Kurz vor Te Aute sahen wir in der Ferne einige Maorigehöfte, und bald darauf passirten wir eine noch interessantere Stätte. »Dies ist die Repudiation Office« sagte mit spöttischem Ausdruck der Kutscher, indem er auf eine durch Neuheit glänzende Hütte wies, und machte mich dadurch auf eine berechtigte Eigenthümlichkeit Neuseelands aufmerksam, von der ich noch nichts wusste.
Bekanntlich hatten die Engländer in Folge schreiender offiziell sanktionirter Ungerechtigkeiten von 1860 bis 1870 einen zehnjährigen Krieg mit den Maoris zu bestehen, welcher ihnen oft Gelegenheit gab, soviel Respekt vor der Tapferkeit und Kriegsfähigkeit dieser sogenannten Wilden zu bekommen, dass sie sich nunmehr ängstlich hüten, abermals mit ihnen anzubinden. Die weissen Ansiedler müssen heutzutage das Land, was sie von den Maoris haben wollen, auf ehrliche Weise erwerben, und die gute alte Zeit, in welcher man sich grosse Besitzthümer erschwindeln konnte, ist vorüber. Nun aber entstand eine Partei, welche vorgiebt, dass ihr dieser einfache goldene Mittelweg der Gerechtigkeit noch nicht genüge, und behauptet, sich in ihrem Gewissen so lange bedrückt zu fühlen, bis alle seit undenklichen Zeiten geschehenen Landkäufe geprüft und wenn nicht in Ordnung befunden, rückgängig gemacht worden sind. Solch hoher Edelsinn konnte natürlich nicht verfehlen, sofort die Herzen der Maoris zu gewinnen. Die Gegner freilich waren der Ansicht, dass es nur ein Blendwerk sei, unternommen um die treuherzigen Wilden desto sicherer auszubeuten. Das ungefähr verstand man damals unter Repudiation Party, und die neue Holzhütte an der wir vorüberfuhren, war eines der Hauptquartiere, die Repudiation Office von Te Aute, bestehend aus einem Direktor, zwei Advokaten und zwei Dolmetschern.
Bis nach Te Aute kam uns die fertige Eisenbahn entgegen, und in einem auffallend komfortablen und eleganten Wagen fuhren wir nach Napier. Ein geschwätziger, alter Herr, ein reichgewordener »Schafbaron« sass neben mir und erklärte mir die Gegend. Das Land zwischen Te Aute und Napier ist flach und ganz im Gegensatz zu den bisher gesehenen, weniger kultivirten Gegenden Neuseelands saftig grün von erst kürzlich gesäetem englischem Gras. Ueberall weiden Schafe. Auf einem Farnhügel stand ein alter Maori-Pa, der jetzt nur mehr wenige Hütten enthielt. Noch ragten zwei schlanke Pfeiler, nach oben etwas anschwellend und mit ornamental geschnitzten Kapitälen ähnlich den Gondelpfosten zu Venedig empor, deren früher hier hunderte gewesen sein sollen. Sie waren einst ein charakteristischer Schmuck der befestigten Dörfer.
Als wir Napier erreichten, war es bereits Nacht. Ich fuhr in einer Droschke ins Kriterion Hotel, berühmt in ganz Neuseeland durch seine grossartige und kostspielige Anlage, sowie auch durch die Marotte des reichen Besitzers, der diesem unrentirlichen Institut zu Liebe jährlich einen Theil seines Einkommens zusetzt.
Napier, ein Städtchen von 3000 Einwohnern, ist auf und um einen Sandsteinfelsen gebaut, der isolirt mitten aus niedrigen marschigen Ufern in die weite Hawkes Bay hineinragt und nur durch einen schmalen, theilweise von Menschenhand gebildeten Deich mit dem Hauptland zusammenhängt. Nach innen eine Lagune, nach aussen der weite Ozean, ohne Unterlass seine Wogen gegen flache Dünen heranrollend, sind die Begrenzungen. Falls die Brandung hier jahraus jahrein mit derselben Heftigkeit fortdonnert, wie ich sie während der zwei Tage meines Aufenthalts gehört, beneide ich die Bewohner Napiers nicht um ihre so malerische Lage. In den Häusern am Strande konnte man damals nur schreiend und mit dreifachem Kraftaufwand konversiren.
