Sie holten ihre zu diesem Zweck dienenden Bretter, etwa anderthalb Mannslängen hoch, eine Armlänge breit, aus schwerem Holze, sehr dünn und mit scharfen Rändern, herbei und gingen mit ihnen, bis auf den Maro entkleidet, ins Meer hinaus. Untertauchend, so oft eine überschäumende Woge herankam, durch die Wogenthäler theils schwimmend, theils mit den Füssen vom seichten Grunde sich abstossend, entfernten sie sich schneller als ich es je für menschliche Lungen möglich gehalten hätte immer weiter und weiter vom Lande. Wir setzten uns auf die Spitze eines dem Ufer entsteigenden Lavafelsens und sahen ihnen durch Ferngläser nach, bis sie nur mehr als schwarze Pünktchen im Gischte der flachen Brandung zu erkennen waren. Dann schwangen sie sich plötzlich auf ihre Bretter und kamen langsam wieder näher. Auf welche Weise dies geschah, konnte ich anfänglich nicht unterscheiden. Sie bewegten sich nicht in der Richtung der See dem Lande zu, sondern schräg zu dieser im Zickzack kreuzend, so dass sie einmal auf der uns zugewendeten, dann wieder auf der entgegengesetzten Böschung abwärts und aufwärts glitten. So eilten sie den Wogen voran. Während sie in das Thal hinabschossen, legten sie sich flach mit dem Bauch aufs Brett und nahmen die Hände als Ruder benützend einen Anlauf, um über die vorne rollende Woge hinauf und durch den schäumenden Kamm zu gelangen. Waren sie glücklich oben, so sprangen sie auf die Knie oder auch wohl auf die Füsse und schwebten einen Augenblick aufrecht über dem Wasser. Nicht immer gelang ihnen dies, und zuweilen warfen sie um und verschwanden. Aber gleich waren sie wieder auf ihrem Brett und glitten wieder über die See dahin. Mehrmals gingen sie noch hinaus, um von Neuem ihr anmuthiges Spiel zu zeigen, bis wir genug hatten.
Die drei Dollars, welche die drei Brüder auf solche Weise verdienten, schienen den gesammten Jungen von Hilo einen Impuls zu geben, sich gleichfalls im Brandungschwimmen zu versuchen, und als wir gegen Abend wieder an den Strand kamen, arbeiteten ihrer mehrere Dutzend mit Brettern im Wasser herum, jedoch ohne etwas Nennenswerthes zu leisten. Die schöne Sitte, an der sich früher Alles, auch das zarte Geschlecht nicht ausgenommen, betheiligte, schwindet dahin wie die Hawaiier selbst.
Weiter gegen das östliche Ende der halbkreisförmigen Byron Bai, welches das kleine Coconut-Inselchen markirt, da wo die Brandung weniger stark war, wurde gefischt. Unter lautem Geschrei betheiligten sich Männer und Weiber an diesem Geschäft. Die Männer mit kurzen Hemden bekleidet oder nackt bis auf den niemals fehlenden Maro, die Weiber sammt ihren hellfarbigen, prangend grünen und rothen Gewändern, wateten sie in grösseren Gesellschaften den anrollenden Wellen, die ihnen jedesmal bis zu den Hüften stiegen, entgegen und hielten grosse Netze horizontal ausgespannt unter die Oberfläche des Wassers. Ich konnte jedoch nichts bemerken, was einem gefangenen Fisch glich. Ein dicker Polizist mit Käpi, Messingschild auf der Brust und einem Stock in der Rechten promenirte auf dem Strand und schien die Aufsicht zu führen.
Unser Hapai, der sich zu der Rolle eines Vergnügungskommissärs berufen fühlte, rieth uns, nach Tisch abermals an den Wailuku zu gehen, weil um diese Zeit die höhere weibliche Schuljugend sich dort einzufinden und zu baden pflege, und gerne folgten wir seinem angenehmen Vorschlag.
Der Badeplatz war noch leer. Drüben am anderen Ufer sassen dieselben Frauenzimmer, die wir schon Vormittags gesehen hatten, noch immer im Wasser und wuschen. Wir warteten nicht lange als wir über uns auf der Kante jugendliche Stimmen hörten. Eine Schaar Mädchen von 14 bis 18 Jahren, in hellen Gewändern und blumenbehangen, blickte herab, etwas enttäuscht und betroffen über unsere Anwesenheit. Sie debattirten hin und her, kicherten und zogen sich zurück, aber nur, um nach wenigen Minuten zwischen den schwarzen Blöcken des Ufers wieder zu erscheinen, einen Steinwurf unterhalb der Stelle, an der wir sassen.
