Was aber noch besser war und ein unschätzbares Vergnügen gewährte, selbst ein Fremdenbuch lag hier auf, in welchem jeder Besucher seine Erfahrungen und Gefühle über den Kilauea verewigt hatte, jene sinnige Einrichtung, die leider bei uns zu Hause in den Touristenhotels der Alpen immer mehr ausser Brauch kommt. Zwei dicke Foliobände waren bereits mit poetischen und prosaischen, witzigen und langweiligen, guten und schlechten Ergüssen und Zeichnungen über die Kilauea-Partie gefüllt. Auch der bekannte amerikanische Humorist Mark Twain, der über die Sandwich-Inseln einen mehr amüsanten als wahren Bericht geschrieben, hatte ein paar Seiten geliefert. An deutschen Inschriften fehlte es natürlich nicht, ebenso wenig an schlechten deutschen Gedichten, deren Urheber verschwiegen sein mögen. Von illustren Namen fand ich den des ehemaligen preussischen Konsuls Lindau in Yokohama verzeichnet. Mit grosser Befriedigung entnahmen wir, dass wir ausnahmsweise glücklich gewesen waren. Wenige vor uns hatten den Vulkan bei so günstigem Wetter und in so lebhafter Thätigkeit gesehen. Manche hatten nur Nebel und Regen hier oben gefunden. Einer ging so weit, feierlich gegen die Existenz des Kilauea als einen grossen Schwindel zu protestiren.

Am anderen Morgen brachen wir in aller Frühe auf, um nach Kapoho zu reiten. Es war noch dunkel, und der Vulkan leuchtete ziemlich stark herauf, theilweise verschleiert von einem dünnen Nebel. Der eine Lavabach mochte vielleicht 200 Schritte vorgerückt sein.

Wir nahmen den Rückweg nach Hilo durch den Distrikt Puna, welcher den östlichen Vorsprung der dreieckigen Insel Hawaii umfasst. Während wir von dem nordöstlich gelegenen Hilo in ziemlich gerader Richtung gekommen waren, wandten wir uns jetzt nach Südost um zunächst an das Meer hinabzusteigen und dann, den Windungen der Küste folgend, die östliche Spitze Hawaiis, Kapoho, zu erreichen und dort in dem Gehöft eines Deutschen namens Eldart abermals Rasttag zu halten. Denn es galt heute einen schweren Ritt von 42 englischen Meilen oder 64 Kilometer immer über dieselbe glasharte kratzende Lava.

Bald wich die Kälte des Berges der Gluth der tropischen Sonne, und die morgentlich starren und ungelenken Glieder salbte rieselnder Schweiss. Durch Ohiagebüsch an einem alten Vulkan von kleineren Dimensionen vorbei gelangten wir zu dem Absturz des Hochlandes.

Auf unglaublich steilen Pfaden trugen uns die Pferde vorsichtig hinunter. Hätten wir uns nicht vor dem Führer geschämt, wir wären wahrscheinlich aus dem Sattel gestiegen und zu Fuss geklettert. Wohl rutschten zuweilen die Hufe knirschend von glatten Felsblöcken ab, wohl strauchelte zuweilen eines unserer wackeren Thiere und drohte zu stürzen, und einen Sturz auf diesem widerlich harten Boden voll scharfer Kanten und tiefer Löcher hätten die besten Knochen nicht ausgehalten. Aber glücklich kamen wir über alle Gefahren und Hindernisse hinab.

Von nun an ging es bis Hilo auf dem breiten Saum der Küste entlang, welcher, aus demselben Material gegossen wie die ganze gewaltige Masse der Insel, die erste niedrigere, nur vielleicht zwanzig Meter aus dem Meer sich erhebende Staffel bildet. Von ferne sieht dieser breite Saum aus, als ob er nahezu eben wäre, und nur einige schärfere Horizontallinien deuten, allmälig verschwimmend im Blau des Horizonts, Vertiefungen an, die sich in der unmittelbaren Nähe als nicht zu verachtende Schluchten erweisen. Ueberall knirscht der Huf auf harter Lava, und doch scheint bereits eine dichte Vegetation links und rechts sich zusammen zu drängen. Wo nur die kleinste Schrunde etwas Erde zurückhält, sprossen Pflanzen empor, die wahre Natur des noch intakten Lavabodens verhüllend.

