Für kurze Zeit liessen sich am anderen Ende des öden Tauposees die schneebedeckten Kämme des Ruapehu bestrahlt von der aufgehenden Sonne blicken. Wir bogen nach Norden und kreuzten auf hölzernen Brücken zweimal während des Tages den gleichfalls nach Norden gerichteten Lauf des Waikato.

Das Manukagebüsch wurde spärlicher, und die Gegend nahm wieder mehr den Farncharakter an. Die Dampfsäulen kochender Quellen verschwanden. Durch romantische Wildnisse stieg die Strasse bergauf und bergab, und schäumende Bäche stürzten sich daneben durch rauhe Schluchten dem Waikato zu. Stumpfe Kegelberge wechselten mit kulissenartigen Bergrücken. Herrliche Fernsichten, wie von einem Maler der klassischen Schule komponirt, thaten sich auf. Dann ging es wieder über eine dürre Grasstoppelebene, in deren Hintergrund sanft ansteigende Hügel mit Gruppen weisslicher Felsblöcke besäet waren, so dass sie Dörfer zu tragen täuschten. Der Leichenstein eines Postpferdes stand hier an der Strasse mit einer Inschrift, welche das treu in seinem Berufe vom Tod ereilte Thier verewigte. Ausser diesem Dokument der höheren Philozoie und der Strasse ist weit und breit nichts Menschliches zu entdecken. Selbst der Telegraphendraht hat uns verlassen und andere Wege eingeschlagen. Keine Vogelstimme lässt sich vernehmen. Ueberall Grabesruhe.

In einem echten Maoridorf, mitten zwischen zackigen Felsen, durch welche in der Tiefe der Waikato tost, machten wir Mittag und wechselten die Pferde. Selbst der Stationswirth, ein Weisser, und seine weisse Gattin, eine junge sanfte Blondine, wohnen hier nur in Hütten aus Flechtwerk. Die Eingeborenen werden jetzt zahlreicher, lumpiger und malerischer, je mehr es nach dem wärmeren Norden geht, ebenso wie bei uns, wenn man über die Alpen gegen Italien zieht. Bis jetzt hatte ich ausser dem blassbeinigen Mister Jack noch keinen echten Maori gesehen. An allen Einschnitten der Strasse sind Maorinamen in englischen Lettern und Maorizeichnungen von nicht geringem Verständniss in den weichen Sandstein gekratzt.

Auf einer Höhe biegt der Weg um die Ecke, der See Rotorua erscheint und vor ihm eine dampfende Tiefebene. Der ganze schwammige Boden ist hier unterwühlt von kochenden Quellen. Schnurgerade durchschneidet die erhöhte Strasse den mit Manukagebüsch besetzten Sumpf, aus dem es links und rechts überall unheimlich brodelt und qualmt und dampft. Was ich in Taupo gesehen, war nichts gegen diesen Anblick, der meine kühnsten Erwartungen weit übertraf.

Die Dunkelheit senkte sich hernieder, als wir in Ohinemutu ankamen, umringt von einem lärmenden Gesindel fröhlicher Maoris, von denen kein einziger eine Hose anhatte, was mir überaus imponirte.

VIII.
OHINEMUTU UND ROTOMAHANA.

Die heissen Quellen und ihre Verwendung. Ein Badeort in des Wortes verwegenster Bedeutung. Legende von der schönen Hinemoa. Maorialterthümer. Ausflug nach Wakarewarewa. Das Labyrinth der Schmutzvulkane. Die Geyser. Der missglückte Haka. Ein interessantes liederliches Kleeblatt. Ausflug nach Rotomahana. Wairoa und seine internationalen Wegelagerer. Stürmische Kanuufahrt über den Tarawera. Streitigkeiten mit den Maoris. Ueberall kocht das Verderben. Ungemüthliche Nacht. Tetarata und Otukapuarangi. Mister Davis und seine Singschule.

Dieses Ohinemutu ist nicht nur der interessanteste Punkt von ganz Neuseeland, sondern auch einer der interessantesten Punkte der ganzen Erde.

Ohinemutu liegt etwas nördlich vom Zentrum der Nordinsel am südlichen Ufer des Sees Rotorua. Die Berge treten hier in einen weiten Kreis zurück. Sumpfige Ebenen, von welchen wir gestern den breitesten Theil durchfahren haben, umgeben den See und lassen auf eine ehemals grössere Ausdehnung desselben schliessen. Soweit das Auge blicken kann, qualmt zwischen Farnkraut und Manukagebüsch weissglänzender Dampf empor, und an kühleren Morgen ist die ganze Ebene mit Dampf überlagert. Allenthalben entspringen kochende Quellen, kochende Schlammpfützen und Schlammvulkane.

Doch nicht blos wegen seines kochenden Untergrunds ist Ohinemutu so hoch interessant, sondern auch wegen seiner Maoribevölkerung, die dort, etwa 300 Köpfe stark, noch viel von den alten Sitten beibehalten hat.