Nahe dem Ufer steigt ein isolirter, kaum 25 Meter hoher Hügel, mit europäischen Weidenbäumen bepflanzt, aus dem heissen Sumpf, und an diesem, dem See zugewendet, baut sich die Ortschaft auf. Am Anfang und am Ende einer sehr primitiven Strasse, die sich oben entlang zieht, sind zwei gute Hotels für Touristen und in der Mitte ein Kaufhaus mit einigen Nebengebäuden. Dies ist das weisse Viertel. Alles übrige ist Maori und besteht aus unregelmässig zerstreuten umzäunten Hütten, zwischen denen sich schmale Pfade hindurchschlängeln. Etwas erhöht thront auf einem Ausläufer des Hügels das Versammlungsgebäude der Gemeinde, ein langgestreckter Holzbau, dessen Dach beiderseits fast den Boden berührt. An der Frontseite sind unter dem vorspringenden Giebel der Eingang und zwei hohe Glasfenster. Alles innen und aussen ist mit schönen stylvollen Holzschnitzereien verziert, und an einem Ornament der Dachränder baumelt eine Glocke.

Die Hütten sind niedrig, mit Wänden aus Flechtwerk und Dächern aus Stroh und sehen sehr formlos und ruppig aus, die zum Wohnen bestimmten wenigstens. Die Vorrathshäuschen jedoch, welche in keiner Umzäunung fehlen, sind zierlicher und von Holz, ruhen auf drei Pfosten ein Meter hoch über der Erde und erinnern durch ihre flachen Dächer an grosse Taubenschläge im Schweizerstyl. Eine geschnitzte Figur schmückt den Giebel, und Schnitzereien verkleiden die Dachränder. An den Thüren hängen anachronistischer Weise europäische Vorhängeschlösser.

Die innere Einrichtung der Wohnhütten ist von der grössten Einfachheit und ebenso rauh und unansehnlich wie das Aeussere derselben. In den Strohwänden stecken ein paar Zahnbürsten, ein Kamm, ein Spiegel, eine Axt, eine Flinte und sonstige Gegenstände mannigfaltigster Art, selten in ordentlichem, meistens in halbzerbrochenem, lotterigem Zustand. Unter dem Dach hängen etliche Pageien (kurze löffelartige Ruder) und einige Bretter, auf welche russige Töpfe gestülpt sind. Den Boden bildet die nackte Erde, und unmittelbar auf dieser liegen ohne Erhöhung in den Ecken die Betten, umschlossen von einem Holzrahmen und aus dicken Polstern elastischen Farnkrautes und wollenen Decken bestehend. Bei Reicheren findet man wohl auch Weisszeug, Bettlaken und Federkissen. Bei diesen herrscht ein höherer Grad von Reinlichkeit, und die wollenen Decken zeichnen sich durch grellere Farben und buntere Muster aus. In der Mitte brennt ein Feuer, welches jedoch weniger zum Kochen als zur Erwärmung dient, da zum Kochen die kochenden Quellen viel bequemer zur Hand sind.

Die unterirdische Hitze wird von den Bewohnern in dreifacher Weise ausgebeutet. Grosse Steinfliesen bedecken hie und da vor und in den Hütten den Boden, durch unter ihnen emportauchende heisse Quellen erwärmt, und auf diesen natürlichen Oefen hocken den ganzen Tag alte Weiber und Männer. Andere Quellen sind sauber mit Blöcken eingefasst und zum Kochen bestimmt. Wieder andere, weniger heisse dienen zum Baden.

Im Sommer ist auch der See bis weit hinaus genügend erwärmt um Stunden lang darin verweilen zu können. Da wir eben Juni, also Winter hatten, war dieses Vergnügen, abgesehen von den vielen zerstreuten Badetümpeln, auf eine 20 Schritt breite und 100 Schritt lange Bucht beschränkt, welche durch zwei vorspringende Landzungen gebildet ins Dorf hineinragt.

