Jedenfalls würde sich Kalakaua an europäischen Höfen anständiger und ebenbürtiger aufgeführt haben, als jener Schah von Persien, der überall Spuren seiner unsauberen Gewohnheiten zurückliess. Ich erinnerte mich jetzt, dass ich damals selbst in Amerika war und alle Witzblätter voll von Menschenfresserkarrikaturen des Hawaiischen Potentaten fand, desselben, den ich nun als vollendeten Gentleman kennen lernte. Ueber seine Regentenweisheit wird allerdings in Honolulu viel geschimpft. Aber wo auf der Erde geschieht dies nicht? Beachtenswerth war mir namentlich eine Aeusserung, welche er über die oft in Reisebeschreibungen aufgetischten Wasserkämpfe der Eingeborenen mit Haifischen machte. Er sagte, dass er solche Geschichten nicht glaube, und wahrscheinlich verhält es sich hiermit wie mit vielen anderen Mährchen, die wir den Seeleuten verdanken.

Nach diesem interessanten Besuch, den wir eigenmächtig beendeten, ohne des Königs gnädiges Zeichen hierzu, das er vielleicht nie gegeben hätte, abzuwarten, benützten wir die Gelegenheit, das Innere des grossen ummauerten Residenzblocks zu rekognosziren. Ausser ein paar schattigen Alleen und den Anfängen von Gartenanlagen war kein besonderer fürstlicher Schmuck zu bemerken. Am anderen Ende eines grossen viereckigen Platzes war man mit dem Aufschlagen von Gerüsten und Dekorationen für ein grosses Freudenfest beschäftigt, welches gegeben werden sollte, sobald die offizielle Bestätigung des Handelsvertrages mit den Vereinigten Staaten eingetroffen sei. Ein riesiges Wappen des Hawaiischen Königreiches wurde eben festgenagelt.

Ins Hotel zurückgekehrt kleideten wir uns um und fuhren dann das Nuuanu-Thal hinauf, um beim Kapena-Wasserfall zu baden. Der Kapena, ein Nebenbach des Nuuanu, hat hier hinter dem Mausoleum einen kleinen aber in der Mitte ziemlich tiefen Tümpel ausgehöhlt, aus dessen Rand ein etwa 15 Meter hoher senkrechter Felsen emporragt. Von dieser bedeutenden Höhe herab ins Wasser zu springen ist die Lieblingsunterhaltung der vielen Jungen und Mädchen, die sich fast beständig dort schreiend herumtreiben. Die kleinen Körper zittern und biegen sich deutlich, wie von der Gewalt des Sprunges erschüttert, während sie hinunter stürzen. Dabei ist die genügende Tiefe so eng begrenzt, dass sie sich oben kräftig abschnellen müssen, um in dem richtigen Bogen gerade das Zentrum zu treffen. Springen sie zu kurz oder zu weit, so zerschellen sie an den zahlreichen scharfkantigen Klippen der seichteren Stellen.

Nach dem Bade liessen wir uns an Bord des englischen Kanonenbootes »Myrmidon« übersetzen, dessen Offiziere wir im Honolulu-Klub kennen gelernt hatten. Ich wollte danach auch der gleich nebenan liegenden amerikanischen »Lackawanna« einen Besuch machen, aber mein Gefährte Bats hielt es für unvereinbar mit seinen britischen Gefühlen, einen Yankee zu betreten, und so fuhren wir wieder nach Honolulu zurück.

Am Abend folgten wir der Einladung einiger ansässigen Weissen und besuchten mit ihnen ein Tanzlokal für die eingeborene Jugend in Kapalama, in welchem aber nicht etwa Hula Hula sondern nur europäische Tänze geübt werden. Die braunen Mädchen waren alle so schüchtern gegen uns, dass wir bald wieder weggingen, um die armen Dinger nicht länger in ihrem Vergnügen zu stören.

Die kurze Zeit, die uns noch auf Hawaii zu verleben vergönnt war, schwand uns aufs Angenehmste in Gesellschaft deutscher und englischer Landsleute. Im Honolulu-Klub, in welchem diese beiden Nationen sehr kordial zusammenleben, gab es für mich eine Menge Zeitungslektüre nachzuholen. Aus der Kölnischen Zeitung entnahm ich mit grosser Genugthuung, dass im Deutschen Reich mittlerweile die Kulturepoche des Kri Kri und des geschundenen Raubritters angebrochen war.

Um auch den wichtigen Faktor der Religiosität, der in der Geschichte des Hawaiischen Inselvölkchens eine so grosse Rolle spielt, nicht zu vernachlässigen, besuchte ich eines Sonntags verschiedene Kirchen. Das Glockengebimmel hatte den ganzen Morgen nicht aufgehört und erinnerte sehr an erzkatholische Städtchen bei uns, nur dass es aus lauter Diskantstimmen zusammengesetzt und kein einziger tieferer Ton darunter zu hören war.

Von nah und fern strömten Fussgänger, Reiter und Wagen zum Gottesdienst heran, und um alle Bäume vor den Kirchthüren waren Pferde gebunden. Vornehme hawaiische Damen wandelten, stolz das Haupt erhoben und mit unübertrefflicher Grandezza, in ihren schwarzen taillelosen Talaren, schwarze Sonnenschirmchen in den elegant behandschuhten Händen, über die Strasse, und hinter ihnen trugen Dienerinnen die grossen Gebetbücher mit goldenem Kreuz. Man sieht zuweilen klassisch schöne Gestalten unter diesen Weibern, und ihr freier aufrechter ungezwungener Gang verleiht ihnen ein hohes Mass natürlicher Würde – so lange sie schweigen. Oeffnen sie die sinnlich üppigen Lippen um zu sprechen oder zu lachen, so sind sie wieder die alten rohen Barbarinnen. Der Schnitt ihrer Züge ist in der Ruhe oft stylvoll und grossartig, er entspricht dann weniger dem Geschmack unserer Modejournalkünstler als dem Genius eines Michel Angelo. Leider dauert bei ihnen die Schönheit nicht lange, und ist die erste Jugendfrische vorüber, so werden sie fett und schwammig.

In helleren Gewändern und blumenbekränzt gallopirte die Landbevölkerung herein, Mädchen und Frauen alle rittlings im Sattel, nicht immer sehr graziös und ohne sich viel zu kümmern, ob die langen Hemden die feinen Stiefeletten und weissen Strümpfe bedeckten. Das grosse rothe Tuch, welches sie ehemals um die Beine zu schlingen und malerisch hinten nachflattern zu lassen pflegten, scheint aus der Mode zu kommen. Ich habe es nur zwei oder dreimal gesehen. Sie springen ziemlich ungenirt vom Pferde und begeben sich schwatzend von dannen, um Freunde zu begrüssen.

In der Kawaiahao Kirche, in deren Hof das Mausoleum Lunalilos steht, hoffte ich nebst dem König auch die Königin zu sehen. Das versammelte Volk plauderte laut und fröhlich, da der Gottesdienst noch nicht begonnen hatte, und das anmuthige Spiel der Fächer, hinter denen wieder die bekannten grossen glühenden Augen funkelten, wogte unruhig über die Menge. Man bot mir freundlich einen Platz in der Nähe der königlichen Loge an. Die Majestäten kamen jedoch heute nicht. Ich ging nun in die katholische Kirche, in der ein Hochamt zelebrirt wurde. Das Publikum dieser schien vorwiegend den ärmeren Klassen anzugehören, und nicht nur auf den Altären, sondern auch in den Gewändern herrschten die freudigeren Farben des Katholizismus.