Früh am folgenden Morgen rief uns ein lebhaftes Getümmel im Garten vor dem Hotel aus den Betten. Obgleich wir schon gestern unsere Wahl getroffen hatten, waren noch einige spekulative Kanakas mehr mit Pferden gekommen, in der Hoffnung, vielleicht doch noch ein Geschäft zu machen.

Ueber eine Stunde verging, ehe wir wegkamen, ehe wir die Ausrüstung der Pferde genau untersucht, ehe hier ein liederlich zusammengestoppeltes Zaumzeug geflickt, dort ein halb durchgerissener Steigbügelriemen durch einen neuen ersetzt, ehe alle die Satteltaschen gepackt und aufgeschnallt waren. Den Kanakas ist in Dingen der Propretät niemals zu trauen, und in Bezug auf ihre Thiere lügen sie wie alle Pferdeverleiher dieser schnöden Erde. Ein paar Mädchen schmückten uns noch schnell mit Blumen und Guirlanden. Dann schwangen wir uns in den Sattel, drückten den Hut fest in die Stirn und gallopirten südwärts zur Ortschaft hinaus. Links und rechts bellten wüthend die Hunde, und die halbe Einwohnerschaft lief auf die Strasse uns ein freundliches »Aloha« nachzurufen.

Würde es einem gesitteten Staatsbürger zu Hause einmal einfallen, in demselben Aufputz auszureiten, in dem wir damals mit Uebertreibung der grelle Farben und Blumenschmuck liebenden Landessitte den Ritt nach dem Kilauea antraten, er würde unfehlbar arretirt werden. Rock und Weste hatten wir zu Hause gelassen, um das Scharlachroth unserer Garibaldihemden zur Geltung zu bringen. Grosse dreizöllige Spornräder starrten uns von den Stiefeln, buntes Troddelwerk und klirrendes Schellengeklingel bedeckte das mexikanische Sattel- und Zaumzeug, und an den Hüten, um Hals und um Brust hingen uns flatternde Guirlanden von Farnkraut und weithin leuchtenden schwefelgelben Blüthen oder pomeranzengelben Pandanusfrüchten.

Eben so wild wie unser Aufputz war unser Ritt. Der Weg war der schlechteste, den man sich denken kann, und so schmal, dass wir eigentlich nur in einer Reihe hätten reiten sollen, zu beiden Seiten Farn und Busch. Ueberall nichts als glasharte Lava, in unzählige Schrunden und Blöcke zerklüftet. Die Pferde drängten alle vorwärts, eines strebte dem anderen zuvorzukommen, und mit einem Leichtsinn, der aller Vernunft Hohn sprach, sprengten wir, eng in einander gekeilt, Knie dicht an Knie und uns gegenseitig mit Armen und Beinen zurückreissend, rücksichtslos über den gefährlichen Boden, durch das zerfetzende Gestrüpp. Unsere hawaiischen Pferde, an solche rauhe Pfade gewöhnt und unübertrefflich zäh, stolperten kaum ein einziges mal und flogen dahin wie auf einer ebenen Chaussee.

Die Hetzjagd dauerte zum Glück nicht lange. Es ging mehrmals in steile Gräben hinab, in denen unten sumpfige Tümpel waren, und Lavablöcke von grösseren Dimensionen stemmten sich uns entgegen. Ueberall nichts als Lava, glasharte, widerlich kratzende und knirschende Lava, die meistens noch deutlich die Faltung ihres Gusses zeigte, als wäre die Masse eben erst jetzt erstarrt. Stellenweise dröhnte es hohl unter den Hufen von unterirdischen Räumen. Trotz der Frische des noch wenig verwitterten Bodens war doch schon eine reichliche Vegetation aus den Schrunden emporgesprosst. Ein nicht sehr dichter Wald von Ohiabäumen, an denen sich Schlingpflanzen mit schönen rothbraunen Blüthen hinaufrankten, mit eingestreuten Pandaneen folgten auf Farnkrautbestände, die an Neuseeland erinnerten. Die Sonne brannte glühend heiss herab, und da wo der Busch nicht dicht und nicht hoch genug war, um Schatten zu gewähren, rieselte uns und den Pferden der Schweiss von den Gliedern.

