Zwischen Davenport auf dem einen und Rock Island auf dem anderen Ufer wälzt sich der Mississippi dem Süden zu, ebenso schmutzig gelb wie sein Bruder Missouri und landschaftlich eben so reizlos wie dieser. Auf einer eisernen Brücke überschreiten wir ihn und betreten den Staat Illinois.
Bis Omaha waren nur wenige Passagiere im Zuge gewesen, und wir hatten uns dabei recht wohl befunden. Jetzt wurde es aber ungemüthlich. Wir fuhren »Express« und hielten trotzdem auf allen Stationen, die Wagen füllten sich immer mehr mit Menschen, die kamen und gingen. Ich hatte unglücklicherweise mein Bett und damit auch die Berechtigung zum Gebrauch des vollständig besetzten Saloon Cars einer Dame abtreten müssen und war somit gezwungen, die Nacht auf einem gewöhnlichen Sitz unter dem gewöhnlichen Eisenbahnpöbel zuzubringen, da es von nun an nur mehr Eine Klasse gab.
Ich bin niemals mit einer widerlicheren Menschensorte in Berührung gekommen als in jenen vierundzwanzig Stunden, in denen ich das nördliche Illinois durchkreuzte. Der ungebildete Durchschnittsamerikaner ist bekanntlich ein geborener Lümmel und rücksichtslos gegen Andere aus Grundsatz. Er hat eine gewisse Vorliebe, Anderen auf die Füsse zu treten, Andere zu rempeln und sich gerade dahin zu setzen, wohin ein Anderer eben seinen Hut gelegt hat. Lässt man irgend einen Gegenstand zu Boden fallen, gleich hat er seine Stiefel darauf und mit einer staunenswerthen Flinkheit hat er ihn vollgespuckt. Von all diesen Liebenswürdigkeiten erfuhr ich reichliche Proben, und ich müsste eben so ekelhaft werden wie jener Theil des souveränen Volkes von Illinois, in dessen Mitte ich jene vierundzwanzig Stunden zuzubringen hatte, wollte ich zu schildern versuchen, was man in solcher Gesellschaft von der nationalen Leidenschaft des Spuckens allein erleben kann.
Die demokratische Gleichberechtigung Aller ist gewiss ein sehr schöner Gedanke. Wenn nur nicht die Geruchswerkzeuge und andere Empfindungsorgane so oft gegen die Praxis desselben protestirten. Auch der amerikanische Frauenkultus ist zweifellos eine schöne Sache. Wenn nur nicht hier zu Lande jede feiertäglich geputzte Stallmagd, die auf zehn Schritt nach ihrem nützlichen Berufe duftet, eine Lady zu sein und ladyhafte Ansprüche machen zu müssen glaubte. Ich sehnte mich lebhaft nach unserem europäischen, sonst so verwerflichen Kupeesystem, bei dem man doch wenigstens nur mit sieben unangenehmen Subjekten zusammengesperrt werden kann.
An manchen Städten und Städtchen gings vorüber, von denen noch nichts in der Geographie steht, die aber doch schon viele tausend Einwohner haben, und in denen ein emsiges Leben von qualmenden Fabriken, von dampfenden Maschinen, von Kanälen, Strassen und Brücken voller Verkehr pulsirt. Bremen (sprich »Brümmin«) hiess eine Station und erinnerte durch die flache, monoton grüne Weidelandschaft und einige Windmühlen an ihre Pathe, das deutsche Bremen. Eine andere hiess Joliet. Der Schaffner rief »Eioleiet«, was jedoch für ein unkundiges Ohr auch »How do you like it« klingen konnte. Joliet ist, wie schon der Name sagt, eine Ansiedlung französischer Abkunft.
Mein ursprünglicher Plan war gewesen, einen oder zwei Tage in Chicago zu bleiben. Ich gab ihn auf, um die lästige Reise so bald als möglich hinter mir zu haben, und fuhr gleich wieder weg. Nur den Niagara durfte ich mir nicht schenken. Ich war wahrscheinlich zum ersten und letzten mal in seiner Nähe.
Ich sah somit von Chicago nur einige Aussenstrassen, durch welche die Lokomotive langsam mit der Glocke bimmelte, und einige Masten und Getreideelevatoren, welche das süsse Meer des Lake Michigan repräsentirten.
Zwischen Chicago und Buffalo in den Staaten Indiana und Ohio bevölkerte ein weit besseres, anständigeres Publikum unseren Zug als im Staate Illinois. Es war viel die Rede von der bevorstehenden Präsidentenwahl, und von allen Seiten ertönten die Schlagworte Tilden und Hayes. Eine mir neue Art von Unterhaltung wurde veranstaltet. Man wettete auf die Chancen der beiden Gegenkandidaten unter den Passagieren, vertheilte Stimmzettel und hielt eine Probewahl. Die Republikaner siegten mit einer sehr geringen Majorität. Grosse Begeisterung und nicht endenwollende Cheers auf Hayes brausten durch sämmtliche Wagen des Zuges, bis wir in Cleveland angekommen waren, wo die Meisten ausstiegen.
Schon gestern, als ich noch in Illinois war, hatte ich viel von Wahlen, von Tilden und Hayes gehört. Und da ich noch nicht wusste, um was es sich handelte, frug ich meinen Nachbarn, einen alten stupid aussehenden Farmer. »Ach, die wollen den Governor von Illinois wählen« war die Antwort. Auch er hatte noch keine Ahnung von der Präsidentenwahl.
Wir fuhren das ganze südliche Ufer des Erie-Sees entlang, manchmal so dicht an seinem Rande, dass wir die Brandung hörten und den aufspritzenden Schaum der sich brechenden Wellen sahen. Einige weissglänzende Segel glitten über die grüne Fläche im Strahle der Morgensonne dahin. Das Land war eben und brach am Ufer mit horizontalen Schichtungsflächen, die an den Solenhofener Schiefer erinnerten, senkrecht hinab. Eichenwälder und Obstgärten wechselten mit Feldern von türkischem Korn, dessen Fruchtähren bereits abgeschnitten waren, und zwischen dem rothe Kürbisse lagen, aus welchen man einen beliebten Kuchen, den Pumpkin Pie, fertigt. Farmen, zierliche Landhäuser und zierliche Dörfchen, alle aus Holz, waren hineingestreut.