Wer nichts zu thun hat, was bei den Bewohnern von Ohinemutu so ziemlich ausnahmslos der Fall zu sein scheint, badet nicht selten dreimal des Tages, nämlich gleich nach dem Aufstehen, Abends gegen Sonnenuntergang und Nachts um 11 oder 12 Uhr ehe man ins Bett geht, und oft auch noch später wenn man vielleicht nicht schlafen kann. Die beliebteste Zeit ist der späte Nachmittag. Es ist dann am vollsten und lebhaftesten im Wasser und das schöne Geschlecht am zahlreichsten vertreten.

Schon ehe wir vom Hotel weggehen, wird es gut sein, uns der überflüssigsten Kleidungsstücke zu entledigen, da unten beim Bade nicht viel Raum und Bequemlichkeit zum Aus- und Ankleiden ist, und den Rock, die Weste und den gestärkten Halskragen zu Hause zu lassen. Man kümmert sich hier wenig um alle diese ängstlichen Kleinigkeiten, und würden wir einen längeren Aufenthalt nehmen, wer weiss ob wir es nicht vielleicht ebenso machten, wie die ansässigen Weissen, welche auch die Beinkleider zu Hause lassen, wenn sie baden gehen, und nur in Hemd und Schuhen, nach Maoriart einen bis zu den Knieen reichenden Schal um die Hüften geschlungen und einen faltigen Schlapphut mit Fasanenfeder auf dem Kopf, erscheinen. Dieses leichte Kostüm, das ich zuerst an Mister Jack the Guide of Taupo bewundern musste, hat auch in dem milderen Ohinemutu viel mehr Berechtigung als in dem kalten hochgelegenen Tapuaeharuru.

Die Sonne wird bald hinter die westlichen Berge tauchen und giesst ihr strahlendes Licht mild über den glatten Spiegel des Sees, in dessen Mitte die kuppenförmige Insel Mokoia liegt, so dass wir nicht umhin können öfters bewundernd stehen zu bleiben, während wir den Hügel hinabsteigen. An Mokoia knüpft sich eine poesievolle Maorilegende, welche ich in den verschiedenen Neuseeländischen Reisehandbüchern in so vielen abgeschmackten Versionen gelesen habe, dass es mir beinahe unmöglich ist, sie kurz wiederzugeben.

Hinemoa, das ist »ein Mädchen (Hine) dem grossen Vogel Moa vergleichbar«, war die schönste Maoriprinzessin weit und breit im Lande, und Tutanekai war der schönste Prinz. Tutanekai wohnte auf Mokoia und Hinemoa in Ohinemutu. Sie liebten sich, aber die Väter, mächtige Häuptlinge, hassten sich und wollten nichts davon wissen. Alle Kanuus hüben und drüben wurden strenge bewacht, damit die beiden Liebenden nicht zu einander kommen konnten. Doch ihre Liebe wurde dadurch nur um so heftiger. Eines Abends als es bereits dunkel war, sass die schmachtende Hinemoa vor ihrer Hütte auf einem warmen Stein und seufzte nach der Insel hinüber. Da trug ein sanfter Zephyr die Töne von Tutanekais Flöte an ihr Ohr. Eine mächtige Sehnsucht ergriff sie. Lautlos eilte sie an den See hinab und schwamm nach Mokoia, wo sie zu Tode erschöpft ankam. Selbstverständlich legte sie sich sofort in einen warmen Tümpel am Ufer um sich zu erholen und zu überlegen, wie sie dem Geliebten ihre Nähe kündigen möchte ohne von einem Anderen entdeckt zu werden. Der Zufall und weibliche Tücke halfen ihr aus der Verlegenheit. Ein Sklave Tutanekais kam herab, um Wasser zu holen. Gleich einem bösen Kobold warf sie sich heulend auf den Ahnungslosen, entriss ihm das Gefäss und erschreckte ihn dermassen, dass er bebend von dannen floh, seinem Herrn von dem nächtlichen Spuk zu berichten. Dieser, ein echter Held, kommt sofort Rache schnaubend gelaufen und – findet seine Hinemoa. Nun hatten sie sich und ehelichten sich. Die Väter verziehen nach einiger Zeit, und Hinemoa und Tutanekai lebten lange und glücklich miteinander.

