Lahaina hat vielleicht 500 Einwohner und liegt auf einer grünen Zunge, die sich aus wüsten und kahlen Höhen in die See herausstreckt. Die Häuser sind klein und malerisch unter Palmen und Bananen verborgen. Vorne am Hafen steht in der Sonnenhitze ein alter Thurm und ein grösseres Regierungsgebäude. Wir wollten Wassermelonen kaufen und Kaffe trinken. Da es hier zwar mehrere chinesische Speisespelunken aber kein Hotel giebt, so wurden wir von einem sehr artigen städtisch gekleideten Kanaka, der nebst einer Menge Neugieriger uns bewillkommnend herbeieilte, zum Bäcker des Ortes geführt, welcher einer der wenigen ansässigen Weissen war. Diese Hawaiier sind alle von der grössten uneigennützigsten Zuvorkommenheit.
Das Erste was ich erblickte, als wir beim Bäcker eintraten, war das Porträt Ludwigs II. von Baiern, ein Holzschnitt aus irgend einer illustrirten Zeitung, welcher an der Wand klebte. Ich befand mich in dem Hause eines engeren Landsmanns, der alsbald dick und schwerfällig, eine echt baierische Bäckergestalt, aus dem Hintergrund sich hervorwälzte.
Wie sein Name hiess, weiss ich leider nicht mehr. Es war schwer aus dem alten, schweigsamen Kauz etwas herauszubringen. Deutsch oder vielmehr Baierisch hatte er theilweise vergessen, Englisch wohl nie recht gelernt, obgleich er früher in Kalifornien Gold gegraben. Mit dem Hawaiischen, dem Idiom seiner Gattin, gings vielleicht besser, Hawaiisch aber verstand ich nicht. Er begriff erst nach einiger Zeit, dass ich aus München sei, erinnerte sich langsam, dass auch er einmal dort gewesen und sogar noch Verwandte dort habe. Allmälig thaute er auf und zeigte mir einen Brief seiner Schwester, der schon mehrere Jahre alt war, und frug mich, ob ich sie nicht vielleicht kenne, sie habe früher beim Lotzbeck gedient, der den vielen Schnupftabak mache. Ich schrieb mir die Geschichte in mein Notizbuch, und als ich später einmal in München von den Sandwichinseln sprach, wurde mir von jener Köchin erzählt, die nun todt ist, und deren Kinder vor Kurzem über das Meer gegangen sind, um ihren Onkel den Bäcker von Lahaina aufzusuchen und sein Geschäft zu übernehmen. Denn seine Ehe ist ohne Frucht geblieben.
Nachdem wir Kaffe und eine heimliche unerlaubte Flasche Bremer Bier von derselben Sorte wie auf dem Vulkan Kilauea getrunken, schüttelten wir dem Landsmann die Hand und fuhren wieder ab.
Wir hatten eben etwa zehn Minuten gerudert und auf die Langsamkeit unserer Reise geschimpft, da kam unerwartet schnell viel mehr Wind als wir brauchten. Der Kanal zwischen den Inseln Maui und Molokai öffnete sich, der Passat fegte stürmisch darüber hin, die Wogen gingen höher und höher und warfen unser Boot auf und nieder, dass es verdächtig in unserer zweifelhaften Takelage krachte. Ueberall war die See weiss von dem Gischt der Wellenkämme. Hoch empor schäumte das Wasser vorne am Steven, grobe Sprühregen über uns giessend, und nach links und nach rechts gierte das Boot unter dem Druck des Steuers, welches nun der Kapitän ergriffen hatte. Der sonst so laszive Kerl musste mir jetzt imponiren. Er bot das schönste Bild eines entschlossenen, scharf nach allen Vortheilen spähenden Mannes, der mit den Elementen um sein und unser Leben kämpfte. Mit grosser Geschicklichkeit verstand er, den höheren Wellen auszuweichen, und oft furchte sich besorgnissvoll seine Stirne. Die Fahrt wurde bedenklich. Bats und ich, wir sprachen kein Wort, jeder von uns fühlte vielleicht etwas wie Reue über unser Wagniss. Ich wusste nicht, sollte ich wünschen dass das Segel aushielt und uns nach Honolulu brachte, oder dass es lieber reissen und uns dadurch vom Kentern bewahren möchte. Vorne auf den schräg ansteigenden Sandflächen des Ufers von Molokai zeigten sich zuweilen eigenthümliche Säulen wie von Rauch oder Sand, die sich fortbewegten, und ich erinnerte mich gelesen zu haben, dass hierzulande Windhosen ziemlich häufig seien. Waren es solche, und geriethen wir zufällig in ihr Bereich, so hätten sie uns wahrscheinlich nicht lange am Leben gelassen. Wir behielten sie sorgsam im Auge, aber sie verschwanden je mehr wir uns näherten. Der Himmel war seltsam düster. Eine blauschwarze Bank stieg über Molokai auf, rostrothe geballte Wolken flogen vor ihr her und bildeten einen grellen Gegensatz zu ihrem unheimlichen Dunkel.
