Eine halbe Stunde waren wir plaudernd weitergewandert, und mehrmals hatten wir Fasanen, an denen die Gegend reich sein soll, aufgescheucht als endlich die erste Dampfwolke ziemlich nahe vor uns emporqualmte. Gleich darauf dampfte es auch dicht neben uns aus einem metertiefen Loch, in dessen Grund nichts als feuchte zerrissene Erde und verdorrtes Farnkraut zu erblicken war. Ein starker Schwefelgeruch erfüllte die Luft. Es galt jetzt, vorsichtig den schmalen Pfad zu verfolgen, und ich fühlte mich gehoben durch das Bewusstsein, mitten in jenem merkwürdigen Gebiete zu stehen, von dem ich in der Heimath Hochstetters vortreffliche Schilderung mit so grossem Interesse gelesen hatte.

Rechts und links begann es aus vielen Stellen zu dampfen. Vom Rande eines Abgrunds schauten wir hinab auf das herrlich klare dunkelgrüne Wasser des langsam dahin fliessenden Waikato. An seinen steilen Ufern qualmte es hier und dort zum immer freundlicher werdenden Himmel empor, und seltsam grell stach das von der Sonne beschienene Weiss des Dampfes von den gesättigten Tönen der Umgebung ab.

Eine niedrige Thalschlucht öffnete sich, durch welche ein warmes Bächlein dem Flusse zueilt, und in welcher zwei Schilfhütten liegen, halbverborgen von Farn und Phormium. Dort unten sind die Bäder.

Ich dankte meinem jungen Begleiter und schlug die gerade Richtung ein nach jener ersten und bedeutendsten Dampfwolke, trotz aller Warnungen, die ich gelesen und gehört. Auch hier machte ich wieder die Erfahrung, dass im Allgemeinen die Gefährlichkeiten nicht so gefährlich sind, als sie beschrieben werden. Es war zwar manchmal gewiss überraschend, plötzlich vor einem tiefen Loche zu stehen, in dessen Grund es leise und unheimlich dampfte, und der wie geröstete und mit einzelnen Büscheln vertrockneten Grases und spärlichem dürrem Buschwerk besetzte Boden war so weich und morsch, dass man bei jedem Tritte einen Zoll tief einsinkend die Empfindung der Unsicherheit bekommen konnte. Wenn man aber mit der nöthigen Vorsicht zu Werke ging, das dichtere Gestrüpp, welches den Boden gänzlich verdeckte, mied und nicht gerade drauf los rannte, war kein ernstlicher Unfall zu befürchten.

Ich durchstreifte kreuz und quer das Ideal eines koupirten Terrains. Auf den ersten Blick flach und nur von kümmerlicher Vegetation bewachsen, sind die beiden hohen Ufer des Waikato allenthalben von Laufgräben ähnlichen Schluchten durchzogen, die alle fünfzig bis hundert Schritt fast rechtwinklig bald rechts bald links umbiegen, so dass man nie wissen kann, woher sie kommen und wohin sie führen, und oft dieselbe Schlucht zweimal hinab und hinaufklettert, die man leicht hätte umgehen können, wie man zu spät erfährt.

Die mehr oder minder stark dampfenden Löcher sind ziemlich zahlreich. Da eines aussieht wie das andere, wurden sie mir bald gleichgültig, und ausser dem Urheber meiner ersten verheissenden Dampfwolke, einem kochenden Sprudel von grösseren Dimensionen, war nichts Besonderes zu entdecken. Schon aus einer gewissen Entfernung hörte ich den dumpfen unterirdischen Lärm desselben, und als ich an dem brunnenartigen Schachte stand, in dessen Tiefe es brodelte und brummte und hämmerte wie in einer Fabrik, in der viele Maschinen zu gleicher Zeit arbeiten, fühlte ich etwas wie Grauen bei dem Gedanken auszugleiten und hinabzufallen. Nur auf kurze Augenblicke, wenn eben ein Windstoss den aufsteigenden Qualm zerriss, war ein Stückchen des kochenden und sprudelnden Wassers zu sehen. Rothes verwittertes Gestein bildet die Wände des Schachtes, über dessen unregelmässig zerrissene Ränder bleiches, wassersüchtiges Farnkraut hängt, kränkelnd unter der fortwährenden warmen Bethauung.

