Eben war der Weg etwas besser geworden, und eben hatten wir voll Freude darüber wieder eine kleine Hetzjagd angeschlagen, mein unübertrefflicher Grauschimmel weit voran, während zwei oder drei Pferde übermüdet zurückblieben, ungerührt von den rasselnden Peitschenhieben, als plötzlich der nun dichtere Busch sich lichtete, eine Grasfläche uns entgegenschimmerte mit einem Haus und einigen Hütten darauf, und links vom Wege ein tausend Fuss tiefer Abgrund sich aufthat, der grosse, 9 Meilen im Umfang zählende Krater, die Behausung der gefürchteten alten hawaiischen Göttin Pele. Wie ein riesiger kreisförmiger Steinbruch lag er unter uns, rings umgeben von senkrechten Wänden. Und auf der erhöhten Mitte dieses gewaltigen Zirkus, etwa 2 englische Meilen von unserem Standpunkt, qualmten aus einem Kessel gelbliche Dämpfe empor, und hier und da erschienen über den schwarzen, zackigen Rändern desselben glühendrothe Massen, die sich deutlich bewegten – flüssige, kochende Lava. Im Hintergrunde streckte sich sanft ansteigend und mit ungebrochenen geraden Linien der Maunaloa in die Wolken, die noch etwa 2000 Meter seiner Höhe verhüllten. Die nächste Umgebung bestand aus Ohiabusch. Rechts neben den menschlichen Wohnstätten dampfte es in einer Vertiefung aus unzähligen Fumarolenlöchern.

Der Kilauea ist bereits ein sehr zivilisirter Krater. Denn sein nördlicher Rand, an dem wir standen, trägt ein gutes Hotel, welches die schönste Aussicht auf ihn hinab bietet. Nur an Touristen ist noch ein bedenklicher Mangel, und wenn es gut geht, kommen im Durchschnitt monatlich einmal Gäste. Wir waren noch im Beschauen des Kilauea begriffen, als die Wirthsleute, ein amerikanisirter Schotte und seine eingeborene Gattin, sowie einige braune Burschen sich daran machten, unsere Pferde abzuzäumen und uns selbst zum Absteigen einzuladen.

Es war kalt hier oben, und ein rauher Wind blies über die öden, todesstillen, buschigen Flächen der Umgebung, so dass wir das im Kamin lodernde Feuer dankbar begrüssten. Durch die Fenster und von der Veranda aus konnten wir den Vulkan überblicken, dessen Schauspiel mit vorrückender Dunkelheit immer glänzender und grossartiger wurde. Als es Nacht war, kamen noch einige feurige Spalten mehr zum Vorschein, die von dem zentralen Feuerbecken nach verschiedenen Richtungen ausstrahlten. Deutlich sahen wir mit dem Fernglas, wie die glühenden Wogen geschmolzener Lava sich schwerfällig über den Rand desselben hinüberwälzten. Das Ganze machte den Eindruck einer brennenden Stadt, und Paris, wie ich es in den letzten Mainächten der Kommune von den Wällen des Forts Nogent aus gesehen, ein prasselnder Höllenpfuhl, kam mir in die Erinnerung.

Als wir nach dem Essen wieder durchs Fenster nach dem Krater ausguckten, lag ein dicker Nebel über ihm, der ihn vollständig verhüllte, so dass keine Spur eines feurigen Scheins zu sehen war. Sollte mich das bisherige Glück mit dem Wetter verlassen wollen, und sollte es uns gehen, wie anderen vor uns, die im Fremdenbuch klagten, gar nichts vom Kilauea gesehen zu haben? Unter solchen Zweifeln gingen wir zu Bett und entschliefen, nachdem wir den Wirth und uns selbst verpflichtet hatten, alle aufzuwecken, falls einer den Vulkan in heftigerer Thätigkeit wahrnehmen würde. Wir wurden auch wirklich um Ein Uhr geweckt, da der Nebel verschwunden war und die Lava in ausnehmend starken Garben über den Rand des feurigen Kessels wallte.

Der Nebel kam nicht wieder, und den nächsten Morgen stiegen wir unter strahlendem Sonnenschein in den Krater hinab. Dies klingt viel gefährlicher, als es in Wirklichkeit war. Denn der Boden des Kilauea, so wie ich ihn damals am 25. Aug. 1876 gesehen habe, war bis auf jene verhältnissmässig kleine Stelle vollständig erstarrt, ein gefrorener See. Entweder durch Senkung der peripherischen oder durch Hebung der zentralen Theile desselben hatte sich nicht ganz in der Mitte, sondern etwas näher der westlichen Wand ein sekundärer Kraterkegel in dem primären Krater von 9 Meilen Umfang gebildet, dessen Spitze den noch nicht gefrorenen feurigflüssigen Lavakessel trug. Wir stiegen also in den primären Krater hinab, der Wirth und einer seiner Kanakas als Führer voran, alle mit tüchtigen Stöcken bewaffnet. Gerade vor dem Hotel ist die hier etwa 180 Meter tiefe Wand eingestürzt und hat so Staffeln von Trümmerhaufen aufgeschüttet, über die steile und geschlängelte Pfade uns rasch hinuntergeleiteten. Grosse rosenfarbige Heidelbeeren wuchsen zwischen dem Geröll und unterbrachen freundlich den rauhen Abhang.

