Es blieb mir nur noch übrig, unten am Ufer des Waikato einige andere heisse Quellen aufzufinden, und ich hatte Alles gesehen, was in Tapuaeharuru zu sehen ist, zum Aerger von Mister Jack, der nicht begriff, wie man ohne seine Führung und Erklärung herumzustreifen wagte.
An einem Punkte strömt dem dunkelgrünen Waikato so viel heisses Wasser zu, dass man im Sommer in ihm selbst warme Bäder geniessen kann. Weiter oben in der Mitte eines grösseren, ziemlich seichten Beckens, dessen Umfang sich nicht übersehen lässt, da es halb von einer dunklen Felsenhöhle überwölbt ist, wallt es in beständigem Kochen. Der ganze Grund ist bedeckt mit zierlichen Sinterinkrustationen von Farnblättern, die sich von den bekannten Erzeugnissen des Karlsbader Sprudels dadurch unterscheiden, dass sie aus Kiesel und nicht aus Kalk bestehen. Greift die Hand achtlos hinein, um sich ein Andenken herauszuholen, so fährt sie sogleich erschrocken vor der Hitze wieder zurück. Ein alter erloschener Geyser dicht nebenan arbeitete zuweilen noch vor wenigen Jahren. Jetzt ist von ihm nur mehr die Umwallung, die er sich aus Inkrustationen aufgebaut hat, vorhanden.
Um ein Gebüsch biegend, stand ich plötzlich vor zwei Maorihütten. Kein Mensch war in ihnen, die hölzernen Fensterladen waren zu und die Thüren mit europäischen Vorhängeschlössern versperrt. Hinter einem zweiten Gebüsch grub ein altes hässliches Maoriweib Kartoffel aus der Erde, obwohl heute Sonntag, Sonntag unter englischer Flagge war, und nahm mürrisch vor sich hinstierend nicht die geringste Notiz von meiner Anwesenheit.
Unweit davon musste ich etwas entdecken, was Mister Jack keineswegs zur Ehre gereichte. Durch Stauung und Erweiterung hatte die Natur in dem Netzwerk der vielen heissen, warmen und kühlen Bäche das herrlichste natürliche Wannenbad geschaffen. Zarte weissschimmernde Sinterkrusten überzogen die Innenfläche und die vom Grün des Farngestrüpps eingefassten Ränder und auch hier konnte durch seitliche Löcher, die man mit Grasbüscheln verstopfte, die Temperatur regulirt werden. Gewiss war dieses Gebilde im Stande Mister Jack Konkurrenz zu machen, und er hatte es deshalb mit Schmutz vollgeschüttet.
Als ich wieder nach dem Hotel des Herrn Becker zurückkam, war das Dinner schon längst vorüber, und die beiden Kutscher, meine Gefährten, Mister Jack und die ganze Soldateska des Platzes waren alle betrunken. Mister Jack ärgerte sich erst ein wenig und schimpfte, dass ich ohne ihn, den »Guide of Taupo«, Umschau gehalten und sämmtliche Sehenswürdigkeiten selber gefunden. Ich zahlte ihm seinen Shilling für das Bad und lobte seine Besitzung. Das versöhnte ihn wieder. Der Spekulationsgeist erwachte in ihm. Ich war ja ein Medikal Man und konnte vielleicht seiner Quelle von Nutzen sein. Er redete mir zu, dass ich bis zur nächsten Post bei ihm bliebe, und führte die ganze Eloquenz seines alkoholischen Zustands ins Feld, mich noch mehr für sein idyllisches Thal zu interessiren. Er log, was er konnte. Er schwur ich hätte das Beste doch nicht gesehen, er suchte in jeder Weise auf mein Gemüth zu wirken und erzählte von gräulichen Gespensterstimmen, die dort allnächtlich ihr Unwesen trieben. Er fluchte und tobte, er zog sein Messer aus dem Gürtel und stiess es in den Tisch, um mich zu überzeugen. Alles umsonst.
Trotz des besoffenen Lärms der wilden Gesellschaft schlief ich den sanften Schlaf des Gerechten, als ich plötzlich unsanft erwachte. Die Fensterscheiben meiner Erdgeschosskammer klirrten zerbrochen zu Boden, ein wüstes Geheul, ein Stampfen und Kämpfen draussen im Freien, und ich eilte hinaus. Man hatte sich geprügelt, und einer der Söldlinge war in seiner Tobsucht so weit gegangen, nicht nur meinem biederen Landsmann dem Wirth das Gesicht voll blauer Flecken zu schlagen, sondern auch rings ums Haus zu laufen und der Reihe nach die Fenster zu zertrümmern. Der Bösewicht lag nun gefangen, mit Stricken gefesselt und nackt auf der Strasse. Die Kutscher und meine Reisegefährten hatten ihn nach längerem Ringen bezwungen und ihm dabei die Kleider vom Leibe gerissen. Nun standen sie gleich Schergen um ihn herum, schnaubend von der gehabten Anstrengung. Die übrigen Söldlinge waren entwichen.
Kalt lächelnd blickte der Mond auf die merkwürdige Gruppe, neben welcher die Gestalt Mister Jacks sass und sich den Rücken rieb. Sein Hüftenplaid war ihm abhanden gekommen, und ohne schützende Hülle ruhte seine Basis auf dem feuchten Rasen. Er schien sich über die Veranlassung dieses unerquicklichen Zustands unklar zu sein. Ueberrascht schaute er um sich, rieb sich den Rücken, kratzte sich hinter den Ohren und blinzelte gegen den Mond, als ob er ihn fragen wollte.
Dem Tobsüchtigen verordnete ich einige Eimer kalten Wassers über den erhitzten Kopf bis er mit den Zähnen klapperte dann brachten wir ihn und Mister Jack, der ebenfalls fror, ins Bett und legten uns selber schlafen.
Zwei Stunden später graute der Morgen, und der Kutscher trommelte uns aus den Betten. Wir kamen nun in einen noch schmäleren Wagen, weil von jetzt ab die Poststrasse noch schlechter wurde, als sie bisher gewesen. Der Mangel an Raum sollte durch Wegfall der Polster ausgeglichen werden.
Leider blieb von den Reisegefährten nur einer zurück und wurde durch einen andern ersetzt, einen Offizier der Konstabulary Force, der wegen Krankheit nach Tauranga zum Arzte fuhr und eine neue Art unangenehmer Gesellschaft repräsentirte, indem er beständig durchs Fenster hinaus seiner läufigen Hündin zubrüllte und sie zur Keuschheit ermahnte den Anfechtungen eines männlichen Köters gegenüber, welcher sie mit heisser Liebe verfolgte, bis wir anhielten und ihn mit einem Strick vor Anker legten. Die alten Gefährten waren womöglich noch rücksichtsloser als je, und mürrisch und grämlich wie alle Menschen, denen es nicht vergönnt ist, ihren Rausch auszuschlafen. Abermals stand ein schwerer Tag bevor.