Es blieb vorläufig nichts übrig, als geduldig zu warten und die Zeit zu vertreiben so gut wir konnten. Wir machten Kanuufahrten ins Meer hinaus, wir gingen mit aufgespanntem Regenschirm am Strand spazieren, wir badeten Vormittags in der See und Nachmittags im Fluss, wir machten Besuche und empfingen solche, und Abends kam, falls es nicht zu stark regnete, der Gesangverein von Hilo und gab uns ein Konzert draussen im Garten um ein paar Zigarren zu verdienen.
Aber alles dieses war eigentlich doch sehr langweilig, jetzt da unser Programm durch das Nichterscheinen des Dampfers gestört war und wir alle von Hilo fortzukommen wünschten. Auch das famose Bad im Wailuku hatte allen Reiz eingebüsst, da die höhere weibliche Schuljugend sich nicht mehr einstellte. Ihre so anziehende Schwimm- und Purzelbaumproduktion des ersten Tages hatte das Missfallen der frommen Missionäre erregt. Es war ihnen eingeschärft worden, unsere Nähe zu meiden, und um die Tugendhaftigkeit im Kampf mit dem Bösen zu unterstützen, schlich nächtlicher Weile die hohe Polizei um unser Hotel.
Zwei Tage warteten wir noch, und als der Kilauea immer noch nicht kam, mussten wir das Hoffen auf ihn aufgeben und in irgend einer anderen Weise nach Honolulu zurückzugelangen suchen, wollten wir nicht den Verlust unserer Passage nach San Francisco riskiren. In Kohala, war uns gesagt worden, läge ein Schuner segelfertig für Honolulu, und wenn wir uns beeilten, könnten wir diesen noch erreichen. Zu Land und mit Pferden würden wir mindestens zwei Tage gebraucht haben, und ans Reiten konnten wir mit unseren zerschundenen Gliedmassen nicht denken. Wir beschlossen deshalb, irgend ein Fahrzeug zu miethen und dorthin aufzubrechen.
Das war aber leichter gesagt als gethan. Man suchte uns jetzt durch alle möglichen Vorstellungen der grossen Gefährlichkeit einer solchen Reise an der Küste voller Klippen und Brandung entlang abzuhalten. Erst nachdem wir nochmals einen Tag mit Herumlaufen nach jeder Richtung verloren hatten, gelang es uns durch die gütige Vermittelung Kapitän Spencers, ein grosses Walfischfängerboot aus der guten alten Zeit der Walfischfängerei, welches schon lange keinen Walfisch mehr gesehen hatte, sowie eine Mannschaft von sechs Kanakas aufzutreiben und für 50 Dollars bis Kohala zu miethen.
Wir verproviantirten uns mit Esswaaren und Trinkwasser und um Mitternacht sollten wir in See stechen. Wir hätten dies eigentlich schon mehrere Stunden früher thun können. Aber da wir für den Abend bei liebenswürdigen jungen Damen zu einem Souper eingeladen waren, so mussten wir die Abfahrt verschieben.
Die holden Wahines hatten uns Blumenkränze zum festlichen Schmucke geschickt, wir kauften noch einige mehr dazu, und blumenbehangen wie die Boeufs gras zu Paris verfügten wir uns in ihre Behausung. Es handelte sich um eine etwas verfeinerte Mahlzeit im landesüblichen Styl mit Poi, rohen Fischen, Fischgedärmen, roher Schweinsleber und Seemuscheln. Um auch dem europäischen Geschmack Rechnung zu tragen, gab es ausserdem noch kalte Hühner, Schinken und Brot, Kaffe und Thee.
Die ganze Bescherung war in der Mitte des Zimmers auf dem mattenbelegten Boden ausgebreitet. Wir setzten uns ringsherum und kreuzten die Beine, neben und zwischen uns die braunen Schönen, selbstverständlich gleichfalls über und über mit Blumen bekränzt. Die Versammlung war ein duftender Blumengarten. Wirkte nun allerdings das Fremdartige einiger Gerichte störend auf unseren Appetit, und konnte man sich auch vielleicht daran stossen, dass die nackten Füsse der Damen häufig mit den uns vorgesetzten Portionen in Berührung geriethen, und dass wir Alles mit den Händen zu zerreissen hatten, so waren unsere Wirthinnen doch von einer so gewinnenden Liebenswürdigkeit, und es machte ihnen sichtlich so viel Freude uns zu bewirthen, dass wir mit Beherrschung der widerstrebenden Gefühle wacker zugriffen und ihnen selbst gestatteten, uns eigenhändig den Poi-Brei in den Mund zu schieben. Man that uns damit eine Ehre an, deren Ablehnung eine Beleidigung gewesen wäre. Sie machten ihre Sache auch recht artig und gingen erst hinaus um sich die Hände zu waschen, ehe sie damit in die grossen Kalebassen tunkten, den sauren Kleister um die zwei ersten Finger wickelten und uns willenlose Opfer damit regalirten.
Die Bootsmannschaft, welche wir auf elf Uhr bestellt hatten, wurde ungeduldig und wir mussten uns losreissen. Noch ein zärtlicher Abschied, viel hundert Alohas, und wir wandten uns nach dem Gestade.
Mister Wilky liess sein Pferd satteln uns zu begleiten. Ein zahlreicher Tross von Chinesen und Kanakas holte das Gepäck aus dem Hotel herbei, und unter den kräftigen Tönen eines kriegerischen Gesanges marschirten wir durch die nächtlich stillen Strassen von Hilo. Ein dreimaliges Hurrah und wir stiessen ab. Den bereits im Schlummer liegenden friedlichen Bewohnern wäre es wahrscheinlich lieber gewesen, wenn wir uns minder geräuschvoll empfohlen hätten. Mancher Fluch mag uns nachgesandt worden sein. Als wir in die Bucht hinausgerudert waren und die ersten Windstösse um die Ecke kamen, schlug es auf den zwei Kirchthürmen zwölf Uhr.
Nur selten erschien der Mond in den Lücken des Gewölks und beleuchtete auf kurze Augenblicke die gigantischen Massen Hawaiis, unter denen wir, getrieben von dem frischen Hauch des Passates, vorüberglitten. Leider stellte sich die Seekrankheit ein, und die Fahrt in dem engen Boot wurde sehr ungemüthlich. Zwar hatten wir uns so komfortabel als möglich eingerichtet. Das Hintertheil unseres Fahrzeuges war durch Matratzen und Kissen und Decken in ein geräumiges Bett für drei Personen umgewandelt, und die Reihenfolge des Schlafens war ausgeloost worden. Aber drei von uns fünfen stöhnten so jämmerlich, dass mein Freund Bats, an den ich mich enger angeschlossen, und ich selbst gerne auf unser Recht verzichteten.