Es ist bereits kühl, und der Dampf der heissen Quellen, welcher bisher, von der höher stehenden Sonne aufgelöst, kaum sichtbar war, ist nun so dicht, dass er wie ein deutscher Herbstnebel über den Vertiefungen des Dorfes lagert. Ueberall, rechts und links, vor uns und hinter uns brodelt es in hundert grösseren und kleineren Löchern. Ueberall steigen Dampfsäulen empor, heisse dampfende Wasserfäden, geschäftig dem See zueilend, kreuzen unseren Pfad, eine Dampfwolke verhüllt ihn auch wohl auf Augenblicke, und wir müssen dann stehen bleiben und warten, bis wir wieder sehen können. Denn ein Fehltritt ist gefährlich und würde vielleicht eine schlimme Verbrühung des Fusses im Gefolge haben.

Das geheimnissvolle Brodeln ringsum, meist unsichtbar, da eine ewig von schwefelig riechendem Dampf bethaute kränkliche Gras- und Farnkrautvegetation die Löcher verbirgt, macht einen befremdenden, unheimlichen Eindruck. Wir stehen über einem kochenden Sumpf, den nur eine dünne Kruste fester Erde bedeckt. Und über diesem kochenden Sumpf lebt ein ganzes Dorf und freut sich des heissen Bodens!

Hier kauern einige Gestalten vor ihrer Strohhütte auf warmen Steinfliesen, in steife wollene Decken gehüllt, schwarzgeräucherte Thonpfeifenstummel im Munde. Manchmal ziehen sie die Decken ganz über den Kopf, so dass man nur eine Gesellschaft formloser Bündel sieht, aus welchen oben Pfeifenstummel herausgucken. Dort in einer heftig dampfenden sprudelnden Quelle, deren saubere Einfassung andeutet, dass sie zum Kochen dient, hängen Körbchen mit Kartoffeln, Krebsen und Süsswassermuscheln an quer darüber gelegten Stangen, und geschwätzige Gruppen von Weibern sitzen herum und beobachten den Prozess der Zubereitung mit sichtlichem Behagen, während sie sich die Zeit mit Rauchen, Schreien und Lachen vertreiben. Wir selbst werden sofort die Zielscheibe ihrer Witze, indem wir vorüberwandeln, und »Pakeha« (Europäer) ist das dritte Wort, was wir hören. Speisereste liegen zu Haufen geschüttet, und wohlgenährte schwarzborstige Schweine schnüffeln und grunzen wohlgefällig von einem zum anderen.

Hinter jenem Gebüsch sind mehrere Badetümpel. In jedem sitzen etliche Dutzend brauner Kinder eng zusammengedrängt, so dass man kaum begreift, wie sie sich noch regen können, prügeln und spritzen und balgen sich, purzeln über einander und verüben ein Geschrei, welches weithin das Dorf durchgellt. »Mat mat« betteln sie um unsere Zigarren, die sie sofort in den Mund stecken, wenn nicht die Mutter kommt, sie für sich zu beanspruchen. »Mat« ist das maorisirte englische »Match«, in übertragener Bedeutung auch auf den verwandten Begriff brennender Zigarren angewendet.

So ein kleiner Junge von Ohinemutu führt ein sehr ungebundenes Leben. Den ganzen Tag läuft er nackt umher, stiehlt sich hier eine Kartoffel, dort eine Muschel oder einen Krebs und setzt sich von Zeit zu Zeit, um sich zu wärmen, ins warme Wasser.

Aber auch die Erwachsenen lieben diese Wohlthat. Man mag zu irgend einer Zeit durch Ohinemutu gehen, es sitzt fast immer die halbe Einwohnerschaft links und rechts vom Wege im Bad. Ohinemutu ist ein Badeort in des Wortes verwegenster Bedeutung, und den ausgedehnten Badegelegenheiten verdankt es nicht blos seine Maoribevölkerung, welche gegenwärtig nicht mehr autochthon, sondern von allen Seiten herbeigewandert ist, weil man hier einen beträchtlichen Theil des Daseins im warmen Wasser zubringen und Kartoffel kochen kann, ohne Feuer zu machen, sondern auch zahlreiche Touristen und einige Kurgäste.