Ich war mittlerweile müde geworden, und die Frist, die ich den Kindern von Tapuaeharuru zum Baden versprochen, war abgelaufen, so dass ich beschloss mich nun selbst durch ein warmes Bad für meine Forschungsreise zu belohnen.

In jenem Miniaturthal mit den Schilfhütten sah es anmuthiger aus als oben auf dem kahlen dürren struppigen durchfurchten Plateau, über welches ein frostiger Wind strich. Je weiter ich kam, desto idyllischer wurde die niedliche engbegrenzte Landschaft. Auf einem Pfahl ein Taubenschlag aus Flechtwerk, zwei oder drei niedrige Hütten aus demselben Material, weidende Schafe und ein bellender Hund, ringsum dichte üppig grünende Vegetation und steile Felswände, gerade hoch genug um gegen die kalten Winde Schutz zu gewähren, bilden die Bestandtheile dieses reizenden stillen Winkels. Ich näherte mich den Wohnstätten, und eine junge Maoridame, auffallend hübsch und reinlich, erschien in phantastischer und zugleich so dürftiger Gewandung, dass ich beinahe Entschuldigungen stammelnd zurücktrat. Das war kein Maoriweib gewöhnlicher Art. Ein gewisses Parfüm entduftete ihrem Körper, ich roch Europa. Warum musste mir sofort Mister Jack the Guide of Taupo einfallen? Ich weiss es nicht. Meine Ahnung aber war richtig wie ich später erfuhr. Dieses war des alten Gauners (wilde) Ehegattin, eine Häuptlingstochter, welcher das Land ringsum mit dem lieblichen Thal und dem warmen Bächlein gehörte. Er und sie repräsentiren allegorisch Gott und Göttin der wunderbaren Heilquelle, deren gedruckte Analyse ich gestern hatte würdigen müssen, und für welche er sich wie jeder Quellenbesitzer nicht nur des Lake-Distrikts von Neuseeland, sondern der ganzen Erde eine grosse Zukunft verspricht. Mit einem solchen mythologischen Beruf ist selbstverständlich europäische Zugeknöpftheit unvereinbar, daher die Einfachheit seiner und ihrer Bekleidung.

Das Bad ist stylvoll wie die Eigenthümer desselben. Mehrere heisse Quellen entspringen in dem Thal und vereinigen sich zu einem ungefähr metertiefen und einen guten Sprung breiten Bach, der geschäftig zwischen Farn und Phormium dem Waikato zueilt. Da wo sein Wasser sich zu der Temperatur eines angenehmen Wannenbades abgekühlt hat, ist es aufgestaut, und mit einem Dach aus Lattenwerk überbaut, an welchem Geisblatt zwanglos hinanklettert und graziöse Zweige im Winde schaukelt. Eine Schilfhütte dient zum Auskleiden, ein Spiegel ohne Rahmen, dessen nackte zerkratzte Quecksilberfläche das Konterfei voller Löcher zurückstrahlt, und ein geschriebenes Plakat, welches besagt, dass der einmalige Genuss all dieser Schönheiten einen Shilling kostet, sind das Mobiliar des Innern. Den schmalen Zugang und die Hütte selbst überwuchert hohes Phormiumschilf und säuselt seine Melodien, vom Zephyr bewegt. Schmeichelnd fallen die Sonnenstrahlen durch die Blätter der Laube, und schmeichelnd umspült das laue Wasser die erfreuten Glieder des Badenden.

Die Temperatur kann um einige Grade erhöht und erniedrigt werden durch eine Schleuse, die aus einer Nebenquelle kälteres Wasser einlässt. Schliesst man die Schleuse ganz, so steigt die Wärme bald auf eine unangenehme Höhe, das Bad beginnt zu dampfen, und man beeilt sich wieder aufzumachen. Sehr merklich ist auch der Unterschied zwischen den oberen und unteren Schichten des Bades, und deutlich fühlt man beim Unter- und Auftauchen die heissere Zone der Oberfläche.