»Acht geben auf die Pferde« lautete das vorsorgliche Kommando des Kapitäns, und die Dampfpfeife brüllte zum Zeichen, dass alle Nichtpassagiere das Schiff zu verlassen hätten. Glücklicher Weise blieben nur Wenige von der grossen Menge an Bord und wir bekamen Luft. Der Dampfer trennte sich von dem Kai, heftiges Winken mit Taschentüchern von hüben und drüben, und wir bewegten uns vorwärts, ein schönes lebensvolles Bild von braunen Gesichtern, glänzenden Augen, grellen Gewändern und Blumenguirlanden am Ufer zurücklassend. Einem von unserer Gesellschaft entführte ein Windstoss seinen Strohhut ins Wasser, und sogleich war ein Kanuu darauf aus, packte den Deserteur und brachte ihn freundlich zurück, ohne dass eine Belohnung gereicht werden konnte. Welcher Jollenführer in Hamburg, New York oder London hätte dasselbe gethan?
Die Prinzessin hatte für sich eine breite Bettstelle mit einem Zeltdach darüber auf Deck stehen. Im weiteren Verlauf unserer Beobachtungen kam auch ein weisser Topf zum Vorschein, dessen mächtiges Kaliber uns anfänglich über seine Bestimmung in Zweifel liess, bis wir durch einen unzweideutigen Akt in Klarheit versetzt wurden. Es dauerte nicht lange, so fing sie an ihre Abendmahlzeit zu nehmen. In einer Kürbisschüssel wurde ihr Poi gereicht, den sie in der üblichen Weise mit Zeige- und Mittelfinger heraustunkte, und auf einem Porzellanteller etliche salzbestreute rohe Fische, die sie schnell mit den Händen packte und einen nach dem anderen gierig verschlang, indem sie wohlig schmatzte. Danach bekam die Dienerschaft, zwei ältliche Burschen und eine junge hübsche Kammerzofe, ein aus denselben Artikeln bestehendes Essen. In dieser Beziehung sind die Hawaiier noch immer die alten Barbaren und werden es bleiben, bis sie vom Erdboden verschwinden, trotz Konstitution und Parlament.
Auch der Gouverneur von Hawaii, Seine Excellenz Samuel Kipi, fuhr mit uns nach Hilo, und ich wurde ihm vorgestellt. Er ist ein äusserst würdig und anständig aussehender strammer alter Herr in untadelhafter europäischer Kleidung. Aber auch er ging nicht wie wir in die Kajüte zur Tafel, sondern blieb oben auf Deck bei der Prinzessin sitzen und schmatzte mit rohen Fischen und Poi herum. Ich habe überhaupt nie einen Hawaiier auf unsere Weise essen sehen. Sie sind hierin konservativer als die Maoris, ihre nahen Verwandten.
Die Nacht brach herein. Wir hatten unsere Betten auf Deck tragen lassen, um kühler zu schlafen. Die See wurde unruhig, ein heftiger Wind blies in das einzige Gaffelsegel und legte das Schiff stark auf die Seite, so dass wir beständig nach dem Geländer hinunterrutschten und nur wenig schlafen konnten. Ueberall regten sich die Qualen Neptuns unter den Passagieren. Rechts von mir stöhnte ein seekranker Chinese, links schnarchte die dicke Königliche Hoheit in ihrer Zeltbettstatt. Ich sah beinahe den ganzen Sternenhimmel sich umdrehen, ohne ein Auge zuzuthun.
Morgens um vier, als es eben dämmerte, ankerten wir vor Lahaina auf der Insel Maui, der ehemaligen Hauptstadt der ganzen Gruppe, einer schönen, gartenreichen Ortschaft mit einer weissgetünchten Kirche und mehreren grösseren Gebäuden, hellgrüne Zuckerfelder zu beiden Seiten und im Hintergrund, der zu den kahlen Bergen ansteigt. Einige Passagiere und Waaren wurden hier in Böten gelandet, dann gings wieder fort.
