Wie sehr verschieden sind doch diese Hawaiischen Inseln von den Viti-Inseln, obgleich beide ungefähr gleichweit vom Aequator entfernt sind, die einen südlich, die anderen nördlich. Während in der Landschaft von Viti das Anmuthige und die Ueppigkeit tropischer Vegetation vorherrscht, trägt hier Alles den Charakter des Wilden, Gigantischen. Noch viel mehr aber als sonst irgendwo auf der ausgedehntesten und jüngsten und südöstlichsten der Inseln, auf Hawaii, welche jetzt gleichfalls wie zum Abschied in ihrer ganzen Pracht sich entfaltete. Hoch über der Wolkenlinie schwammen duftig violett und bestreut mit glitzernden Schneefeldern die beiden Häupter Maunaloa und Maunakea, beide mehr als 4000 Meter hoch. Sie bestehen durchaus aus Lava. Und wenn man bedenkt, dass sie sich mit einer Basis von beinahe 60 Seemeilen oder 111 Kilometer im Durchmesser zu ihrer gewaltigen Höhe erheben, und dass ihre Konturen ohne Brechung in einer sanftabsteigenden geraden Linie aus den Wolken herabkommen, so kann man sich ungefähr einen Begriff machen, welche kolossale Massen hier durch Lavaeruptionen geschaffen wurden.
Wir segelten bereits ganz dicht an der Brandung von Maui entlang, als mit einem mal der bisher so günstige und frische Wind aufhörte und tödtliche Stille eintrat.
Es war wie eine Strafe für die unzüchtigen Gespräche und Geberden des Kapitäns, womit er uns zu unterhalten suchte. Erst hatte er uns die Bewegungen des Hula Hula mit all seinen scheusslichen Feinheiten vorgemacht, dann über die Frauenzimmer des frommen Kohala geschimpft, die nichts mehr davon verstehen wollten, und dagegen die Mädchen seines Dorfes gepriesen, die darin noch sehr bewandert seien. Dies war auch in so fern höchst interessant, als er dabei die teuflischesten Grimassen schnitt, deren das Teufelsgesicht eines solchen obszönen und lasziven Kanakas überhaupt fähig ist, wenn er von Weibern spricht. Die Mannschaft hatte ihm jubelnd Beifall geklatscht. Jetzt da sie wieder rudern mussten, legte sich ihre Heiterkeit. Sie arbeiteten faul und verdrossen an den Riemen und benutzten jeden Vorwand, um sich eine Pause zu gönnen. Bald zog einer zur Erleichterung sein Hemd aus, ein anderer zog es wieder an, bald bewunderten sie die Pracht des aufgehenden Mondes und hörten deshalb insgesammt zu rudern auf, oder sie kauten an langen Zuckerrohrstangen, und schliesslich fing einer an das Abendgebet vorzubeten, und alle entblössten ihr Haupt und falteten die Hände und sahen nun so fromm und andächtig aus, als ob sie niemals gezotet hätten.
Wir schliefen ein, und als ich erwachte schlief auch die ganze Mannschaft und schnarchte. Senkrecht über uns stand der Vollmond und goss sein mildes Licht über die leise wogende See, über unser langsam auf- und niederschwebendes Boot und über die nahen Felsgründe des Haleakala. Eine zauberhafte Stille lag ringsum auf der Umgebung, kein Lüftchen regte sich, schüchtern gluckste das Wasser unter dem Kiel. Es war eine äusserst poesievolle, aber auch etwas gefährliche Situation. Auf allen Seiten drohten Klippen mit heftiger Brandung, und wir trieben gerade im Fahrwasser des Dampfers, der ja doch mittlerweile ausgebessert sein und den Dienst wieder aufgenommen haben konnte.
Eine Weile genoss ich noch die Schönheit der Nacht und der Umgebung, dann weckte ich die Schläfer und trieb sie zur Arbeit an. Hie und da fächelte uns ein leiser Zephyr die Wangen, und gleich hörten wieder die Kanakas zu rudern auf und setzten das Segel, um es bald wieder wegnehmen zu müssen.