Nach vier ziemlich unangenehmen Stunden endlich, während deren kaum ein Laut geäussert wurde, höchstens dass unsere Mannschaft zuweilen Rufe ausstiess, als ob sie die Wogen beschwören wollte, kamen wir unter Land, in ruhigeres Wasser und mässigeren Wind. Wir athmeten erleichtert auf, und sofort begann beim Kapitän auch wieder die Laszivität. Er übergab das Steuer und holte wieder die Hula Hula-Rassel hervor, um zu rasseln und zu singen und unzüchtige Geberden zu machen.
Noch hatten wir den breitesten Kanal offener See zwischen Molokai und Oahu zu bestehen, ehe wir in Sicherheit waren. Wir erreichten diesen, als eben die Sonne unterging, und jenseits des Abendrothes der Vollmond glühend emporstieg. Der Wind war hier nicht mehr so heftig. Die See ging zwar hoch, aber nur wenige Schaumkämme zeigten sich auf den Wellen. Trotz der herrlichen Mondnacht konnten wir unser Ziel, die fernen Massen der Insel Oahu, welche Gewölk überlagerte, nur eben noch erkennen. Endlich hellte es vorne ein wenig auf, und die kahlen Wände von Diamond Head traten deutlicher vorne als Richtpunkt heraus, immer höher und höher rückend. Eine Viertelstunde nach der anderen verging, wir glaubten Diamond Head greifen zu können, und immer noch war es fern und wollte nicht näher kommen, obwohl wir nicht weniger als sieben Meilen die Stunde segelten. Ich werde diesem Wahrzeichen von Honolulu, das wir müde der gewagten Fahrt so heiss herbeisehnten, nie vergessen, wie es uns damals neckte.
Nachts um Ein Uhr kamen wir glücklich nach Honolulu, nachdem wir bei Waikiki uns noch eine Weile zwischen den Riffen verirrt hatten. Wir lauschten und hörten einen einsamen Kanaka in seinem Kanuu dem Ufer entlang rudern, wir riefen ihn an, und er brachte uns wieder auf den richtigen Weg, ohne dass wir ihn erblickten. Kurz vorher war ein grösseres Fahrzeug mit einem rothen Licht weit draussen in Sicht gewesen, welches nur der Dampfer Kilauea sein konnte. Er war also doch nicht zu Grunde gegangen.
Tiefe nächtliche Ruhe lag über den Schiffen des Hafens, als wir dem Kai zuruderten. Ein Posten rief uns an, woher wir kämen und ein »Oh« des Erstaunens entschlüpfte ihm, als wir »von Hilo« antworteten. Der ganze Zauber einer tropischen Mondnacht erfüllte die stillen Strassen und Gärten Honolulus. Ferne schmachtende Gesänge liessen sich leise vernehmen, und ein Liebespaar, blumenbekränzt und eng umschlungen, sie den Arm um seine Hüften und er um ihren Hals, wandelte schwebenden Schrittes nach Hause, als wir dem Hotel zustrebten, um den Wirth aus dem Bett zu trommeln.
Der Kilauea war wirklich nicht zu Grunde gegangen, er hatte nur einen Sprung in seinen alten Kesseln erlitten und nach dessen Reparatur den Dienst wieder aufgenommen. Drei Tage später brachte er unsere Reisegenossen, die in Kohala geblieben waren. Wir beide, Bats und ich, hatten somit viel Geld und Wagniss umsonst geopfert. Die Verwaltung des Kilauea gab uns indessen die Hälfte des bereits vorausbezahlten Dampferfahrgeldes zurück, übernahm unentgeltlich die Rückbeförderung unseres Walbootes nebst Mannschaft, wozu sie durchaus nicht verpflichtet gewesen wäre, und lieferte damit ein Beispiel seltener Anständigkeit, die man von europäischen oder amerikanischen Dampfergesellschaften wohl niemals erwarten dürfte.