Wir verliessen den Schutz der Insel Maui und kamen nun wieder, quer nach Hawaii hinübersteuernd, in offenes Wasser. Scharf blies der Nordostpassat durch die 30 Seemeilen breite Lücke über die weissen Kämme der Wellen hin, und wieder fing die Seekrankheit an zu wüthen. Bisher hatten die Kanakafamilien an langen Zuckerrohrstangen gekaut oder aus ihren kurzen dünnen Holzpfeifen Tabak geraucht. Jetzt griffen sie wieder der Reihe nach zu jenen fatalen Gefässen, die hier eine ebenso bedeutende Rolle spielen, wie zwischen Kuxhaven und Helgoland.
Immer deutlicher traten die kolossalen Massen des Haleakala hinter uns heraus. Seine graue Kappe löste sich vor den Strahlen der Sonne, und ein Kegelberg von den gewaltigsten Dimensionen erhob er sich aus dem Ozean. Riesige Schluchten zerklüfteten radienartig seine stetig und fast ohne Brechung ansteigenden Wände in ebensoviele gewaltige Pfeiler von 1000 Meter Höhe, die weit und mächtig in die brandende See vorsprangen. Nicht die Spur einer Vegetation war an ihnen zu entdecken. Die schroffen Flächen schienen vollkommen kahl zu sein. Unten durchbrachen hie und da kleinere sekundäre Vulkane den Boden. Wolkenschatten flogen gleich blauen Inselchen darüber hin.
Gegen Abend ankerten wir in der Kawaihae-Bucht an der Westseite der grossen Insel Hawaii. Von hier kehrten wir wieder zurück und fuhren um das Nordkap herum nach der östlichen Seite, auf deren Mitte ungefähr die Hauptstadt Hilo liegt. Kawaihae war früher ein sehr bevölkerter Platz und besteht jetzt nur mehr aus wenigen Häusern. Die Trümmer eines alten Heidentempels, welcher noch zu Anfang dieses Jahrhunderts zahlreiche Menschenopfer gesehen haben soll, erinnern an die einstige Grösse.
Es wurde rasch dunkel, und wie wir nach einer besseren Nacht als der vorhergehenden erwachten und um uns blickten, hatten wir die bald schroffe, bald anmuthige, stets aber grossartige Nordostküste Hawaiis ganz nahe zu unserer Rechten. Ueberall stieg das Land in steilen Wänden, deren Höhe zwischen 20 und 200 Meter auf und ab undulirte, empor. Wasserfälle stürzten von ihnen in wenigen Absätzen rauschend herab, so häufig, dass wir fast immer einen in Sicht hatten. Von den Kanten zogen sich, hier auf der stets befeuchteten Windseite besser gedeihend, Flächen von dunkeln Ohiawäldern wechselnd mit helleren Zuckerplantagen sanftansteigend zu den beiden Riesen Maunaloa und Maunakea, die noch verschleiert vom Morgendunst den Hintergrund als dunkle Mauer bildeten, hinauf. Ein paar kleine Ortschaften mit reinlich weissgetünchten Kirchen guckten verstohlen aus grünen Schluchten.
Um eine Ecke biegend gelangen wir in die Byron Bai und sehen Hilo vor uns. Ebenso gartenreich oder noch gartenreicher als Honolulu, erhält dieses reizende Städtchen von kaum 1000 Einwohnern durch zwei hohe Kirchen, von welchen die eine, die katholische, Doppelthürme im Jesuitenstyl besitzt, einen fast europäischen Anstrich.[8]
[8]: Durch die grosse Fluthwelle des Erdbebens von Peru im Sommer 1877 wurde Hilo in seinen unteren Partieen gänzlich zerstört, und über 100 Menschen kamen dabei um.
Die ersten Eindrücke, die wir empfingen, als wir in Hilo das Land betraten, liessen nichts zu wünschen. Ueberall freudig mit Blumenkränzen geschmückte hübsche Mädchen, überall freundliche, einladende Gesichter. Selbst die zahlreichen Chinesen, welche beinahe die ganze dem Kai zunächstgelegene Strasse okkupiren, schienen hier weniger abstossend zu sein.
Ein Chinese von sehr anständigem Aussehen war es auch, den uns der liebenswürdige Kapitän des Kilauea als Hotelwirth rekommandirte. Ein Dutzend Kanakas ergriff diensteifrig unser Gepäck und wir folgten ihnen nach dem Hotel, einem einfachen Gartenhaus mit Veranda, welches weiter oben in der dritten oder vierten Parallelstrasse lag und in dem wir aufs beste untergebracht und verpflegt wurden. Zwei Halbchinesen, Vettern des Wirthes, von denen namentlich der Aeltere, Hapai, rühmlichst genannt zu werden verdient, nahmen sich mit grösster Hingebung der Bedienung an.
Unsere erste Sorge war ein Süsswasserbad aufzusuchen, und Hapai führte uns nach dem Wailuku, der sich gleich neben Hilo in das Meer ergiesst. Ein wilder Gebirgsfluss braust der Wailuku durch romantisch zerklüftete Schluchten von Lavafelsen herab aus dem Maunakea, zwischen hohen schwarzen Blöcken in mehrere Arme zersplitternd, sich wieder vereinigend, hier in Wasserfällen hinunterstürzend, dort über breitere Betten von Rollsteinen dahinschäumend, grossartig und wild wie Alles auf diesen Inseln. Seitlich von der reissenden Strömung des Flusses haben sich stufenförmig übereinander mehrere geräumige Tümpel mit ruhigerem Wasser gebildet, welche zum Baden dienen. Bizarre Pandanusbäume, festgeklammert an den Wänden mit ihren sperrigen Wurzelpyramiden, hängen von oben herab und wiegen rauschende Büschelköpfe im lauen Passatwind. Auf dem anderen Ufer wuschen einige Weiber. Sie sassen dabei sammt ihren weissen Hemden bis zum Nabel im Wasser und riefen uns fröhlich »Aloha« herüber.
Nach dem Bade gingen wir an den Strand und liessen uns das berühmte Brandungschwimmen produziren. Leider kommt dieser interessante Wassersport der Kanakas immer mehr ausser Uebung. Namentlich die Bevölkerung von Hilo soll ehemals sehr geschickt darin gewesen sein. Kein Theil der Küste von Hawaii ist geeigneter, jene imposanten bis zu vier Meter hohen lang ausrollenden Wogenketten zu erzeugen, als der flache Strand der Byron Bai, gerade dem Ozean und dem Nordostpassat entgegen geöffnet. Nur drei Brüder verstehen sich noch aufs Brandungschwimmen und erboten sich, gegen je einen Dollar ihre Künste zu zeigen.