So kamen wir langsam vorwärts, bis die niedrige flache Lücke zwischen dem Haleakala und dem westlichen Gebirgsstock von Maui erreicht war, durch welche der Passat ungehemmt herüber weht. Nach Sonnenaufgang hatten wir diese und den schönen Wind hinter uns und abermals Stille. Die Hitze wurde drückend. Am Ufer kam gerade eine grüne Oase in Sicht, vor welcher eine zahlreiche Gesellschaft mit Fischen beschäftigt war. Wir beschlossen hier zu landen um unser Frühstück statt in dem schaukelnden Boot auf festem Boden zu verzehren.
Etliche Mädchen rannten nach ihren Hemden als wir uns näherten, und ein paar Männer wateten dienstfertig uns entgegen, packten das Boot und leiteten es durch die Klippen, welche aus dem sandigen Grunde hervorragten. Das Boot stiess fest, und wir sprangen ans Ufer. Die liebenswürdigen Insulaner hatten bereits eine Menge kleiner kaum fingerlanger Fische gefangen und in Töpfen über einem prasselnden Feuer gekocht. Wir setzten uns in den spärlichen Schatten der nächsten Palme und theilten unsere gepöckelten Austern, unseren Schinken und unseren Zwieback mit ihnen, wogegen sie uns von ihren sehr wohlschmeckenden Backfischchen gaben. Wir waren bei diesem famosen Picknick zweifellos im Vortheil, wenn auch unsere selteneren Artikel bei jenen die grössere Freude hervorriefen. Trotz des strengen königlichen Verbots liessen wir auch an unserem Whisky nippen, der den meisten noch neu zu sein schien und ein schauerlich wollüstiges Grinsen abzwang.
Wir baten die braunen Freunde, ihre Methode des Fischens zu zeigen, und sie gingen ins Wasser, die Männer bis auf den Maro nackt, die Weiber jetzt mit ihren Hemden bekleidet. Unter Kanakas pflegt das zarte Geschlecht sich weniger zu geniren und fischt sehr oft ohne alle Gewandung. Männer jedoch habe ich niemals ohne Maro gesehen. Ein grosses Netz wurde von zwei Jungen auf dem Grunde ausgebreitet und an den Zipfeln gehalten. Die übrige Schaar formirte einen weiten Kreis und trieb, mit Armen und Beinen plätschernd, die Fische über das Netz zusammen, welches schliesslich, rasch emporgezogen, jedesmal eine reiche zappelnde Beute gewährte.
Schon gleich im Anfang war mir ein schöner, stattlicher Mann aufgefallen, der das Haupt der Gesellschaft sein musste. Scharfe, intelligente Züge, ein wohlgepflegter Henriquatre und sorgsam gescheiteltes Haar gaben ihm den Typus eines eleganten französischen Gendarmeriebrigadiers. Er sprach fliessend Englisch und hatte viel natürliche Kourtoisie in seinem Benehmen. Auch er war nackt bis auf den Maro und entpuppte sich als Zeitungskorrespondent. Bei unserer Ankunft war ein Reiter zugegen gewesen und rasch ins Innere abgesprengt. Nun kam dieser zurück, einen Bogen Papier und einen Bleistift in der Hand, und jener feine wohlfrisirte Kavalier richtete höflich an uns das Ersuchen, ihm unsere Namen zu notiren, er schreibe Berichte an die in Honolulu erscheinende hawaiische Zeitung, und er könne ihr das wichtige Ereigniss unserer Landung bei ihm nicht vorenthalten. Mit Vergnügen willfahrten wir diesem interessanten Mann der Presse.
Drei Stunden später näherten wir uns, von einer plötzlich aufgesprungenen munteren Brise vorwärtsgetrieben, der Hauptstadt der Insel Maui, Lahaina, wo wir abermals ausstiegen.