Ein Theater in »Oddfellows Hall«, ein Lesekabinett »Athenäum« genannt, wie es in jedem Städtchen Neuseelands zu finden ist, eine Irrenanstalt und ein Gefängniss, die Post und die Provinzialregierung sind die öffentlichen Gebäude, alle natürlich von Holz, aber stylvoll konstruirt, um welche sich, theils zu geschlossenen sauberen Strassen gereiht, theils mit Gärten umgeben, Häuser jeglichen Grades von Kultur gruppiren bis hinab zu den aus Brettern und Leinwand, aus Blechfetzen und Pappendeckel lumpig zusammengeflickten Hütten der ärmeren Maoris.
Es giebt viele Maoris hier und in der Umgebung, und manche von ihnen erfreuen sich grosser Wohlhabenheit und leben vollkommen europäisch. Braune Kavaliere und Damen zu Pferd scheinen zu den häufigen Erscheinungen zu gehören. Die Männer sitzen stets tadellos im Sattel und sind oft prächtige, martialische Gestalten. Den Weibern aber fehlt trotz des wallenden, langen Kleides, trotz des Zylinderhutes mit fliegendem Schleier und trotz der zierlich in behandschuhter Hand gehaltenen Reitgerte jene leichte Grazie, die uns englische Amazonen in Hyde Park so anziehend macht. Ihre Züge sind unweiblich grob, ihr schwarzer Haarwust meist nicht genug gepflegt, und in allen Bewegungen ist soviel Urwüchsiges, Eckiges, dass ihr Vornehmthun höchstens komisch, wenn nicht gar abgeschmackt wirkt.
Da wo die Lagune sich in die See öffnet, ist der Hafen. Nur wenige und nur kleinere Fahrzeuge lagen in ihm, als ich ihn besuchte. Einsamkeit liebende Kormorane trieben sich daneben herum und fischten, so tief im Wasser schwimmend, dass blos die schlangenförmig langen Hälse herausguckten und an Ringelnattern erinnerten, die in einem Sumpf auf Frösche Jagd machen. Mehr menschliches Treiben herrschte in einigen Werkstätten am Kai, in denen eifrig an Dampfkesseln gehämmert wurde, und um die herum eine kleine Vorstadt im Aufblühen begriffen war.
Von Napier ging es in zwei Tagereisen nach Tapuaeharuru am Taupo-See. Da man mir sagte, dass die Postkutsche schon des Morgens um 5 Uhr von einem isolirten Wirthshaus an der anderen Seite der Lagune abfahren sollte, verliess ich den Abend vorher das schöne, vortreffliche Kriterion Hotel und quartierte mich drüben ein. Ich lernte in diesem Wirthshaus eine Spelunke kennen, welche von einem Schotten gehalten, nicht nur mit dem Kriterion Hotel, sondern auch mit Allem, was ich jemals von englischem Komfort und englischer Reinlichkeit gesehen, den diametralsten Gegensatz repräsentirte.
Nach einer sehr schlechten Nacht wurde ich nebst vier Reisegefährten, die sich noch nach mir eingefunden hatten, endlich um vier Uhr, als es noch dunkel war, geweckt und genöthigt, ein Frühstück zu nehmen oder vielmehr blos zu bezahlen, da keiner in so zeitiger Stunde und bei dem überall im Hause herrschenden Gestank essen konnte. Es war dies eine unverschämte Tyrannei des mit den Wirthsleuten im Bunde stehenden Kutschers, der uns zwei Stunden später, als wir alle Hunger hatten, an einem freundlich aussehenden Gehöft vorbeitrieb und gleichsam höhnisch bemerkte, dass dies ehemals die Frühstücksstation gewesen sei, dass er aber den Eigenthümer für irgend einen Zwist durch Entziehung der betreffenden Einnahme gestraft habe.