Ogden ist ungefähr halbwegs zwischen San Francisco und Omaha. Von hier an heisst die Bahn Union Pacific und die Passagiere haben hier die Wagen zu wechseln. Die Leiter dieser Linie scheinen mit grosser Frömmigkeit begnadet zu sein. Denn in jedem Wagen liegt eine Bibel auf. Ich habe aber nie jemand darin lesen sehen. Die Mucker befolgen die nämliche Politik wie die Schneider und Quacksalber. Es bleibt doch immer ein Weniges hängen, auf diesem psychologischen Moment beruhen ebensowohl die überall herumgestreuten Traktätlein und Bibeln, als die überall an die Felsen geklecksten Reklamen.
Als ich in Ogden einstieg, um weitere drei Tage Pacific Bahn abzubüssen, kam der Gepäckmann, nahm mir meine Flinte ab und sagte, ich müsse einen Dollar zahlen dafür dass er sie aufbewahre. Ich war empört über solche Zumuthung, die ich für einen plumpen Schwindel hielt. Und doch war der gute Gepäckmann in seinem Recht. Denn als ich mich bei dem nächsten Superintendent in Evanston beschwerte und frug, was denn dieser Dollar eigentlich zu bedeuten habe, ob Strafe oder Zoll oder Extrafracht, nachdem ich für mich und meine Koffer bereits Alles bezahlt, wurde mir die Antwort zu Theil, die Direktoren der Linie hätten ihren Bediensteten das Privilegium gegeben, jede Flinte der Passagiere aufzubewahren und dafür einen Dollar zu berechnen.
Es war gewiss eine ganz lobenswerthe Vorsicht den Passagieren ihre Waffen einzusperren, in einer Gegend, die vor noch nicht sehr langer Zeit dem Auswurf des Erdballs als Sammelplatz und Schlupfwinkel diente, wo vor Kurzem noch Mord und Todtschlag die Tagesordnung beherrschte und die Hälfte der Bevölkerung »in den Stiefeln«, das heisst auf dem Wege des Todtgeschossen-, Todtgestochen-, Todtgeschlagen- oder auch Lynchweise-gehenktwerdens starb. Dafür aber noch Bezahlung zu verlangen, war eine schmähliche Prellerei. Von Omaha bis Chicago auf der Rock Island Pacific kostete die Flinte abermals einen Dollar Privilegium.
Da die Gegend wieder zu abscheulich und trostlos wurde, um sie anzusehen, nahm ich wieder Mister Williams Pacific Tourist zur Hand, um mich wenigstens an den Schilderungen der mir unfassbaren Schönheiten schadlos zu halten.
Im Thal von Uintah zeigten sich einzelne Fichten auf den Bergen, und Schneestreifen schmückten die Furchen ihrer Gipfel. Im Vordergrunde eine Geröllebene, durch die sich schmutzige Bäche ziehen, gelbe Weiden und Pappeln an den Ufern. Ein Emigrantenkarren stand unten am Bahndamm. Die Pferde waren ausgespannt und weideten das spärliche dürre Gras ab. An einem Feuer sass die Frau mit zwei zerlumpten Kindern und kochte, unweit davon am Rande eines Wasserlaufs sass der Mann und hielt eine Angelruthe in die trübe Flüssigkeit. Ob diese weisse Zigeunerfamilie westwärts oder ostwärts wanderte, war nicht zu entscheiden.
Noch jetzt also giebt es abenteuerliche Existenzen, die trotz der Bahn in der alten beschwerlichen, langsamen Art durch die öden Wildnisse reisen. Später einmal in der Dunkelheit passirten wir ein grösseres Lager von Emigranten mit mehreren Wachtfeuern.
Bedauerlicher Weise kam auch hier wieder die Nacht, als wir den zweiten landschaftlich genussreichen Abschnitt der Bahn, die durch Ausläufer der Rocky Mountains hergestellte Unterbrechung der ewigen Gegend, passirten. In aller Frühe des nächsten Morgens dehnte sich die monotone Ebene der Laramie Prairien vor uns, und im Laufe des Vormittags hielten wir an der Station Sherman, 8242 Feet oder 2510 Meter über dem Spiegel des Meeres. Dies ist der höchste Punkt der Bahn, von dem aus das Land gegen Osten abzudünen beginnt. Sherman war auch damals für mich der höchste Punkt, den ich je erreicht hatte.
Fast alle die elenden primitiven Stationen, durch die wir nun fuhren und an denen wir leider auch hielten, hatten hochtrabende Namen. Nur eine einzige und nicht die schlechteste hiess, wie sie eigentlich insgesammt heissen sollten, nämlich Miser. Etwa zwanzig Blockhütten sind in einer Reihe neben den Schienen aufgepflanzt. Weissgemalte Bretterfronten mit bombastischen Aufschriften in grossen Lettern und allen Farben sollen ihre wahre Natur maskiren. »City Emporium« nennt sich zum Beispiel so ein Bauwerk. Ein Stiefel hängt vorne heraus, und ein krummbeiniger schäbiger Kerl mit einer Schnapsnase und einem Pfeifenstummel steht unter der Thüre. »Drinking Saloon, Drinks 12½ Cents«, worunter aber hier zu Lande 15 Cents zu verstehen sind, da es keine einzelnen Cents und noch viel weniger halbe giebt, lautet der Titel einer anderen, die bei uns zu schlecht für eine Almhütte wäre. Biegt man um die nächste Ecke der Ortschaft, so ist man bereits in der dürrgebrannten Wüste, die auf- und ab undulirend, bis zum Horizont sich ausdehnt, und über welcher sehr wirkungsvoll schöne blaue Berghäupter mit Schneeflecken emportauchen. Hie und da sind vielleicht noch ein paar umzäunte Vierecke für Rinder, umzäunt in jener amerikanischen Art, die ganze Balken zickzackförmig in einander legt, eben so viel Zaunmaterial als Boden verschwendend.
Immer weiter und weiter geht unsere Fahrt. Aber nicht etwa mit der erwarteten rasenden Schnelligkeit des Amerikanerthums, sondern so langsam und mühselig, dass ein deutscher Bummelzug uns einholen könnte. Links und rechts hat die Gluth der Lokomotive einige Grasstoppeln angezündet. Die prasselnden Flammen schreiten jedoch nicht weit, denn es weht kein Wind, und die Stoppeln ragen einzeln und inselweise aus dem trockenen staubigen Schlammboden. Zuweilen lassen sich in der Ferne weidende Antilopen sehen, in kleine Gesellschaften von vier oder sechs Stück vereinigt. Sie nehmen keine Notiz von uns, wenn sie nicht gerade sehr nahe sind, und dann gallopiren sie eilig über die nächste Terrainwelle.
In Medicine Bow kampirte ein kleines Kommando Soldaten unter Zelten und führte offenbar ein sehr armseliges Dasein. Zwei Wachen standen auf beiden Seiten unter Gewehr, als ob der Feind in der Nähe sei. Es war eben wieder einmal Indianerkrieg in den Black Hills, und in Laramie lagerte noch mehr Militär. Auch Bäume gab es hier, sie schienen sich aber nicht wohl zu fühlen.