Schrecklich zu reiten ist dieser Lavapfad, aber reich an interessanten Gebilden vulkanischen Ursprungs. Der Hauptsache nach ist der Boden aus Einem Guss. Aber hie und da fliessen jüngere Ströme darüber hin, deutlich erkennbar an den dunkleren frischeren Farben ihres Gesteins und an der geringer entwickelten Vegetation. So zum Beispiel tritt einmal ein 200 Schritt breiter schwarzer Strom bis nahe an den Weg heran. Er lässt sich mit dem Auge weit nach oben verfolgen, wie er gleich einer riesigen Schlange durch den Wald sich herabwälzte, bis er hier unten erstarrte und stehen blieb. Die ganze Oberfläche des Stromes ist so verschlackt und zerklüftet, dass sie den Eindruck eines hingeschütteten Koakshaufen macht, dessen einzelne Stücke mehrere Kubikmeter betragen. Versengte und halbverkohlte Bäume sind hineingebacken, wahrscheinlich oben von der glühenden Fluth ergriffen und mit heruntergeschwemmt.

Oft dröhnte es wieder hohl unter den Hufen wie am ersten Tage, und mehrmals sah ich in tiefe Blasenräume hinab, die durch Einsturz der domartigen Gewölbe freigelegt waren. Unten ruhten die Trümmer der fussdicken Kuppeln, Aussen- und Innenseiten an der Rundung leicht unterscheidbar, und einmal sah ich die wenigen Bruchstücke noch so geordnet, dass man sie ohne Mühe hätte zusammenfügen können, als wären sie nur deshalb hinabgesunken, weil die tragenden Wandungen plötzlich auseinander wichen. Kokospalmen haben sich in diesen Verliessen angesiedelt und gucken mit ihren Kronen in die schwarzgraue Wüste hinaus.

Auf lange Strecken scheint der Weg eine einzige gerade und ebene Linie zu sein. Man freut sich darüber und spornt sein Pferd zum Gallop – da gähnt unerwartet eine in der Perspektive verborgene Querschlucht, die uns steil hinab und auf der anderen Seite eben so steil wieder hinauf zu klimmen nöthigt. Manchmal geht es so nahe dem Ufer hin, dass man die donnernde Brandung emporspritzen sieht. Oder mächtige dünenartige Hügel aus grobem Lavageröll haben sich über die niedrigen Ränder gehäuft, in breiten schaumigen Zungen lecken die Wogen herauf, und scheue schnepfenartige Vögel trippeln darin herum und fischen. An einer solchen Stelle kam uns ein isolirter mehr als zehn Meter hoher Kegel aus Lavasand zu Gesicht, der nicht durch die See allein gebildet sein konnte.

Eine kleine Gruppe von Brotfruchtbäumen und Palmen, dazwischen eine einsame Hütte, winkte uns freundlich entgegen. Dort machten wir Halt, um Kokosnussmilch zu trinken und den Pferden Wasser zu geben. Die Kokosnüsse werden hier zu Lande anders geöffnet als auf Viti. Man reisst nicht erst die äussere Faserhülse ab, sondern durchschneidet sie mit dem Messer sammt der inneren Schale. Der Mann dem die Hütte gehörte hatte vor etlichen Tagen eine Rippe gebrochen und konsultirte mich, was er thun sollte. Er sass vor der Thüre und sonnte sich, nur mit dem Maro und einem grossen Pflasterfladen, welcher die verletzte Seite überdeckte, bekleidet. Ich empfahl ihm Ruhe und etwas mehr Gewandung. Der berühmteste Haruspex hätte ihm nichts Besseres verordnen können.