Von Buffalo im Staate New York bog ich, wie gesagt, nach Niagara ab. In zwei Stunden war ich am Ziele dieser Seitenexkursion, stieg aus und begab mich sofort nach dem Wasserfall.
Kaum hat man den Bahnhof verlassen und befindet sich in der Stadt, so schlägt der brausende Donner der grossen Sehenswürdigkeit ans Ohr. Dieses Naturwunder beherrscht hier Alles. Ihm verdankt die Stadt Niagara ihre Entstehung und ihre Existenz. Es giebt hier keine Industrie, die sich nicht auf den Wasserfall und den Fremdenverkehr bezöge. Und Tag und Nacht bekundet er weithin tosend seine Nähe.
Am anderen Ende einer breiten fast nur aus Hotels und Kaufläden mit allerhand Souvenirschnickschnack zusammengesetzten und merkwürdig todten Strasse ist der Eingang zu ihm und kostet einen Vierteldollar. Auf einer Säule davor steht ein steinerner amerikanischer Soldat, aus Anlass irgend einer gloriosen Begebenheit verurtheilt, seine traurige Gestalt den Augen aller Vorüberwandelnden preiszugeben. »Prospect Park« heisst der umzäunte, von Restaurationen und Photographenbuden bevölkerte Hain, den man zunächst betritt, und von dessen felsigem Rande aus man den ersten Anblick des gewaltigen sich in eine fünfzig Meter tiefe Schlucht stürzenden Stromes geniesst.
Es ist überwältigend, berückend, in die kolossalen Massen zu schauen, die rastlos ohne Ende sich heranwälzen und in ihrer ganzen mächtigen Dicke von mindestens sechs Meter mit weiter Wölbung in den Abgrund sich hinunterbeugen. Auf halbe Höhe prallt diesem Wassergewölbe von unten herauf der glänzende Gischt entgegen, zu phantastischen, ewig wechselnden, ewig kämpfenden Formen geballt. Man fühlt sich unwillkürlich versucht, Kaulbachs Hunnenschlacht in sie hineinzumalen. Das Grossartige des Phänomens spottet jeglicher Beschreibung.
Ein thurmartiger Vorbau nähert sich so sehr dem Bug des Stromes, dass wir ihn mit der Hand zu greifen wähnen. Feiner Staubregen wirbelt ins Gesicht, brüllender Donner erfüllt die Luft und macht die eigene Stimme unhörbar. Wir können uns den Scherz erlauben, so laut als möglich zu schreien – der Nebenstehende merkt nichts davon.
Die Umgebung des durch eine Insel in zwei grössere Abtheilungen geschiedenen Falles ist flach, und ihr ruhiger hausbackener Charakter lässt eine so schroffe Unterbrechung im Lauf des Niagara gänzlich unmotivirt. Erst eine Viertelstunde oberhalb beginnt der bisher gesetzt und würdevoll durch die Ebene fliessende Strom zu schäumen und zu rumoren und über Felsblöcke zu hüpfen, und verräth dadurch seine wilden Absichten. Die plötzlich und unvermittelt sich aufthuende Schlucht ist sein Werk, seit Jahrtausenden nagt er langsam und stetig an dem harten Gestein, und der Fall schreitet nach rückwärts fort. Dieses Rückwärtsschreiten soll im Jahre etwa ein drittel Meter betragen, so dass er in 70 000 Jahren den Erie See erreichen und tiefer legen wird.
Die Wände der Schlucht sind nahezu senkrecht. Durch einen geneigten Schacht stellen zwei auf- und nieder steigende Wagen die Verbindung zwischen oben und unten her, und mit überraschender Schnelligkeit schweben in ihnen die ängstlich sich festhaltenden Passagiere hinab. Für diejenigen, die sich den Fall auch von hinten betrachten wollen, sind unten Führer und wasserdichte Anzüge bereit.
Wir vertauschen in einer Hütte die ganze Bekleidung gegen Wachstuchhose und Wachstuchjacke, ziehen ein paar plumpe Gummistiefel an und stülpen einen Südwester aufs Haupt. Dann klettern wir in dieser ungeschlachten Vermummung, angestaunt von Ladies und Kindern und belächelt von ähnlich uniformirten Gestalten, die zurückkommend uns begegnen, über schlüpfrige Felsen und über schlüpfrige Stege, um das Opfer eines niederträchtigen Humbugs zu werden.
Dichter und heftiger wird der Regen, Windstösse pfeifen von allen Seiten, die Wasser brüllen und donnern, unter den Füssen zittert die Erde. Wir vermögen nichts mehr zu sehen, hundert stechende Tropfen peitschen Gesicht und Hände wie bei einem Orkan auf See, nur dass das Wasser nicht salzig schmeckt. Wir tasten uns blindlings am schwanken Geländer und am Arme des Führers vorwärts auf einem schmalen Brett in unbekannte Regionen hinein, um uns die tobenden Elemente. Wir sehnen uns nach dem Moment, die Augen öffnen zu dürfen, aber vergebens. Das Duschbad wird immer wüthender, und der Führer kehrt um und zieht uns mit sich. Gehorsam und schweigend folgen wir ihm, denn zu sprechen hat keinen Sinn.
In die Hütte zurückgelangt, wo man sich endlich wieder hören kann, erklärt er, dass wir den Fall nun auch von hinten gesehen hätten, verlangt für den Anzug einen halben Dollar und für seine Bemühung ein Trinkgeld nach Belieben, und reicht uns Handtücher dar, das genossene Vergnügen von unserem Körper zu trocknen. Nun begreifen wir, warum die Begegnenden so eigenthümlich gelächelt, und lächeln nun selbst über neue Opfer.