Wir waren Zeugen einer Todtenfeier im altem Styl. Und dieselben Frauen, die eben an der Leiche geweint hatten, traten dann und wann ans Fenster, sahen dem Hula Hula zu und klatschten laut und lachten ausgelassen, wenn gerade eine Passage besonders verfänglich war. Wie ganz anders als wir mussten diese Menschen fühlen.

Wir setzten uns wieder in die Veranda. Unseren jungen Damen war keine sonderliche Traurigkeit anzumerken, sie waren heiter wie immer. Nur an dem Hula Hula schienen sie nicht denselben Gefallen zu finden wie die älteren Weiber. Sie gehörten entschieden der besten Klasse von Hawaiierinnen an und hatten soviel Vornehmes und Ladylikes in ihrem Benehmen, dass sie den Vergleich mit Europäerinnen nicht zu scheuen brauchten. Dabei besassen sie den ganzen naturfrischen Duft ihrer Rasse. Ihre weissen Zähne glänzten so verführerisch und ihre Augen blitzten so herausfordernd, dass es nicht Wunder nahm, wenn meine Gefährten bald wärmer wurden und den Gesprächen eine Wendung gaben, die es mir lieb machte, dass die Mädchen nur mangelhaft Englisch verstanden. Und mit welcher Würde und mit wie viel Anmuth wussten sie ihre Abweisung zu erkennen zu geben, als sie endlich begriffen.

Unterdessen klapperten und schrieen die Tänzerinnen immer wüthender fort, und immer leidenschaftlicher wurden ihre Hüftenevolutionen, und immer entzückter lachten und klatschten die alten Weiber, die Mütter und Tanten unserer Freundinnen.

Und wie ich das sah, schien es mir selbst, dass wir nicht an einem Orte waren, für welchen schüchterne Zurückhaltung passte. Da kam aber gleich wieder die hoheitsvolle sittliche Entrüstung, sobald wir uns die kleinsten Freiheiten erlaubten. War dies Koketterie oder Wahrheit, mitten in solcher Umgebung, im Angesicht des scheusslichen Hula Hula? Man verzieh uns übrigens und vertraute uns an, dass der anwesenden jüngeren Generation der Hula Hula ebenso verhasst sei, als beliebt bei der älteren.

Wir hatten zwei Kulturstufen, die eine tiefe Kluft trennte, vor uns. Die Alten staken noch fest in ihrer alten Barbarei, die Jungen fühlten bereits europäisch. Dass beide Kulturstufen, anderwärts durch jahrhundertlange Zwischenstufen vermittelt, hier auf einem Fleck nebeneinander vorkamen, war ein Anachronismus, der eben nur bei einer so rapiden Zivilisirung möglich ist, wie die Hawaiier sie genossen.

In einem Missionarbericht aus den zwanziger Jahren erinnere ich mich ein Gegenstück zu unserem Erlebniss gelesen zu haben. Als Kamehameha II. gestorben war, trauerte ganz Honolulu um ihn und zwar in folgender Weise. Beide Geschlechter enthielten sich Wochen lang jeglicher Bekleidung. Einige hackten sich die Finger ab, andere schlugen sich die Vorderzähne aus. Tag und Nacht wurde Hula Hula getanzt, und die Weiber ergaben sich der uneingeschränktesten Prostitution.

Als wir am nächsten Morgen wieder nach jenem Hause gingen, um der Beerdigung beizuwohnen, war diese schon vorüber. Vor der Veranda aber sass ganz allein ein altes Weib, die Mutter des todten Mädchens, und sang die Todtenklage, ein so herzzerreissendes grässliches Wimmern und Heulen, wie ich vorher nie von einer menschlichen Stimme vernommen hatte.

Trotz des schlechten Wetters folgten wir einer schon früher erhaltenen Einladung Kapitän Spencers, des amerikanischen Konsuls von Hilo, ihn in seiner eine Viertelstunde entfernten Zuckerfabrik zu besuchen. Kapitän Spencer, ebenfalls ein ehemaliger Walfischfänger, wie alle die vielen »Captains« auf Hawaii, ist eine hervorragende Persönlichkeit. Jedermann weit und breit kennt ihn, er ist berühmt durch seine Körperstärke und durch die vielen halbbraunen Kinder, die er allenthalben gezeugt hat. Er fängt aber auch bereits an alt zu werden, und als wir zu ihm kamen, war er in sehr schlechter Laune, denn er litt wieder einmal an einem Gichtanfall. Dieses hinderte ihn jedoch nicht uns aufs Reichlichste zu bewirthen. Unangenehm war nur der Ton des Gespräches, den er anschlug, indem er mit dröhnender Stimme über Alles schimpfte, was nicht amerikanisch war, und erst aufhörte, als wir uns empfahlen. Er gab uns einen Burschen bei zur Führung durch seine ausgedehnten Zuckerfelder, die sich ein paar Meilen ins Land hinauf erstrecken, und durch die Siederei.

Künstlich angelegte Abzweigungen des reissenden Wailuku dienen dazu, das oben geschnittene Zuckerrohr herabzuschwemmen. Die Siederei ruhte eben, ein Theil derselben war vor wenigen Wochen abgebrannt, wahrscheinlich durch einen entlassenen Arbeiter angezündet. Auf diesem Rundgang begegneten wir einem blonden Hawaiier mit blaugrünen Augen. Er sah skrophulös aus und hatte Drüsennarben am Halse. »Kanaka maoli« (maoli-maori, echt) sagte mir der Führer. Ohne diese Bemerkung würde ich ihn für einen Engländer oder Deutschen der ärmsten Auswanderersorte gehalten haben.

Am 30. August sollte der Dampfer Kilauea wieder kommen, um uns nach Honolulu zurückzubringen. Wir warteten vergeblich den ganzen Tag, aber er kam nicht. Auch der folgende Tag verging, und kein Dampfer liess sich sehen. Es musste ihm etwas zugestossen sein. Der Postmann, welcher die Strecke von Hilo bis Kohala an der Nordspitze der Insel abgeritten hatte, traf mit der Nachricht ein, auch in Kohala und in Kawaihae sei nichts von einem Dampfer zu bemerken gewesen. Man fing an zu munkeln, der Kilauea sei untergegangen, er sei schon seit lange nicht mehr seetüchtig, kein Wunder dass ihn endlich sein Ende ereilt. Da sassen wir nun und wussten nicht was thun, ohne Telegraphen und ohne Gewissheit.