Halbverwilderte Hunde liegen mürrisch in den geschütztesten Winkeln. Sie sind die stehende Bewohnerschaft des Budenplatzes, von dessen Abfällen sie leben, und fast alle sind, vielleicht in Folge der ausschliesslichen Fischnahrung, bedeckt mit Räude. An einem dieser ekelhaften Köter sah ich eine elephantiasis-artige Erkrankung der ganzen Haut, namentlich aber der hinteren Partien. Die Haut der Kreuzgegend war so sehr verdickt, dass der Schwanz aus Falten wie sie für das Rhinoceros normal sind heraushing.
Ausserhalb Honolulu ist die Gegend dürrgebrannt und wüstenartig. Links und rechts von der Stadt führen grellbeleuchtete, staubige Strassen am Ufer des blauen Meeres entlang. Sandebenen, hie und da besetzt mit Gruppen von importirten Opuntias und Agaven, ziehen sich zu den Bergen hinan, welche den Hintergrund bilden. Unten sind diese ebenso kahl wie die Ebenen, erst weiter oben, in der Nähe der an den höheren Spitzen hängenden Wolken, bedecken sie sich mit dem eigenthümlichen hellschimmernden Grün der Kukuibäume.
Zu dieser im Lichte einer glühenden Sonne strahlenden Landschaft liefern die Eingeborenen die schönste und stylvollste Staffage. Blumenbekränzt und in bunten Gewändern jagen sie, Männer und Weiber, auf zähen Pferden über Stock und Stein dahin. Und ihre warmen Farben im Verein mit der Sonnengluth der wüsten und gelben Flächen gaben mir oft ein Bild von wahrhaft orientalischer Lebhaftigkeit.
An der Ostseite gegen die Vorstadt Kapalama zu ergiesst sich der Nuuanu-Bach in die See. Manchmal kauern hier Weiber vollständig bekleidet, einen Strohhut auf dem Kopf, geradeso wie sie auf der Strasse gehen, im schmutzigen, brackischen Wasser des Aestuariums. Nur der Kopf ragt heraus, und im Munde halten sie ein Körbchen, während sie mit den Händen auf dem Grunde nach Krabben herumtasten. Nackte Kinder balgen sich neben ihnen und werden zuweilen durch zornig rollende Blicke verscheucht. Schelten dürfen die Fischerinnen nicht, sonst würde ihnen das Körbchen mit der Beute entfallen. Eine hölzerne Brücke führt hinüber nach dem Staatsgefängniss, einem blendend weiss getünchten zinnengekrönten Kastell, und draussen mitten in der Lagune steht einsam auf Pfählen das Quarantänehospital, ein trostloses Gebäude.
Rechts am Fusse der Berge unweit Lilihi Street liegt das Lunatic Asylum, das Irrenhaus. Ich fand dieses nur von wenigen Geisteskranken bewohnt, als ich einmal hinausritt es zu besichtigen. Eine tobsüchtige Chinesin war der schlimmste Fall. Die anderen waren alle bereits blödsinnig. Die gemüthliche naturgemässere Lebensweise der Eingeborenen, fern von der aufreibenden Hast des Gelderwerbs und des Ehrgeizes in Amerika und Europa, ist nicht geeignet, Erkrankung des Gehirns zu begünstigen. Die Einrichtungen der Anstalt genügen mässigen Ansprüchen.
Westlich gegen Diamond Head zu führt eine zwei Kilometer lange Landstrasse, oft der Schauplatz wilder Kavalkaden, an Salinen, in denen Meersalz durch Abdunsten gewonnen wird, vorüber nach Waikiki, einer kleinen Ortschaft aus einer Kapelle, einigen hölzernen Landhäuschen und einigen struppigen Strohhütten bestehend, alle weit aus einander gestreut, die früher der Lieblingsaufenthalt der Könige gewesen sein soll. Hierhin sollen sie sich, der Komödie europäischer konstitutioneller parlamentarischer Regierung müde, zurückgezogen haben, um der goldstrotzenden Uniform entledigt und nur mit dem Suspensorium angethan in alten Erinnerungen zu schwelgen. Ein kümmerlicher Kokospalmenhain beschattet spärlich den sandigen Boden. Die Bäume sind lebensmüde und tragen keine Früchte mehr. Ein hübscher reinlicher Badestrand zieht sich aussen entlang, und Waikiki ist deshalb als Ausflugspunkt bei der Bevölkerung Honolulus sehr beliebt. Jenseits tritt Diamond Head, das Wahrzeichen von Honolulu, in die See hinaus, auf einer Einsattlung, die den Berg und die Hauptkette der Insel verbindet, die Signalstation für die Ankunft von Schiffen tragend, welche mit dem Postamt der Hauptstadt durch die einzige drei Kilometer lange Telegraphenlinie des Hawaiischen Königreichs zusammenhängt. Diamond Head ist 230 Meter hoch und sieht von unten nicht aus wie ein Vulkan, es scheint vielmehr eine gradlinige steile Felswand zu sein, von zahlreichen tiefen senkrechten Schluchten durchfurcht, an welche sanfter geneigte Geröllböschungen sich anlehnen. Aber wir stehen auf einem so durchaus vulkanischen Boden, dass wir uns nachgerade gewöhnen, in dem Gipfel einer jeden isolirten Erhebung einen erloschenen Krater zu finden.
