Tief unter uns entfaltet sich eine herrliche Ebene. Der dunkelblaue Ozean steigt zum Horizont in die Höhe, weissglänzende Schaumlinien der Brandung umsäumen mäandrisch smaragdene und violette Tinten. Und innerhalb dieser begrenzt ein schimmernder Streif sandigen Ufers das im schönsten Grün prangende Tiefland. Keine dürren wüstenartigen Flächen wie im Süden an der Leeseite der Insel. Alles strahlt im wärmsten Sonnenschein unten, während uns selbst vorüberziehende Wolken beschatten.

Wir stehen auf klassischem Boden. Hier focht der grosse Kamehameha I. die letzte von den sieben Schlachten, durch die er die geeinigte Herrschaft der Hawaiischen Inseln erzwang. Tausend Feinde, der letzte Rest von Widerstand, wurden hier hinabgedrängt. Was für ein gewaltiger Schauplatz für eine Schlacht. Wie mag es getobt haben auf diesen rauhen, felsigen, düster bewölkten Kanten vom wilden Verzweiflungskampf, vom trunkenen Freudengeheul der Sieger, vom ohnmächtigen Wuthgebrüll der Besiegten, die ein letztes mal sich aufrafften, im Angesichte des Todes mit grimmigem Hass noch schnell ihr Leben zu rächen, ehe sie schaarenweise hinabstürzten und in der grausigen Tiefe zerschmettert wurden.

Eine steile Strasse ist jetzt in die Felswand gehauen und führt zickzackförmig hinab. Winzig klein bewegen sich schwarze Pünktchen unten auf ihr entlang. Es sind Reiter, die einem Dorfe am Meeresstrand zueilen, welches halb unter Palmen versteckt mit scharfen Augen eben noch erkennbar ist.

Es war mein erster Ritt wieder nach langer Zeit und unmittelbar nach den erschlaffenden Einwirkungen einer zwölftägigen Seereise in tropischer Hitze. Und da ich überhaupt zu der ehrsamen Zunft der Sonntagsreiter gehöre, vermochte ich kaum mehr mich im Sattel zu halten, als wir durch das belebte Chinesenviertel zurückkehrten. Links und rechts stoben zähnefletschend die bezopften Mongolen auseinander. Schliesslich fiel noch ein armes unvorsichtiges Huhn den Hufen meiner Rosinante zum Opfer. Der Eigenthümer, ebenfalls ein Chinese, kam kreischend ins Hotel gelaufen, das Corpus delicti in der Hand und eine Schaar Freunde als Zeugen im Gefolge. Ich musste bezahlen.

XIX.
VON HONOLULU NACH HILO.

Ihre Königliche Hoheit Ruth Keelikolani. Morgentoilette der Reisegesellschaft. Lahaina und Kawaihae. Das Hotel zu Hilo. Unser Vergnügungskommissär Hapai. Brandungschwimmen. Die höhere weibliche Schuljugend im Bade. Hula Hula und Konzert. Der Rainbow Fall.

Die Verbindung zwischen den Inseln wurde damals hauptsächlich durch den königlichen Poststeamer Kilauea, der etwa so gross wie ein Helgoländer Dampfer und bereits so altersschwach und baufällig war, dass er unterdessen wahrscheinlich zu existiren aufgehört hat, vermittelt. Jeden Montag ging er von Honolulu ab, dreimal im Monat nach Maui und Hawaii und einmal nach Kauai.

Am 21. August schiffte ich mich nebst meinen fünf Engländern auf ihm ein, um nach Hilo, der Hauptstadt der grössten Insel Hawaii, zu fahren und von dort aus den berühmten Vulkan Kilauea zu besuchen. Fast gleichzeitig mit uns verliess der Schuner, der die vierzehn Leprosen nach Molokai bringen sollte, den Hafen von Honolulu. Wir kamen gerade noch recht, um Zeugen einer ergreifenden Abschiedsszene zu sein. Sechs Polizisten eskortirten die traurige Schaar, hinterdrein folgten jammernd und weinend die Angehörigen der armen Verbannten wie bei einem Leichenbegängniss. Sie schieden auf Nimmerwiedersehen.

Es war fünf Uhr Nachmittags, als wir uns an Bord des Kilauea begaben. Eine bunte Menge von Kanakas und Weissen, von Pferden und Wagen umstand die Abfahrtstelle. Ganz Honolulu schien wieder auf den Beinen zu sein, dem Dampfer das Geleit zu geben.

Man sagte, eine Prinzessin sollte mit uns nach Hilo gehen, und bald fand ich unter dem Gewimmel, welches das Schiff erfüllte, Ihre Königliche Hoheit heraus. Es war dieselbe kolossal fette alte Person, welche ich kurz vorher auf der Strasse in einem eleganten Buggi eigenhändig hatte vorbeikutschiren sehen, während ihre Begleiterin respektvoll einen Sonnenschirm über sie hielt. Jetzt sass sie unter dem Leinendach des Achterdecks, umgeben von ein paar vornehmen Hawaiierinnen, schwitzte und athmete mühsam unter der Last ihres Fettes und glich mit ihrer breiten gespaltenen Doppelnase und ihren strotzenden Fettwülsten am Halse einem abgehetzten Bullenbeisser. Stupid sah sie gerade vor sich hin und empfing apathisch die Huldigungen, die ihr zu Theil wurden, indem mehrere Männer, unter diesen auch der Kronprinz, ehrfurchtsvoll entblössten Hauptes sich zu ihr herandrängten, um ihr die Hand zu küssen. Auch drei oder vier Weisse die ich kannte sah ich auf solche demüthige Weise ihr huldigen, sah wie auch sie mit entblösstem Haupt auf die Hand des stupiden Fettscheusals sich niederbeugten. Ich musste mich abwenden, ich fühlte, dass sie sich vor mir schämten. Ruth Keelikolani wie die Prinzessin, eine Halbschwester der beiden letzten Kamehamehas, heisst ist nämlich sehr reich, und Mancher hofft aus ihrer Gunst Gewinn zu schlagen.