Das Klima von Honolulu ist paradiesisch wie überall auf den glücklichen Inseln des Stillen Ozeans. Die Hitze ist nicht allzu gross und wird häufig gemildert durch erfrischende Regenschauer. Ich habe niemals, obgleich ich im höchsten Sommer dort war, mehr als 35 Zentigrade erlebt, eine Temperatur, die nicht selten auch bei uns vorkommt. Fast ununterbrochen weht der Passat kühlend über den Felsgrat Oahus herüber und durch das Nuuanuthal herab, und als er einmal zwei Tage aussetzte, und die Eisfabrik wegen einer Reparatur ihre täglichen Lieferungen einstellte, klagte Alles über den unerträglichen Zustand. Denn auch hier in dieser herrlichen Natur sind die Menschen unzufrieden und sehnen sich anderswohin. Der ganze Reiz des Lebens liegt eben im Wechsel.
Trotz der beschränkten Geldmittel des Staates scheint es mit dem Sanitätswesen nicht schlimmer zu stehen als anderwärts. Akute Infektionskrankheiten kommen kaum eben so häufig vor wie bei uns in Europa. Die Quarantäne wird strenge gehandhabt. Eine auffallende Menge von Aerzten, lauter Weisse, ist allenthalben zerstreut. Freilich befinden sich auch genug amerikanische »Dakters« darunter.
Das königliche Hospital von Honolulu ist zwar klein, aber musterhaft reinlich gehalten. Es liegt am Fusse des Punschbowlenhügels mitten in einem schönen weiten Garten, in dem Palmen aus allen Gegenden der Erde nebeneinander stehen, und enthält in zwei Stockwerken etwa hundert saubere Betten, jedes mit einem sauberen Moskitonetz überspannt. Die Syphilis stellt ein bedeutendes Kontingent an Kranken, wie in allen Hafenstädten.
Eine weit schrecklichere Plage Hawaiis ist der asiatische Aussatz, die Lepra, welche absolut unheilbar ist. Man behauptet, sie sei von den Chinesen eingeschleppt worden. Sie war im Anfang nur in einzelnen Fällen aufgetreten, bis sie gelegentlich der ersten Blatternepidemie, die ein Walfischfänger brachte, plötzlich die grösste Verbreitung erfuhr. Nicht blos die Aerzte, sondern auch Missionäre und Beamte stürzten sich sofort auf die Eingeborenen, um Alles Hals über Kopf zu impfen ohne die nöthigste Vorsicht zu wahren, und so kam es, dass die Lanzette das Gift der Leprosen auf eine Menge Anderer übertrug. Die Leprosen werden polizeilich gesammelt und in ein abgeschlossenes und unzugängliches Thal der Insel Molokai verbannt, was zwar grausam aber sehr weise ist.
Eben war wieder ein Transport von vierzehn solcher Unglücklichen beisammen und sollte nächstens mit einem eigenen Schuner nach Molokai geschickt werden. Der Regierungsarzt Dr. Mac Kibbin, ein Engländer, hatte die Güte mich zu ihrer Besichtigung mitzunehmen. Sie waren in einem Garten neben dem Polizeigebäude auf einer offenen nur durch Matten abzuschliessenden Veranda untergebracht und schienen die Härte ihres Looses mit stoischer Ruhe zu ertragen. Nur ein einziger Fall der Leontiasisform sah abschreckend aus.
Auf Molokai sollen sich gegenwärtig etwa 800 Leprosen, darunter auch vier Weisse, ein Deutscher und drei Engländer, befinden. Aerztliche Behandlung geniessen sie dort nicht, und auch über ihre Verpflegung wird viel geklagt. Aus obiger Zahl lässt sich schliessen, dass vielleicht zwei Prozent der Gesammtbevölkerung von Hawaii mit Lepra behaftet sind.