Wir betraten die nackte, frisch wie Metall glänzende Lava und stiegen langsam aufwärts. Erstarrte Lavaströme, in konzentrischen Bogen gewulstet, überlagerten einander in verschiedenen Richtungen und von verschiedenen Farben, schwarz, grünlich und gelbbraun wie Erz. Breite und tiefe Spalten zerklüfteten diese Ströme. In den Ritzen zwischen den Falten des Gusses fanden wir überall jenes eigenthümliche Mineral, das Haar der Göttin Pele oder Pelenit genannt, zu Fäden ausgesponnene Schlacke, welches genau so aussieht, wie die Schlackenwolle unserer Eisenwerke. Die Oberfläche, auf der wir im Gänsemarsch hinter den Führern marschirten, war sehr spröde und voll von grossen Luftblasen, in die wir häufig einbrachen, manchmal über ein Meter tief. In diesen Blasen herrschte eine bedeutende Hitze und Feuchtigkeit. Wenn man sich mit der Hand auf den Boden stützte, um sich herauszuarbeiten, stachen feine splitterige Nadeln, die ihn allenthalben überzogen, die Haut. Es dröhnte beständig hohl unter unseren Schritten. Wir passirten einige alte Nebeneruptionspunkte von jeder Form, so zum Beispiel einen 2 Meter hohen Schornstein, durch aneinander gebackene Schlackentropfen aufgebaut, aus dessen Oeffnung es geheimnissvoll rauchte.

Schon lange ehe wir unser Ziel, den kochenden Kessel erreichten, bereitete uns die aus ihm emporspritzende Lava ein höchst eigenthümliches Phänomen. Die Sonne stach grell auf den metallisch wie Messing blitzenden Pfad herab. Und obwohl bekanntlich unter dem Sonnenlichte jegliches Feuer bedeutend an Wirkung verliert, so war doch die Farbe der flüssigen Lava von einer Gluth, wie ich sie bisher nur an feuerrothen Blumen gesehen hatte. Hinter grossen schwarzen zackigen Blöcken von Schlacke spritzte die flüssige Lava rastlos in grossen Fetzen und Tropfen empor und machte mir den Eindruck, als ob Blüthenbouquets von besonders brennendem Roth beständig in die Höhe geworfen würden.

Wir näherten uns dem Rande bis auf etwa vier Schritte. Der Kessel war bis zum Ueberlaufen mit flüssiger und kochender Lava gefüllt, und wir standen, da der Rand erhöht war, noch unter dem Niveau, welches von unserer Augenhöhe nicht viel überragt wurde. Das ganze Bassin hatte zwei Abtheilungen, von denen jede einen guten Steinwurf im Durchmesser breit war und mit der andern durch eine schmale Verbindung zusammenhing, so dass beide durch eine Achterfigur begrenzt waren.

In jeder der beiden Abtheilungen schwammen Platten halberstarrter, noch glühender Lava, die fast die ganze Oberfläche einnahmen und sich beständig im Kreise drehten. Intensiv glühende fussbreite Spalten zogen sich durch diese Platten, und aus ihnen brachen alternirend bald hier bald dort die feurig flüssigen Garben und spritzten etwa 20 bis 30 Fuss hoch empor. Drei oder vier solche Spritzfontänen waren immer zu gleicher Zeit thätig. Es wallte fortwährend, und die schwimmende Rinde bog sich wellenförmig, ebenso wie dünnes Eis, durch welches ein Dampfer seinen Weg bahnt. Ein dumpfes Rollen erschütterte den Boden unter unseren Füssen. Hier und da donnerte es plötzlich heftiger, die Rinde bekam einen neuen Riss, und nun wallte es aus diesem hervor, da wo eben nichts zu sehen war, als die glühende Rinde.

Wir warfen Schlackenstücke hinein, welche nicht schwer genug waren, um durchzubrechen, sondern liegen blieben, bis sie von einer neuen plötzlich hervorquellenden Lavafontäne verschlungen wurden. Schwere, dichte Steine hätten die Rinde vielleicht durchbrochen. Wir standen auf der Windseite, sonst wären wir nicht sicher gewesen. Wäre der Wind von der anderen Seite gekommen, so konnten die rothen Tropfen und Fetzen auf uns niederfliegen. Wo sie uns gegenüber auf die Schlackenblöcke des Randes fielen, flossen sie entweder flüssig bleibend in das Becken zurück, oder sie kollerten, allmälig verdunkelnd, nach aussen hinab, und es war mir, als könnte ich dann, trotz des unterirdischen Grollens und trotz des pfeifenden Windes, das klappernde Geräusch vernehmen, welches sie dabei machten. Es war ziemlich heiss hier, aber nicht so bedeutend, als die Strahlung so mächtiger feurig flüssiger Massen erwarten liess. Die Luft zitterte über dem Becken, halb undurchsichtig von gelblichen Dämpfen.