Die Umgebung dieses vorgeschobenen Postens europäischer Kultur ist ein vollendetes Bild unfruchtbarer Wildniss und menschenleerer Einöde. Kein Fahrzeug belebt die weite grüne Fläche des Sees, dessen Wellen monoton an die Lehmwände des Ufers schlagen, kein Baum ist zu sehen, ringsum nichts als Farngestrüpp und Manukagebüsch. Vereinzelte kuppenförmige Berge ragen zwischen wellenförmigen Hügeln hervor. Die schneebedeckten Gipfel des Ruapehu und des feuerspeienden Tongariro, welche bei klarem Wetter den südlichen Hintergrund des Sees bilden, waren von den Wolken dicht verschleiert. Ausser fünf oder sechs Holzhütten zwei grössere Gebäude mit Stallungen und etwas weiter entfernt die mit Pallisadenzaun befestigten Baracken der Konstabulary Force geben allein Andeutungen einer weissen Bevölkerung.
Und mitten in diesem unwirthlichen Erdenwinkel ein vortreffliches Hotel, welches allen Anforderungen englischen Komforts entspricht, mit guten, reinlichen Betten und tadelloser Nahrung, geleitet von einem deutschen Landsmann aus der Rheinprovinz, der hier, nur durch einen jungen, erst kürzlich eingewanderten Italiener unterstützt, ohne weiteres Dienstpersonal alle Obliegenheiten seines Geschäftes erfüllt, und in seiner Person zugleich Koch und Kellner, Stallmeister und Stubenmagd repräsentirt! Wie würde der Gastwirth des ordinärsten Dorfes bei uns verächtlich und entrüstet thun, wenn man ihm zumuthete, Stiefel zu wichsen, Betten zu machen und Zimmer auszufegen. Ich habe aber in einem deutschen Dorf oder Städtchen nie so reinlich und gut geschlafen und gegessen als dort in dem fernen isolirten Tapuaeharuru mit seinem Dutzend Holzhütten.
Unsere Ankunft versammelte die spärliche Einwohnerschaft des Ortes, für welche die beiden Postwagen von Napier südlich und von Tauranga nördlich her zweimal jede Woche die wichtigsten Ereignisse sind. Der Wagen von Tauranga war ohne Passagiere gekommen, der unserige aber brachte deren fünf, eine in dieser Jahreszeit ungewöhnlich hohe Zahl.
Sechs oder sieben Soldaten, aus welchen ungefähr die ganze bewaffnete Macht bestehen mochte, schlenderten von ihrer Pallisadenkaserne drüben herbei, etwa eben so viele junge Maoriweiber, mit welchen erstere in wilder Ehe zu leben pflegen, tauchten hinter den Hütten auf, setzten ihre Pfeifenstummel in Brand und konversirten lebhaft in ihrer wohlklingenden Sprache.
Aus dem nächsten Manukagebüsch aber trat eine Gestalt, die einer eingehenderen Betrachtung würdig ist. Ich hatte bisher noch keinen Maori anders als in europäischer Kleidung vor Augen gehabt. Jetzt sollte ich zum ersten mal das alte einfachere Maorikostüm, wenn auch mit einigen der Phantasie und europäischer Verweichlichung entsprungenen Abänderungen, an den blassen Gliedern eines Pakeha zu studiren Gelegenheit erhalten. »Mister Jack the Guide of Taupo«, wie er sich genannt wissen will, war es, der mit nackten Beinen und Armen uns entgegeneilte und bei der herrschenden Kälte einen ziemlich frostigen Eindruck machte.
Ein kurzer, dicker Kerl von vielleicht vierzig Jahren mit struppigem Gesicht, dessen Züge den Ausdruck ehrlicher Bonhommie tragen, und struppigem Haarwuchs, dessen Farbe an einzelnen Stellen bereits einen grauen Schimmer zeigt, steckt in einem weissen Hemd ohne Aermel. Um seine Hüften und Schenkel ist eine wollene Decke gewickelt, aus welcher der Griff eines langen Messers guckt, von den Schultern fällt ein Plaid in malerischem Faltenwurf herab. An den Füssen trägt er kurze graue Socken und Stiefeletten mit Gummizügen und weit abstehenden Anziehstrippen vorn und hinten, den rechten mit einem Schnallsporn bewaffnet. Das Haupt schmückt ein hoher schwarzer Kalabreser, wie ihn unsere jüngeren Künstler lieben, und eine hochemporstrebende spitze Fasanenfeder – Solches ist das flüchtige Porträt von »Mister Jack the Guide of Taupo«, so gut es meine schwache Feder einem wissbegierigen Publikum zu überliefern im Stande ist, und zugleich auch eine Charaktermaske, welche sich wegen ihrer Einfachheit, Bequemlichkeit und Billigkeit der Berücksichtigung eines karnevalliebenden Publikums empfehlen möchte.
Was dieser sonderbare Europäer eigentlich in Taupo zu thun hatte, und womit er sein Leben fristete, war mir ein Räthsel und sollte mir erst morgen einigermassen klar werden. Mister Jack erwies sich übrigens im weiteren Verlaufe des Abends als ein sehr liebenswürdiger Gesellschafter, voll von Schnurren und Abenteuern, mit denen er uns lange ausgezeichnet unterhielt und vollständig vergessen machte, dass er im blossen Hemd mit zu Tische sass.
Ungefähr zweihundert Schritt vom Hotel entfernt fliesst der Waikato aus dem See. Ein baufälliges Fahrzeug mit einer auffallend kleinen Dampfmaschine liegt hier vor Anker, um einmal wöchentlich auf Regierungskosten den See zu kreuzen und die Verbindung mit Tokano, einem Maoridorf an der gegenüberliegenden Seite, zu unterhalten. In Mäanderlinien schlängelt sich der Fluss durch bald steil abfallende, bald terrassenförmige felsige Ufer, an denen sowie an den Abhängen zahlreicher ebenfalls mäandrisch gestalteter Querthäler die kochenden Quellen entspringen.
Diesen galt mein erster Ausflug am folgenden Tag, der von besserem Wetter als die vorhergehenden begünstigt war. Beinahe hätte ich den undeutlichen Weg durch das Gebüsch verloren, welches an manchen Stellen so hoch wurde, dass es mir einen als Richtpunkt dienenden Berg zur Rechten verbarg, während die Sonne nur minutenweise sich sehen liess, wenn nicht einige weisse und halbweisse Kinder mit Handtüchern mich eingeholt hätten, welche demselben Ziele wie ich, den warmen Bädern, zustrebten.
Einem der Mädchen war es offenbar sehr unangenehm, dass ich auch baden ging, und sie schickte ihren jüngeren Bruder als meinen Führer ab, dem sie Instruktionen zuflüsterte, und dem ich bald anmerkte, dass er mich nur von der rechten Fährte abbringen sollte, während die übrige kleine Schaar zurückblieb. Erst als ich dem jugendlichen Schlaukopf erklärte, dass es mir zunächst nur darum zu thun sei, die Gegend in Augenschein zu nehmen, und dass ich nicht vor zwei Stunden baden würde, schien er bereit, mir den Badeplatz zu zeigen.