Vor uns trat die untere Hälfte des mächtigen 3000 Meter hohen Haleakala, des »Hauses der Sonne«, der den grössten erloschenen Krater der Erde von 27 englischen Meilen oder 43 Kilometer Umfang auf seinem Gipfel trägt, immer deutlicher in die Augen, die obere Hälfte mit dunklen Wolken verhüllt. Zur Rechten deckten die Inseln Kahoolawe und Molokini den Meereshorizont, wir waren ringsum von Land umgeben. Ueberall hohe kahle Berge, in deren Geröllböschungen winzig erscheinende Häuser eingestreut sind.
Wir fuhren jetzt unter dem Schutz der Inseln in ruhigem Wasser, und Alles an Bord wurde lebendig. Auch die dicke Königliche Hoheit war schon auf, hatte sich bereits eine Portion roher Fische und eine Schüssel Poi ins Bett reichen lassen, und guckte nun vergnügt mit dem Ausdruck eines gutgelaunten Bulldoggs durch den Spalt ihres Leinwandkäfigs ins Freie.
Als ich unten in der gemeinschaftlichen Kajüte Toilette machte, hatte ich Gelegenheit einer That zartester Galanterie beizuwohnen. Die hübsche Kammerzofe kam die Treppe herab um etwas zu holen. Es wurde an der Thür eben aufgewaschen und der Boden war voll Wasser. Sogleich sprang der Steward, ein Kanaka wie fast die ganze Mannschaft, herbei und setzte seinen Fuss in die Nässe, damit sie auf ihm trocken hinüberschreiten konnte. Allerdings geschah diese Aufmerksamkeit nicht ganz uneigennützig. Denn während sie sich Dank lächelnd des männlichen Fusses als Tritt bediente, umschlang sie der kühne Jüngling und drückte ihr einen lauten Kuss auf die Lippen, was sie sich sehr gerne gefallen liess.
Mit uns auf dem ersten Platz fuhr noch eine weisse Dame mit zwei kleinen Mädchen, die jedoch alle drei grösstentheils in ihren Kojen blieben, da sie seekrank waren, und etwa zwei Dutzend eingeborene Weiber, Männer und Kinder, die auf Deck herumlagen. Vorne auf dem zweiten Platz war es etwas voller. Der Hauptunterschied zwischen der Weiblichkeit erster und zweiter Klasse war, dass die einen des Morgens ihre Unterextremitäten ziemlich ungenirt mit weissen Strümpfen und zierlichen Stiefelchen schmückten, die anderen jedoch barfüssig blieben. Alle aber, selbst die ältesten reizlosesten Matronen, bekränzten sich beim Erwachen des Tages mit frischen Blumen- und Blätterguirlanden. Dann zogen sie enge Holzpfeifen aus dem Busen und liessen sie im Kreise herumgehen. Den Tabak hatten sie in alten blechenen Pulverflaschen bei sich und klopften ihn erst auf die Hand. Spangen von bunten Muscheln wurden um die Arme befestigt, Ringe mit falschen Edelsteinen glitzerten an den Fingern, einige indess hatten nur tätowirte Ringe. Golden stieg die Sonne hinter den Wolkenbänken des Haleakala empor und bestrahlte leuchtend unsere malerische Reisegesellschaft.
In der Makena-Bucht legte sich der Kilauea an eine Boje, um Bauholz zu landen. Da dies einige Zeit in Anspruch nahm, liessen wir uns ans felsige Ufer setzen. Mehrere grosse, breite und schwere Blockwagen mit je acht Paar langhörniger Ochsen bespannt warteten hier, um die Balken ins Innere abzuführen, eine Schaar Bummler lungerte herum, und ein Rudel schwarzäugiger Mädchen lachte mich kichernd aus, als ich zwischen der Brandung nach Schnecken und Krabben suchte.