennt an der hellen Färbung des Wassers die Lage der Riffe, die nur einen schmalen Kanal frei lassen. Sechs alte Schiffskanonen stehen hier oben zum Salutiren vor einem Flaggenmast. Sie sehen so rostig und morsch aus, dass ich keine abfeuern möchte. An grosse Lavablöcke hingebaut steht daneben das Häuschen des Wächters. Seine Frau war beschäftigt Strohhüte zu flechten, als ich hinaufkam, und ich wartete, bis sie für mich einen fertig hatte.

Die zweite Stelle unter den öffentlichen Gebäuden nimmt das Hawaiian Hotel ein, welches dem König gehört und an Mister Herbert, einen Amerikaner deutscher Abkunft, verpachtet ist. Es liegt umgeben von den Strassen Hotel-, Beretania-, Kahomanu- und Alakea Street und genügt für den billigen Preis von drei Dollars täglich allen Forderungen, die der Amerikaner, in Bezug auf Hotels viel anspruchsvoller als der Europäer, zu stellen pflegt. Alles ist musterhaft amerikanisch bis auf die Bedienung, die aus mürrischen Chinesen besteht.

Man würde in den ausgezeichneten Betten unter den lang herabwallenden Moskitonetzen, über welche manchmal eine grosse haarige Spinne wandelt, vortrefflich schlafen, wenn nicht die eigenthümliche Gewohnheit der Hähne von Honolulu, die ganze Nacht hindurch zu krähen, sehr störend wirkte. Von nah und fern dringt das ewige Kikeriki in helleren und tieferen Stimmen durch die Stille der Nacht und lässt auf Legionen dieser Ruhestörer schliessen.

In Honolulu giebt es sieben Kirchen, alle von amerikanischer Stillosigkeit, und zehn Freimaurerlogen. Die meisten Hawaier sind kongregationalistisch christianisirt. Nach diesen kommen an Zahl die Katholiken, dann die Episkopalen. Neben der Kavaiahaokirche ist das Mausoleum des letztverstorbenen Königs. »Lunalilo ka Moi † 1874« (L. der König) ist die einfache Aufschrift des kapellenartigen gothischen Baues, um welchen innerhalb eines eisernen Gitters sechs vergilbte Kahilis, grosse Sträusse aus Federn und Blumen auf Stangen, in der Erde stecken.

Nur in den drei oder vier Geschäftsstrassen drängen sich die Häuser, grösstentheils aus Holz und einstöckig, ohne Gärten eng aneinander. In Fort Street sind die Läden der Weissen, in Nuuanu Avenue jene der Chinesen.

Denn auch hierher haben die Söhne des Reiches der Mitte ihren Weg gefunden, und keine der grösseren Ortschaften auf den Hawaiischen Inseln ist ohne Mongolen. Sie sind hier hauptsächlich Schuhmacher, Kleinkrämer und Gastwirthe schmutziger Speiselokale. Die Wäscherei, die in Kalifornien ihr Monopol ist, haben sie den Eingeborenen noch nicht zu entreissen vermocht. Ihre offenen Buden sehen sich alle so ähnlich, dass man nur schwierig und selten die richtige wieder findet, wenn man vielleicht von einem der schlitzäugigen Spitzbuben betrogen worden ist. Den ganzen Tag wird emsig gearbeitet. Hier sitzt ein alter verrunzelter Schuster mit einer unförmlichen rundglasigen Brille auf der Nase, und näht im Verein mit einigen jüngeren Gesellen leichte, dünnsohlige, weisse Zeugstiefel zusammen, dort schwirren amerikanische Nähmaschinen, an denen bezopfte Schneider chinesische Gewänder verfertigen. Hier sind Zigarren, Tabak und alle möglichen Gegenstände des häuslichen Bedarfs zu haben, dort eine Menge fremdartiger Büchschen und Schächtelchen mit chinesischen Konserven aufgestapelt. Früchteverkäufer preisen Melonen und Mangos an, und in den kleinen Wirthschaftsspelunken stehen Reihen winziger Schüsselchen mit eigenthümlichen Gerichten, die an geschmorte Regenwürmer erinnern, lockend hinter dem Fenster. Man sieht die Chinesen fast niemals müssig. Selten begegnet man wohl auch einem bezopften Reiter hoch zu Ross oder deren mehreren in Gesellschaft zu Wagen, aber auch dann wohl nur in Geschäften reisend. Es giebt nur wenige Chinesinnen in Honolulu. Die meisten Chinesen sind mit Hawaierinnen verheirathet. Die Regierung sträubt sich zwar gegen die Einwanderung der asiatischen Pest. Aber die durch einen erst jüngst abgeschlossenen Vertrag für freie Einfuhr des Zuckers nach den Vereinigten Staaten wieder aufblühenden Zuckerplantagen brauchen Arbeiter, und die Chinesen sind die billigsten. Ueber kurz oder lang werden die Fluthen dieser hässlichen Rasse mit ihren scheusslichen Lastern, die dem Europäer gegenüber keine Ehrenhaftigkeit kennt und Alles erlaubt hält, zusammenschlagen über der einheimischen schönen und edlen Rasse, welche rapide ausstirbt.

