Endlich kam ein kleines Excitement, die Dale Creek Schlucht nämlich, über die eine äusserst verdächtige Brücke, 40 Meter hoch, 200 Meter lang und aus Holzfachwerk, führt. Der Zug bremste seinen Lauf zu der Geschwindigkeit eines Fusswanderers, dann gings behutsam und sachte auf das morsche Gestell. Die Balken krachten und stöhnten, und das ganze Gebäude, die Brückenpfeiler, das Schienengeleise und unser Zug fingen an hin und her zu wackeln, dass man sich unwillkürlich an den Sitzpolstern festhielt. Nach Mister Williams ist die Brücke »one of the Wonders on the great Transcontinental Route«, und diesmal hatte er Recht.
Bald darauf kam ein einsames Haus in der baumlosen Ebene, welches unter den Passagieren ebenso viel Aufregung verursachte, wie auf hoher See ein Schiff in Sicht. Alle drängten sich an die Fenster um es zu sehen. Interessant wären mir die unglückseligen Geschöpfe gewesen, die es bewohnten und von denen keine Spur zu entdecken war.
Sehr oft unterbrechen Schneegallerien das Tageslicht. Man fährt dann eine Viertelstunde im Dunkeln und sieht weiter nichts als die dünnen Striche Sonnenschein, die durch die Spalten zwischen den Brettern vorbeiblitzen, was übrigens ungefähr eben so amüsant ist als der Anblick der unverhüllten Landschaft. Merkwürdig war mir, dass diese Schneegallerien fast mitten in der Ebene die Eisenbahn überdeckten, an Stellen, die nur ganz unbedeutende Einsenkungen zeigten. Wir hatten auch manchmal weite Umwege um solche flache Mulden zu machen. Allerdings mag der nivellirende Sturmwind, der im Winter über die Steppen braust, gerade in diesen scheinbar so geringen Vertiefungen genug Schnee zusammenfegen, und die Reste vertrockneter Bäche, die sich wie Muren durch sie hinziehen, deuten auf mächtige Wassermengen.
Auf der Station Sidney im Staate Nebraska, von welcher aus der nächste Weg zu den gerade nördlich gelegenen Black Hills abgeht, und zu der wir am zweiten Abend gelangten, trieben sich viele Indianer herum. Es waren regierungsfreundliche Rothhäute unter weissen Offizieren, lauter jugendlich kräftige Gestalten mit scharfgeschnittenen Zügen. Man hatte ihnen eine Art Uniform und Waffen gegeben, die ihnen viel Freude zu machen schienen, indem sie stolz und grimmig mit dem Säbel rasselten, den Revolver im Gürtel. Die meisten trugen grosse Ringe in den Ohren. Einer hatte schwarz und weisse Federn daran befestigt, einem anderen baumelte eine Schnur mit einem Hasenschwänzchen auf der Schulter herum. Ihre Gesichter waren nicht bemalt wie die der übrigen Indianer die ich gesehen. Wachtfeuer brannten neben dem Stationsgebäude, zu denen die wilde Soldateska eine überaus genussreiche malerische Staffage lieferte.
Am Mittag des 9. Oktober mussten wir nach Omaha kommen. Als ich mich Morgens von meinem Lager erhob, war noch nichts von der Annäherung an das Bereich der Kultur zu merken. Immer noch dieselbe trostlose Ebene. Kein Baum oder höchstens ein paar verkrüppelte. Ueberall kurzes, gelbgedörrtes, mit Staub überzogenes Büffelgras, welches indess auch unsere europäischen Rinder gern fressen sollen, wie mir mein Nachbar sagte.
Wenige Stationen vor Omaha begegneten wir einem westwärts fahrenden Zug, aus dessen Fenstern eine Menge Indianergesichter uns anstarrten.
Farmen und Getreidefelder treten auf. Etwas wie Waldesduft dringt in die Nase, die drei Tage lang nichts als Staub zu kosten bekommen hat. Laubbäume und Gebüsch in Menge, ein wirklicher kleiner Wald, und wir sind in Omaha.
Omaha ist jetzt eine Stadt von vielleicht 25 000 Einwohnern und für den europäischen Reisenden hauptsächlich dadurch interessant, dass es der Endpunkt der Union Pacific ist, dass man hier Züge wechselt, und dass hier das Gepäck mit einer beispiellosen Rohheit umgeladen und »recheckt« wird. Dies geschieht drüben am anderen Ufer des schmutziggelben Missouri, über den eine lange eiserne Brücke führt, in Council Bluffs, welches eine Vorstadt von Omaha darstellt, obwohl es bereits zu Iowa gehört. Der Missouri trennt diesen Staat von Nebraska.
Mit Stolz sah ich, wie mein deutscher Koffer, dem ich nicht mehr viel zutraute, die schwere Probe, ohne Umstände kurz aus dem Wagen auf die steinerne Platform herabgeworfen zu werden, ruhmvoll bestand, während einige amerikanische Kollegen erlagen und platzend ihren Inhalt dem Hohngelächter der fröhlichen Packknechte preisgaben.
In Council Bluffs spaltet sich die Pacific Bahn in drei Zweige. Drei Züge stehen neben einander bereit, um nach Uebernahme der Passagiere sofort gleichzeitig in verschiedenen Richtungen abzudampfen. Ich bestieg den mittleren, der über Rock Island nach Chicago ging. Die Gegend wurde nun hübscher als je, und ich war auch jetzt nach der dreitägigen ästhetischen Hungerkur für landschaftliche Anmuth viel empfänglicher denn je. Niedrige Wälder mit jungen Eichen die daraus hervorragen, wie man sie in Frankreich so oft sieht, wechselten mit Farmen, Obstgärten und abgeheimsten Getreidefeldern, auf denen rothe Kürbisse in der Sonnenhitze zeitigten. Alles sehr hausbacken und gewöhnlich, lange nicht so schön wie unsere deutschen Forste und unsere deutschen Fluren, aber die Wirkung des Kontrastes machte bescheiden und dankbar. Die Policemen auf den Stationen hatten jetzt wieder Uniformen, nicht mehr blos einen metallenen Stern auf der Brust wie westlich von Omaha.