Die Entfernung von Hilo bis zum Krater beträgt 29 englische Meilen oder 44 Kilometer. Im Halfway House zu Olaa, einem Platz, der nur aus drei oder vier zwischen Felsen, Gebüsch und spärlichen Wiesenfleckchen zerstreuten Hütten besteht, machten wir Mittag. Wir nahmen unseren Pferden Sattel und Zaum ab und liessen sie grasen. Einige Hühner erlitten den Tod, und bis sie gebraten waren, legten wir uns in den kühlen Schatten des Wirthshauses und liessen unter den Händen brauner Mädchen das »Lome lome« über uns ergehen. Diese nach einem anstrengenden Ritt höchst erquickende Prozedur besteht in dem kunstgerechten Kneten der Muskeln des Rumpfes, der Beine und Arme und bildet einen Theil der landesüblichen Gastfreundschaft, der dem eben angekommenen Fremdling auf sein Verlangen und oft auch ohne sein Verlangen geleistet wird. Kaum ist man irgendwo in einem Dorfe vom Pferde gestiegen und hat sich müde auf der Erde ausgestreckt, als auch sogleich ein paar Frauenzimmer nebenan Platz nehmen und erst schüchtern, dann immer dreister und eindringlicher zu kneten beginnen.

Bis zum Ziele unserer Partie ging es immer durch dieselbe Landschaft von dünnem Busch und Farnkraut, immer über denselben knirschenden, glasharten Boden fort. Höchstens dass hier und da in einer Vertiefung so viel Humus angesammelt war, dass die Hufe auf einige Schritte zu kratzen aufhörten und dadurch dem gequälten Ohr eine angenehme Rast gewährten.

Ich war in Bezug auf die Wahl meines Pferdes der glücklichste von uns allen gewesen. Und auch mein Pferd durfte mit seinem Loose zufrieden sein, denn ich war der leichteste Reiter der Gesellschaft. Es war dafür auch allen anderen voran, und während hinter mir ein paar kurzathmige Häuter bereits erbärmlich keuchten, und klatschende Hiebe und Flüche auf die armen Thiere herabregneten, brauchte ich nur ein wenig mit der Zunge zu schnalzen, um meinen Grauschimmel aufzumuntern. Auch verstand er das Terrain viel besser als ich und wusste genau Bescheid, wann er gallopiren oder traben durfte, und wann er im Schritt gehen musste, und kletterte so geschickt über Lavablöcke und stieg so sicher und vorsichtig in die jeden Augenblick unseren Pfad kreuzenden Gräben hinab, dass ich ihn ganz sich selbst überlassen konnte.

So schlängelte sich unser Ritt ermüdend unter beständigem Wechseln der Gangart über Felsen und Schluchten, durch sumpfige Mulden und über glasharte vor wenigen Jahren noch feurigflüssige Lava dahin, links und rechts in den engen Saumpfad hereinreichendes Gebüsch, welches uns ins Gesicht schlug und an den Steigbügeln zerrte. Ein lechzender Durst peinigte uns, und wo wir eine vom Regen der letzten Nacht zurückgelassene Pfütze fanden, stiegen wir ab, legten uns auf den Bauch und schlürften mit dem Munde das schmutzige Wasser. Keine prangenden Blumenguirlanden schmückten mehr unsern Körper, wir hatten sie weggeworfen, und nichts erinnerte mehr an die Farbenpracht des Morgens, als die rothen Hemden, an denen die moorige Erde haftete.

Wir merkten nicht, dass wir höher stiegen. Der Krater Kilauea ist kein Berg im gewöhnlichen Sinne des Wortes, er liegt blos 4000 englische Fuss oder 1200 Meter über dem Meere, und der Weg von Hilo bis hinauf und somit die ganze Erhebung dehnt sich gleichmässig, nur unterbrochen von kleinen welligen Vertiefungen, auf 44 Kilometer aus. Mit gespannter Erwartung spähten wir umsonst nach einem Feuerschein oder nach Rauchsäulen vor uns. Wir näherten uns dem grössten thätigen Vulkan der Erde. Die schwüle Atmosphäre war trübe und düster, und eine dunkle Wolkenwand überlagerte den Horizont in der Richtung, in der er liegen musste, so dass wir berechtigt waren, von den höheren Punkten aus, die eine weitere Umschau gestatteten, doch endlich ein Anzeichen von ihm zu erhalten. Aber keine Spur war zu entdecken.