Als Hauptmerkwürdigkeit der Umgebung gilt der »Pali«, ein steiler Absturz an der Rückseite der Bergkette, welche den Hintergrund Honolulus bildet, 9 Kilometer von der Stadt entfernt. Eine 600 Meter mächtige Schicht der Erdrinde, durch vulkanische Kräfte emporgehoben, zerbarst an den Kanten. Die südliche Hälfte ist stehen geblieben, die nördliche wieder hinabgesunken, beinahe bis zum Niveau des Meeres. Die gewaltige Bruchfläche ist der Pali. Fast kein Passagier des Dampfers, dem ein Nachmittag in Honolulu zu Theil wird, versäumt dort hinauf zu reiten.
An einem der ersten Tage machte ich diese obligate Partie in Gesellschaft jener fünf Engländer, welche dieselben Reiseziele wie ich verfolgten, selbstverständlich zu Pferde. Denn auf Hawaii geht man fast niemals zu Fuss. Der echte Hawaiier, gleichviel ob braun oder weiss, lässt für die unbedeutendsten Wege die er zu machen hat aufsatteln. Die Pferde sind hier lächerlich billig, fünfzig Dollars ist ein anständiger Kaufpreis. Um fünf Dollars die Woche kann man das beste Reitpferd miethen, inklusive Fütterung, Sattel und Zaumzeug. Dabei sind die Thiere unübertrefflich zäh und im Allgemeinen hocherhaben über jene erbärmliche Sorte, die man bei uns gewöhnlich zu miethen bekommt. Mark Twain hat sie schwer verleumdet. Ein einziges mal passirte es mir, dass ich einen faulen und störrischen Häuter erhielt, dem ich beim Gallopiren beständig den Takt dazu auf sein Hintertheil peitschen musste, und der mich an jeder Strassenecke abwarf, indem er blitzschnell herumbog, wenn ich nicht Acht gab.
Eine guterhaltene belebte Strasse führt durch das Nuuanuthal in die Berge hinein. Links und rechts zuerst die nicht enden wollenden Landhäuser und Gärten des vornehmen weissen Viertels. Man passirt die Kirchhöfe, das Mausoleum der fünf Kamehamehas, die Eisfabrik. Mehrmals kreuzt der im Zickzack herabtosende Nuuanubach den Weg, Tarosümpfe, die er bewässern muss, zu beiden Seiten. Es geht immer höher und höher. Eingeborene, Männer und Weiber, auf Pferden und Maulthieren, in bunten Farben und blumenbekränzt begegnen uns und sprengen mit einem freundlichen »Aloha« vorüber. Die Gegend wird schroffer. Auf schmalen Grasterrassen über kahlen Felswänden weiden Rinder und rufen heimathliche Erinnerungen aus den Alpen wach. Nur die fremdartige Erscheinung der silberglänzenden Kukui-Büsche, die in grosser Ausdehnung hie und da die steilen Abhänge dicht überziehen, zerstört die Illusion. Der Kukui ist derselbe Aleurites triloba, aus dessen Nüssen auf Viti so gelungene Kerzen gefertigt werden. Auch hier auf Hawaii soll man sich ihrer in der nämlichen Weise bedient haben.
Es wird feuchter und kühler oben, und der Passat, den wir unten als angenehmen Zephyr empfanden, weht uns durch die Scharten der zackigen Bergesgipfel als ein rauher, frostiger Sturmwind entgegen, zerrissene Nebelmassen vor sich her treibend. Endlich sind wir am Ziel. Noch eine Ecke, und ein Panorama von ergreifender Grossartigkeit thut sich auf. Erschrocken reissen wir die dampfenden Pferde zurück. Der Boden verschwindet plötzlich und stürzt zu einem schauerlichen Abgrund hinab.