Unter den Weissen herrscht der amerikanische Typus vor. Auch die meisten Waaren tragen das amerikanische Gepräge, sie sind grösstentheils von Kalifornien her eingeführt. In einigen Auslagen glaubte ich auch manchen Schund meines theuren Vaterlandes zu erblicken und als alten Bekannten begrüssen zu dürfen. Keine soliden englischen Fabrikate mehr wie überall in Australien, andere Kleidungsstoffe, anderes Sattel- und Zaumzeug, andere Zündhölzchen, andere Messer. Man ist in Bezug auf Kultur bereits in den Vereinigten Staaten. Man trägt hier ebenso feine, weissglänzende Wäsche und denselben Schnitt des Rockes wie bei den Yankees. Cocktail und Sherry Cobbler und wie sie alle heissen, die amerikanischen »Fancy Drinks«, spielen hier eine ebenso bedeutende Rolle, wie in San Francisco oder in New York.

Ueberall giebt sich der amerikanische Einfluss kund, und das Annektirtwerden durch die Vereinigten Staaten ist für Hawaii wohl nur eine Frage der Zeit. Das offizielle Münzsystem ist das amerikanische. Ein Versuch, hawaiisches Geld mit den Köpfen hawaiischer Könige darauf prägen zu lassen, wurde bald wieder aufgegeben. Merkwürdiger Weise kursiren hauptsächlich französische Fünffrancsstücke als Dollars.

Ganz besonders erfreulich tritt das Deutschthum in den Vordergrund. Es war mir eine äusserst angenehme Ueberraschung, ebenso viel Deutsch als Englisch sprechen zu hören. Wenn ich so durch die Strassen ging, drangen fast aus jedem der offenstehenden Läden, Barbierstuben und Kneipen die Laute der Muttersprache an mein Ohr. Wir sind dort so gut repräsentirt, als wir nur wünschen können, was nicht allenthalben in überseeischen Hafenplätzen der Fall ist. Unter unseren Landsleuten in Honolulu sind die angesehensten und reichsten Kaufleute, und ein reges geistiges Streben, das man in solcher Ferne und Abgelegenheit kaum erwarten möchte, blüht bei ihnen. Ich fand zum ersten mal seit längerer Zeit nicht nur die meisten unserer besseren Zeitschriften, sondern auch eine Menge deutscher Bücher wieder. Ein unschätzbares Vergnügen gewährten mir dort im fernen Pacific Heinrich Noés Alpenbilder.

Es giebt eine mikroskopische Gesellschaft in Honolulu, und bei Herrn Riemschneider, einem jungen Hannoveraner, habe ich manchen genussreichen Abend mit dem Betrachten seiner mikroskopischen Präparate zugebracht. Die Aufnahme, die mir von unserem Konsul und allen Deutschen zu Theil wurde, war die liebenswürdigste, an die ich stets dankbarst zurückdenken werde.