Unsere Fahrt begann unter keineswegs heiteren Auspizien. Der Wagen war den zu überwindenden Terrainschwierigkeiten angemessen beiderseits einen Fuss schmäler als die Radaxen und gewährte kaum vier Passagieren hinreichend Raum im Innern. Es regnete, keiner wollte auf dem Bock aussen sitzen, und alle fünf drängten sich innen zusammen, alle fünf nervös durch Hunger und dementsprechend unliebenswürdig.

Von Gegend war wenig zu sehen, und eine Hecke von mächtigen Agaven, womit man ein Stück angepflanztes Land zum Schutz gegen weidende Rinder und Pferde umzäunt hatte, war lange Zeit das einzige Interessante. Es überraschte mich, dass diese Abkömmlinge der Wüste in einem so feuchten Lande ganz gut zu gedeihen schienen.

Der Weg hörte bald auf, einer im europäischen Sinn zu sein. Wir fuhren durch eine Schlucht aufwärts, durch welche ein Fluss in einem kiesigen Bett sich herabschlängelte, welchen wir fast jede Minute, das Wasser hoch emporspritzend, passirten, jetzt nach dieser, dann nach jener Seite, da das uns als Strasse dienende flache Ufer bald links bald rechts von den Windungen angeschwemmt war. Meine Gefährten behaupteten, wir müssten fünfzig mal durch den Fluss, es wird aber wohl nicht viel öfter als zwanzigmal gewesen sein. Nur zweimal kam das Wasser in die Kutsche, und hatten wir die Beine aufzuheben um trocken zu bleiben.

Da der Wagen sehr eng und unbequem, und die Mitpassagiere sehr breit und rücksichtslos waren, kam mir ein steiler Berg äusserst erwünscht, um auszusteigen und zu Fuss vorauszugehen. Je höher ich kam, desto seltener wurde Phormium, Kohlbaum und Gebüsch und desto ausgedehnter dichtes Farnkraut bis schliesslich ringsum nichts anderes mehr zu sehen war, als jene eigenthümliche, einförmige Farnhügellandschaft, wie sie wohl nur in Neuseeland vorkommt.

Sie wirkt durchaus unmalerisch, diese Farnhügellandschaft. Ueberall weiche, wellenförmige Konturen und ebenso weiche, unbestimmte Schatten, nirgends eine kräftige Linie, nirgends eine markirte, dunklere Tiefe, alles ist düster olivengrün. Man sieht weit über niedrige Hügel und seichte Thäler. Hier und dort sind vielleicht aus Zufall, vielleicht zu Kulturzwecken grössere Partien abgebrannt und heben sich als schwarze landkartenartige Flächen, mit unregelmässig gebuchteten Konturen halbversengten röthlichen Farnkrautes umsäumt, von der monotonen Umgebung ab. Dies und vorüberjagende Nebelmassen brachten allein einiges Leben in das melancholische Bild. Der Regen hatte zwar aufgehört, aber der Himmel war grau, und immer kälter und feuchter wurde die Luft, und der Dampf, der den mühsam die Kutsche heraufschleppenden Pferden entstieg, war mehrere Minuten sichtbar, ehe diese selbst zwischen den Farnböschungen der lehmigen Strasse auftauchten. Nicht ganz parallel mit dieser und mehr in gerader Linie läuft der Telegraph auf und nieder durch die Wildniss, schon von ferne die Richtung zeigend, die wir einschlagen, und die Höhen, die wir noch erklimmen müssen. So einsam und todesstille war die Gegend, dass es ordentlich überraschend und befremdend war, einem Menschen zu begegnen.

Erst als es wieder abwärts ging, einen sehr gefährlichen Absturz hinab, erschienen mehr Spuren von Zivilisation, und endlich auch das heissersehnte Mittagessen in einem Hotel am Saume der Buschregion. Mit Staunen sahen wir zurück auf die Bergkanten und die sie verschleiernden Wolken, aus denen wir gekommen waren.

Blockhäuser und Pallisadenbefestigungen traten auf, sowie Soldaten der Konstabulary Force, die hier in kleineren Abtheilungen theils zum Strassenbau, theils vielleicht auch zum Schutz gegen die Eingeborenen, denen man noch nicht recht traut, an der ganzen Poststrasse entlang stationirt sind.

Diese Soldaten tragen viel zur Rassenkreuzung bei. Ein Maoriweib mit einem halbweissen Kind bat den Kutscher, ob sie nicht eine Strecke mitfahren dürfe, und wir nahmen sie zu uns in den Wagen, wo sie sehr verlegen in der Mitte auf den Boden sich niederkauern wollte und nur ungern die Kniee eines der Gefährten als Sitz akzeptirte. Ihre Schüchternheit schien mir indess mehr Furcht vor Verachtung und schlechter Behandlung als keusche weibliche Zurückhaltung zu sein.

Unser Nachtquartier, welches wir äusserst ermüdet von dem unbequemen Fahren erst spät in der Nacht erreichten, war Tarawera, worunter ein Wirthshaus mit vielen Nebengebäuden und eine mit Pallisaden befestigte Kaserne der Konstabulary Force in der wilden Gebirgsforstromantik einer Thalschlucht, durch welche ein Giessbach tost, zu verstehen ist.

Wir hatten die Gaststube mit der zwar kaum ein Dutzend Köpfe zählenden, aber dafür desto lebhafteren Soldateska des Platzes zu theilen. Schnaps war auch hier der Genius loci. Unter all den Söldlingen aber ragte an Durstigkeit ein deutscher Landsmann weit hervor. Leider war es mein Loos, seinen Patriotismus herauszufordern. Entzückt, mit mir wieder seine Muttersprache zu reden, wich er nicht mehr von meiner Seite und hörte nicht mehr auf, mir ebenso unermüdlich als unzusammenhängend von seinen Abenteuern zu erzählen, bis er selig unter den Tisch versank.