Am nächsten Morgen fuhren wir im Gebiet der Provinz Auckland dahin. Tarawera war die Grenze von Napier gewesen. Den ganzen Vormittag ging es bergauf und bergab, was mir sehr angenehm war, da ich so nur wenig im Wagen zu sitzen brauchte und vorangehen konnte. Nicht nur die Unbequemlichkeit unseres Beförderungsmittels, sondern auch die zweifelhafte, wenig amüsante Gesellschaft meiner Gefährten, die sich grösstentheils damit unterhielten, einander auf die Füsse zu treten, trieben mich an, jedesmal so viel Vorsprung als möglich zu gewinnen. Ein sehr primitives Postamt stand neben dem Wege, ein Holzkasten, an einen Baum genagelt. Unser Kutscher öffnete das Schloss, ob keine Briefe drin seien und legte einen Pack Zeitungen hinein.

Die Berge und der Busch hörten auf, und ein weites Hochmoor öffnete sich. Hier machten wir Mittag in einer ziemlich rauhen Wohnstätte.

Es war eine Station, mehr des Pferdewechsels halber als zur Bequemlichkeit der Passagiere angelegt. Ein paar niedrige Hütten aus Pfählen, Erde und Stroh, mit einigen abgezäunten Vierecken umgeben, dienen den Postpferden und einem vereinsamten alten grämlichen Stallmeister zur Wohnung. Grämlich wie sein Beherrscher ist der ganze Platz. Pfützen bilden die nächste Umgebung, das schwarze mit gelben Stoppeln besetzte Moor die weitere. Pferde und Schweine trieben sich zwischen den Zäunen umher, und in der Wohnhütte, welche zugleich uns als Speisesaal diente, ein Dutzend Katzen, die einer Sage zufolge zu kulinarischen Zwecken gezüchtet wurden.

Aus zähem gekochten Rindfleisch, Schiffszwieback und Thee bestand die höchst unkomfortable Mahlzeit. Tisch war keiner vorhanden und an Stühlen nur einer mit drei Beinen. Eine Kiste, ein Eimer, ein Hackstock und das Laubbett waren unsere Sitze und die eigenen Kniee die Tische für die blechernen Teller, auf denen wir mit stumpfen, unsauberen Messern das widerspänstige Fleisch zu zerreissen suchten. Auf der einen Seite drohte das grosse Feuer von mannslangen Baumstämmen uns zu versengen, auf der anderen flog durch die offene, nicht zu schliessende Thüre vom Wind herumgewirbeltes Laub auf unsere Speise. Die zwölf Katzen miauten aufgeregt vom süssen Duft durcheinander und suchten uns die Bissen vom Munde wegzukrallen, und zuweilen kam ein dickes, schwarzes Schwein und schnüffelte neugierig zur Thüre herein.

Der Alte war im höchsten Grad unglücklich über die aussergewöhnlich starke Zahl seiner Gäste und die Ueberfüllung der Hütte. Und als nun gar einer von uns die Suppe, die er für sich selbst bei Seite gesetzt hatte, umstiess, und sich herausstellte, dass gerade dieser nicht bezahlen konnte, und zugleich ein paar Gäule durch den Zaun gebrochen waren und ein Loch in die Rasenwand seiner Hütte zu fressen begannen, und als bald darauf eine Gesellschaft von Maoris zu Pferde angesprengt kam und gleichfalls zu essen haben wollte, da kannte seine Aufregung keine Grenze mehr. Zu allem Ueberfluss reizte es den Muthwillen meiner Gefährten, ihn noch schlimmer zu ärgern und in alle Töpfe und Schubladen junge Katzen zu stecken, wobei ich nur verhindern konnte, dass sie die Töpfe ans Feuer schoben. Und als der Alte nach einigen Minuten draussen sich ausgeflucht hatte und wieder hereinkam, und aus jeder Ecke und aus jedem Winkel die dünnen Stimmchen der kleinen Katzen quieksten, da war es höchste Zeit, dass wir aufbrachen und den alten einsiedlerischen Kaliban in seiner Wildniss und mit seinem Zorn allein liessen.

In Opipi, dem pallisadirten Hauptquartier und Sitz des Majors der Konstabulary Force, wo wir durch die in solcher Oede auffallende Erscheinung europäischer Damen überrascht wurden, war der höchste Punkt unseres heutigen Weges und überhaupt meiner ganzen Reise durch Neuseeland, 600 Meter über dem Meere erreicht. Ueber eine sanft abfallende Fläche ging es rasch dem grossen See Taupo Moana zu, dessen Spiegel alsbald uns entgegen glitzerte.

Noch eine Biegung des Weges, und aus der vor uns liegenden Hügelreihe stieg eine weisse Dampfsäule empor wie von der Lokomotive eines fernen Eisenbahnzuges. Wir waren im Gebiet der hochberühmten heissen Quellen und Geyser von Neuseeland.

Ich weiss nicht, welchem geheimen psychologischen Faktor ich es zu verdanken hatte, dass ich jenen interessanten Punkt der Erde mit einer Art Enthusiasmus und einer gewissen Andacht betrat, deren ich mich nicht mehr fähig hielt, und die ich in jüngeren Jahren empfunden hatte, als ich zum ersten mal das Meer erblickte. Jedenfalls trug diese gehobene, ungewohnt affirmative Stimmung wesentlich dazu bei, mir den Genuss des Lake-Distrikts zu erhöhen und mich die Unbilden der Witterung und der Gesellschaft, der schlechten Strassen und der schlechten Transportmittel ignoriren zu lassen.

Kaum war uns jene erste Dampfsäule zu Gesicht gekommen, als auch meine geistreichen Gefährten sofort in der Luft herumzuriechen und mit ihren Nasen auf den Schwefelgeruch der heissen Quellen zu fahnden begannen, über den sie zarter fühlend sich lange beklagten, ehe ich etwas davon wahrnehmen konnte. Dies schien für sie zum guten Ton zu gehören. Sie waren schon oft hier gewesen, die Quellen selbst aber hatte noch keiner besucht.

Noch etwa zwei Meilen führte die Strasse am bimssteinbesäeten Rand des Sees dahin, und wir waren in Tapuaeharuru als es eben dunkel zu werden anfing.