Von allen drei Seiten fliessen heisse Quellen herab, aus dem Grunde tauchen heisse Quellen auf, und über dem inneren Ende gähnt, von steilen zerbröckelten Felswänden eingefasst, ein brodelnder Kessel, ein alter Geyser, in dem es beständig kocht und stampft und wallt und hämmert, zwischen wucherndem Farnkraut Verderben drohend empor, gerade gross genug, um etwa fünfzig Menschen auf einmal darin zu kochen. Hier hinein sollen nämlich in der guten alten Zeit die Gefangenen genöthigt worden sein, um zum festlichen Schmause zu dienen sobald sie gar waren – eine Sage, die jedoch nur im Munde der Europäer kursirt, und von der die Maoris selbst nichts wissen wollen.

Jene kleine Bucht ist das famoseste warme Schwimmbad, welches menschliche Ueppigkeit sich wünschen kann, und war damals der allgemeine Zusammenkunfts- und Vergnügungsplatz der Europäer männlichen und der Maoris beiderlei Geschlechts. Namentlich an heiteren Abenden ehe es dunkel wurde, versammelte sich hier Alles was zur Gesellschaft von Ohinemutu gehörte, und gleichwie man in Italien nach Sonnenuntergang promeniren geht, so ging man in Ohinemutu ins warme Wasser, schwamm einigemal hin und her, und setzte sich dann in den schönen warmen und weichen Schlamm der seichteren Stellen, so dass nur der Kopf aus dem Wasser guckte, und plauderte ein paar Stunden im Kreise brauner Herren und Damen. Von einer Art Bekleidung war dort natürlich nicht die geringste Rede, und über einen alten Herrn, der einst in einer Badehose auftrat, wird berichtet, dass er dadurch nur die grösste Heiterkeit und Neugierde der Eingeborenen auf sich gezogen habe, welche nicht eher ruhten als bis sie sich durch Augenschein überzeugten, was denn eigentlich hinter der Badehose Geheimnissvolles verborgen sei. Diese Ursprünglichkeit der Sitten und diese klassische Nudität wirkt doppelt überraschend mitten in einem Lande, in welchem der bibelfromme und bis zum Unerträglichen anständige Brite neun Zehntel der Bevölkerung bildet.

Die Weiber und Mädchen beobachten in der Regel die grösste Sorgfalt, beim Hinein- und Herausgehen so wenig als möglich von ihren Reizen zu exponiren, und jenes Titelbild, welches Lieutenant Meade seinem Buch über Neuseeland voranschickt, auf welchem er badende Nymphen von antiker Formenschönheit und mehr als europäischer Lilienweisse unter dem kochenden Sprühregen eines gewaltigen Geysers sich amüsiren und produziren lässt, fand ich niemals verwirklicht. Nur alte Vetteln geniren sich weniger und zeigen sich oft in der ganzen Länge ihrer nicht sehr aphroditischen Leiber. Maorigreisinnen sind gewöhnlich über alle Massen hässlich. Sie scheeren sich das Kopfhaar ganz kurz wie abrasirt, und die kahlen Schädel mit den hohlwangigen und hohläugigen braunen Gesichtern und die mageren ausgemergelten Körper machen den Eindruck von Todtengerippen.

Es war mir auffallend, dass ich im Bade niemals einen gröberen Verstoss gegen die Dezenz zwischen beiden Geschlechtern, niemals eine Aeusserung erotischer Triebe wahrnahm, obwohl doch die Anschauungen der Maoris in diesem Punkt sehr liberal sind und obwohl die Anwesenheit so vieler einzelner Mädchen in Ohinemutu nur aus einer gewissen mit dem Fremdenverkehr zusammenhängenden kosmopolitischen Erwerbsquelle erklärt werden kann.

Ich lade übrigens hiermit den Leser ein, mit mir ein derartiges Bad zu geniessen.