XXII.
LETZTE TAGE IN HONOLULU.
Das Walboot und der Stadtklatsch der Honoluluianer. Audienz beim König. Festliche Zurüstungen. Bad im Kapena. Tanzvergnügen. Der Deutsch-englische Klub. Besuch verschiedener Kirchen. Die Missionäre.
Den nächsten Tag wusste ganz Honolulu um unsere Bootfahrt. Alles wunderte sich und staunte uns an. Wir kamen in die Zeitung, und im Hotel und auf der Strasse frugen die Leute uns unaufhörlich, ob es nicht furchtbar gefährlich gewesen sei. Kamehameha der Grosse hat eine starke Armee auf gebrechlichen Kanuus von einer Insel zur anderen gebracht, die jetzige Generation ist durch Dampfer und Schuner schon so verweichlicht, dass sie vor solchem Wagniss zurückschreckt.
Wir und das Walboot wurden das stehende Thema und wir wurden nervös, von nichts als von dem Walboot zu hören. Wir besuchten einen Beamten im Governementsgebäude und sahen bei ihm zum ersten mal eine amerikanische Schreibmaschine. Bemüht uns gefällig zu sein setzte er sich sofort an das Instrument und fingerte in die Tasten: »These Gentlemen have come in an open Waleboat from« – wir hatten genug von seinen Künsten und dankten. Als wir bald darauf dem König Kalakaua vorgestellt wurden, war das Walboot wieder das Erste, wovon Seine Majestät sprach. Die Fama knüpfte indess an dieses Thema weitergehende abenteuerliche Geschichten. Ein Herr der mich nicht kannte erzählte mir bei Tisch allen Ernstes, es seien in der gestrigen Nacht zwei Europäer unter sehr verdächtigen Umständen gelandet und von der Polizei in Gewahrsam genommen worden, und bei den Eingeborenen galten wir für Parteigänger der Königin Emma, der halbweissen Wittwe Kamehamehas IV., welche viel Sympathien geniesst und deren Rehabilitirung von den Gegnern des jetzigen Königs noch immer gehofft zu werden scheint. Es war mehr als ermüdend, von nichts anderem als von dem Walboot und all den Versionen darüber reden zu hören. Honolulu ist eben eine richtige Kleinstadt, und da es keine telegraphische Verbindung mit der übrigen Welt hat, müssen sich die Leute dort von einem Schiff zum anderen mit dem Lokalklatsch unterhalten.
Dank der Zuverlässigkeit des Nordostpassats gibt es zwischen Honolulu und San Francisco noch eine vierwöchentliche Post per Segelschiff, welche meist in der Mitte zwischen zwei Dampferposten eintrifft. Zum Glück erschien am zweiten Tage eine solche und brachte nebst Briefen auch einige Blatternfälle, die uns als Unterhaltungsstoff ablösten.
Der König hat zwei Schwestern, welche beide an englische Kaufleute verheirathet sind. Die eine heisst Missis Dominis, die andere Missis Gleghorn. Nachdem mittlerweile der zwanzigjährige Kronprinz gestorben, ist Missis Dominis präsumptive Thronfolgerin geworden und ihr Mann, der einen Laden für Alles in Honolulu hat, präsumptiver Prince Consort. Der Hof mischt sich hier überhaupt sehr demokratisch mit den bürgerlichen Elementen. Ich lernte zum Beispiel einen jungen Amerikaner kennen, der bei feierlichen Gelegenheiten als Flügeladjutant in goldgestickter Uniform mit breiter Schärpe, Degen und Generalshut neben Majestät reitet, an gewöhnlichen Wochentagen aber als Komptorist bei einer grösseren Firma beschäftigt ist.
Mister Gleghorn hatte die Güte, uns bei seinem königlichen Schwager einzuführen. Wir warfen uns in schwarzen Anzug, obwohl dies eigentlich gar nicht nothwendig gewesen wäre, und betraten das Innere der grossen Residenzmauer durch eines der vier Thore, hinter welchem ein Gardesoldat auf Posten stand und vor Mister Gleghorn, der sein zwangloses Ladenzivil trug, das Gewehr präsentirte. Durch eine schattige Allee gelangten wir zu mehreren niederen anmuthigen Gebäuden im Verandastyl, wo abermals ein Gardist aber ohne Gewehr stand und die Hand salutirend an die Mütze legte.
Im Hintergrunde erschien eine auffallend hübsche Kammerzofe oder Prinzessin oder Favoritin, guckte uns neugierig an und verschwand sogleich wieder. Ein kokettes, schiefsitzendes Watteauhütchen beschattete das braune Gesichtsoval, die grossen glühenden Augen und das blauschwarz herabquellende Haar, ein leichtes Hemd flatterte um ihren klassischen Körper, und leicht und barfüssig tänzelte sie geschmeidig vorbei. Es war die hinreissendste Kanakin, die wir jemals gesehen. Leider währte die holde Erscheinung nur einen Augenblick. Mister Gleghorn hatte den Kämmerer geholt, und dieser, ein alter Mann vom Typus eines deutschen Schlosskastellans und ehemaligen Unteroffiziers, führte uns in das Empfangszimmer des Königs. Kaum hatten wir uns in dem elegant tapezierten und möblirten Gemach umgesehen, als Seine Majestät eintrat.
Folgendermassen lautet das Signalement Kalakauas. Haare schwarz, gekräuselt und links gescheitelt, Schnurrbart, Kotelettes und Mücke, ausrasirtes Kinn, Lippen voll, Nase voll und etwas gebläht, Augen dunkelbraun und mandelförmig geschlitzt, Gesicht breitknochig, Farbe ein sattes Hellbraun. Er ist ein grosser und starker Mann mit mehr gutmüthigen als geistvollen Zügen, und war von Kopf bis zu Fuss in blendendes Weiss gekleidet wie ein echter Amerikaner des Südens. Er reichte uns echt amerikanisch die Hand zum Grusse, während wir vorgestellt wurden, dann nahmen wir Stühle aus Strohgeflecht und setzten uns alle vier um einen runden Tisch. Kalakaua sprach langsam aber vollkommen fliessend und korrekt Englisch und benahm sich als tadelloser Gentleman.
Das erste Thema war auch hier unsere Fahrt von Hilo in dem Walboot, das zweite der altersschwache Kilauea und die Nothwendigkeit eines neuen Dampfers, welche Majestät betonte, vielleicht um zu zeigen, dass Sie das Regieren verstehe, die Bewunderung Ihres schönen Landes und unser Bedauern es bald verlassen zu müssen das dritte. An diese reihten sich die Schwimmkünste Ihrer Unterthanen, Haifische, die Unfreundlichkeit unserer Heimath und der kalte Winter des Nordens. Ich frug, ob Majestät jemals schon Schnee und Eis auf den Strassen gesehen habe, und Sie versicherte fast beleidigt über meinen Zweifel, einen ganzen Winter in New York und anderen Städten des amerikanischen Ostens zugebracht zu haben. Und als Bats frug, ob Majestät nicht auch einmal Europa besuchen wolle, zuckte Sie lächelnd die Achseln wie um zu sagen: »Ich möchte wohl, aber Ich habe kein Geld«.