Eine besonders hervorragende Merkwürdigkeit Honolulus ist der Fischmarkt. Namentlich an Samstagen herrscht dort ein charakteristisches reges Leben. Aus der ganzen Umgegend strömen dann die Eingeborenen zusammen um Käufe und Verkäufe zu machen, Freunde zu treffen, kurz eine Art Wochenbörse abzuhalten. Reiter und Reiterinnen gallopiren von allen Seiten herbei. Pferde und Wagen und Maulesel und Menschen füllen in bunter Unordnung die nächsten Strassen. Glühend sticht die Sonne herab, und eine grellgeputzte, blumengeschmückte, lärmende, heftig gestikulirende Menge brauner Gesichter drängt sich glänzend von Schweiss durcheinander.
Die Waaren, die unter einer gedeckten Halle und in mehreren Budenreihen feilgeboten werden, entstammen grösstentheils der salzigen Fluth des Meeres, und ihre Mannichfaltigkeit wird dadurch erhöht, dass der Kanaka nichts verschmäht, was überhaupt gegessen werden kann. Getrocknete Sepien, die acht Saugarme zu Zöpfen geflochten, hängen oben herab, unten auf blätterbedeckten Brettern liegen sie frisch in ihrer ganzen natürlichen Schlüpfrigkeit ausgebreitet. Fische gross und klein, mit Papageischnäbeln und in allen Farben schillernd, Krebse, Muscheln und Schnecken, Seesterne, Seeigel und Seegurken, roh und gekocht, in Körben hoch aufgehäuft, suchen die Gourmandise der Kanakas zu reizen. In Kürbisschalen ist der ganze Inhalt dieser Geschöpfe, Gedärme und Alles, zu einem vielfarbigen Brei zusammengepantscht, und mit geheimem Grausen sehen wir, wie diese unappetitlichen Sachen mit wohligem Schmatzen verschlungen werden. Man muss sich in Acht nehmen nirgends anzustreifen, da überall Eingeweide und andere schleimige Dinger kleben, nicht blos an den Buden, sondern auch an den vielen Männern und Weibern, die sich mit grossen Körben durch das Gedränge mühen. Hinter jedem Stand hängen grosse Bündel schmaler Cordylineblätter, welche zum Einwickeln dienen. Im Nu sind sie kreuzweis zusammengeschlungen und zu einem festen Packet geschlossen.
Hier häutet ein Mann wunderbar flink mit den Zähnen seine Fische ab, dort sitzen hübsche grossäugige schlanke Mädchen und winden Blumenkränze und duftende Pandanusguirlanden, während daneben eine fette schwammige Matrone uns ein freundliches »Aloha« zugrinst und einladend auf ihre Mangos und Melonen weist. Ein korpulenter Polizeimann, kenntlich an dem Blechschild auf seinem Rock, überwacht mit ernstem Blick die Ordnung des Marktes, etliche Gardesoldaten in blauweissen Jacken gehen von Bude zu Bude und kokettiren mit den schönen Verkäuferinnen. Mitten in diesem fröhlichen Gewühl und Gekreisch der Hawaiier steht eine Gruppe tückischer Chinesen, umherspähend wohin sie sich wenden sollen, die Hände in beiden Hosentaschen, um das Geld zu bewachen, obwohl es hier keine Pickpockets giebt, dort an der Ecke steht ein einzelner Halbchinese und hat Tabakspfeifen feil, an die Zweige eines Bäumchens gesteckt. Eine eigene Abtheilung dient zum Verkauf des zu Klumpen zusammengebackenen Poimehls. Auf Tischen davor steht fertiger Poi in grossen Kürbisschalen bereit, und unter und zwischen den Tischen sitzen kleine Gesellschaften und erlaben sich an dem säuerlichen Brei, indem sie ihn mit den Fingern heraustunken.
Gleich hinter der einen äussersten Reihe plätschert das Wasser der Rifflagune, getrübt von der Jauche des Marktes, ein beliebter und nie unbenützter Badeplatz der Jugend. Hie und da mischen sich auch wohl die nackten und nassen Jungen ins Gewühl, um mit klatschenden Schlägen verjagt zu werden.