Im Nu waren sie entkleidet und schwammen, ihr Bündel mit dem rechten Arm hoch in die Luft haltend und das Gesicht von uns abgewandt, durch die reissende Strömung nach der gegenüberliegenden Seite. Sie schienen in Bezug auf ihre Kleider uns nicht zu trauen und hatten dabei vielleicht nicht ganz Unrecht. Um die Exponirung ihrer Reize waren sie jedoch weniger besorgt. Vollständig nackt sprangen sie glatt und geschmeidig von einem Block zum andern, um oberhalb den Fluss nochmals zu kreuzen und zu unserem Badetümpel zu gelangen. Hier sprangen sie von einem Felsen herab und machten vorwärts und rückwärts Purzelbäume ins Wasser. Sie hatten augenscheinlich die Absicht, uns mit ihren Künsten zu unterhalten, was ihnen gewiss nicht übel gelang. Wir setzten uns nieder auf eine natürliche Felsentribüne, drehten uns Zigaretten und klatschten Beifall, während die liebenswürdigen Mädchen immer eifriger ihre Purzelbäume zum Besten gaben. Es waren fast lauter üppige, verlockende Gestalten im duftigen Reiz der eben vollendeten Formen, kleine bronzene Aphroditen, für die moderne Kunst ohne die leiseste Idealisirung zu sinnlich angekränkelten Statuetten verwendbar.
Auch eine von den Wäscherinnen drüben schwamm in ihrem Hemd herbei, um sich vor uns zu produziren und ebenfalls Purzelbäume ins Wasser zu machen. Bald merkte sie, dass sie im Hemd gegen ihre nackten Konkurrentinnen im Nachtheil war und durchaus nicht denselben Beifall erntete. Sie liess es fallen – eine echte Tochter Evas. Noch mehr Weiber schwammen herbei, auch manche ältere und unvermögend zu reizen, aber auch sie wollten sich produziren und Purzelbäume machen, theils im Hemd theils ohne.
Schliesslich kam ein Kunststück, welches uns fast die Haare zu Berg trieb. Unterhalb des Tümpels, vor dem wir sassen, theilt sich der Wailuku in drei Arme, welche in enge aus mächtigen Lavablöcken gebildete Kanäle eingezwängt, erst eine Strecke heftig dahinschiessen und dann als zehn Meter hohe Wasserfälle frei in ein tieferes von steilen Wänden umschlossenes Becken hinabstürzen. Mit Besorgniss sahen wir, wie die Mädchen den gefährlichen Kanälen sich immer mehr näherten. Wir trauten kaum unseren Augen, sie schienen gerade in die wildeste reissendste Strömung zu steuern. Die Strömung ergriff sie und führte sie fort, sie verschwanden. Entsetzt sprangen wir über die nächsten Blöcke, um, wie wir fest glaubten, die Unvorsichtigen unten zerschmettern zu sehen. Aber zu unserem Erstaunen tauchten sie wieder empor aus dem schäumenden Wasser, riefen lachend uns zu, ihnen zu folgen, und kletterten gewandt an den Wänden in die Höhe, um von Neuem das waghalsige Schauspiel zu unternehmen. Spöttisch freuten sie sich, dass uns ihre Leistungen so sehr imponirten.
»Ich wette, das wagen Sie doch nicht« neckte man mich, und unten winkte gerade eine besonders verführerische kleine Sirene. Ich wettete, warf meine Kleider ab und sprang in den Fluss, und eine Minute später hatte ich etwas gewagt, was ich kurz vorher für Wahnsinn erklärt hätte. Pfeilschnell riss es mich, auf dem Rücken, die Beine voraus, zwischen den Felsblöcken durch. Ich plumpste hinab, es wurde dunkel, es wirbelte mich ein paar mal im Kreise, aber leicht und rasch arbeitete ich mich aus ziemlich beträchtlicher Tiefe an die Oberfläche empor. Zweimal machte ich diese wilde Wasserfahrt, ohne jemals an eine der vielen Unebenheiten zu stossen. Ich fühlte deutlich, wie der heftige Zug der Strömung gleichsam federte über den scharfen Zacken, als ob sie gepolstert wären. Viel schwieriger war es, aus dem Abgrund wieder zurückzuklettern, und kaum würde ich den Weg gefunden haben, wenn nicht die braunen Genossinnen des Bades mich geleitet hätten. Hapai der uns nachgegangen war, warnte mich, dass schon mancher da drunten stecken geblieben und nicht wieder zum Vorschein gekommen sei. Deshalb stand ich von weiteren Experimenten ab, froh um eine interessante Erfahrung reicher zu sein.
Für den Abend hatte unser Hapai die nationale »Hula Hula« genannte Tanzproduktion arrangirt. Zwei Tänzerinnen und drei Musikanten, alle natürlich blumengeschmückt, erschienen im Salon des Hotels, und eine Menge neugieriger Zuschauer folgte ihnen.