Der Bach, durch den wir nach dem Tarawerasee zurückfuhren, hatte so viele Krümmungen, dass das lange Kanuu kaum durchkommen konnte. Wir blieben auch mehrmals stecken und wurden von der starken Strömung halb in die Quere getrieben, was immer viel Geschrei und wenig zweckmässige Anstrengungen der acht braunen Kerls zur Folge hatte, die sich ihrer Kleider entledigten, um gleich hinausspringen und schieben zu können. Unterwegs wurde noch eine Ladung Schilf, die ein plötzlich aus dem Uferdickicht auftauchender Maori von herkulischen Gliedmassen geschnitten hatte, mitgenommen und da wo der Tarawerasee beginnt, angehalten, um in einer nahen Hütte zu plaudern und Kartoffeln zu essen. Ich hatte zwar das Kanuu für den Tag gemiethet und war somit rechtlich Besitzer und Befehlshaber desselben, musste mir aber gefallen lassen, was meinen Maoris gut dünkte und unterliess auf Grund gemachter Erfahrungen jegliche Aeusserung eines Willens.
Auch hier sind warme Quellen. Ein junges Mädchen zum Skelett abgemagert, lag in einer Badepfütze und verzehrte mit dem gierigen Appetit einer Rekonvaleszentin gekochte Teichmuscheln, während ein altes Weib gleich daneben in einem siedenden Sprudel die Kartoffeln für uns bereitete.
Ich war schliesslich doch dankbar für die von meinen Leuten eigenmächtig verfügte Unterbrechung der Heimreise. Denn einer von ihnen hatte die Pause dazu benützt, aus seiner Wollendecke, zwei Stangen und zähen Schilfhalmen ein zwar nicht marinemässiges aber doch sehr wirksames Sprietsegel herzustellen, welches bei der günstigen steifen Brise, die gerade wehte, das lange schmale Kanuu mit einer Schnelligkeit durch die aufspritzenden unwillig zischenden Wellen jagte, die einem ordentlichen breitgebauten Segelboot nie gelungen wäre. Es war trotz Kälte und Nässe ein Hochgenuss, so dahin zu stürmen, ganz nahe an den Felsblöcken und den weit über sie hereinhängenden riesigen Bäumen mit ihren herrlich dunklen Schatten vorbei, so rasch, dass sie oft nicht mehr zu unterscheiden waren, und das ganze Ufer wie verwischt am Auge vorbeihuschte.
Meine Maoris jauchzten vor Vergnügen, schrieen und sangen und klatschten in die Hände, höhnten grinsend die hinten nachrollenden Wellen, die uns nicht einzuholen vermochten und drohten mit der Faust auf jene, welche jeden Augenblick vorwitzig über den niedrigen Rand leckten, so dass sie dann doppelt emsig ausschöpfen mussten. Oder sie stellten sich im flatternden Hemd mit gespreizten Beinen auf die Borde und breiteten ihre Lendenbekleidung, die wollene Decke, als Hilfssegel aus, deren Zipfel sie mit Füssen und Händen festhielten, so dass ihr geschickt balancirender Körper zugleich Mast, Raa und Schoten ersetzte.
Als wir um die Felsenecke, an der wir gestern den Göttern so wohlfeil geopfert hatten, bogen, änderte sich leider der Wind und wurde so unbestimmt, dass es mit dem Segeln nicht mehr gehen wollte. Von allen Seiten schossen Böen aus den Schluchten herab und kräuselten weithin erkennbar kreuz und quer den hüpfenden See. Wir mussten noch über zwei Stunden rudern, was den Maoris viel weniger zu behagen schien als das Segeln, und sichtlich gewährte es ihnen grosse Befriedigung, dass auch ich theils aus Langweile theils aus Frost zuweilen Wasser schöpfte oder mit der Pageie vorwärtslöffelte.
Spät am Nachmittag kam ich nach Wairoa, von wo aus ich sofort zum abermaligen Erstaunen der irischen Hotelfamilie nach Ohinemutu abmarschirte, welches ich erst nach mehreren Stunden todmüde erreichte, nachdem ich mich in der stockfinsteren Nacht zu allem Ueberfluss noch um eine beträchtliche Strecke verirrt hatte.
Nach meiner Rückkehr von Rotomahana lernte ich den Native-Kommissioner Mister Davis kennen, einen würdigen alten Herrn, berühmt in ganz Neuseeland wegen seiner Gelehrsamkeit in Maoriangelegenheiten. Er war von Auckland nach Ohinemutu gekommen, um Streitigkeiten mit den Eingeborenen zu schlichten.
Da Mister Davis hier öfters und dann meistens längere Zeit zu thun hatte, so war unter seiner Leitung eine Art Schule für die zahlreiche Jugend des Dorfes entstanden, die er jedesmal wieder auffrischte. Missionsanstalten wie früher scheinen seit dem letzten Krieg in Neuseeland kaum mehr zu existiren. Ich habe wenigstens niemals von einer solchen gehört. Trotzdem soll es unter der jetzigen Generation der Eingeborenen nur wenige geben, die nicht schreiben und lesen können. Ohne eigentliche Lehrer zu haben lernen sie es einer vom anderen, und an allen Mauern und Zäunen, an allen Felswänden im Walde sieht man Namen und Zeichnungen eingekratzt, welche die bedeutende Vorliebe der Maoris für graphische Künste dokumentiren.
Mister Davis lud mich eines Abends ein, seine Singschule zu besuchen. Ich hörte da ausser echten Maorigesängen auch einige ins Maori übersetzte englische Lieder. Mitten darunter kam ein Hymnus, von drei Mädchen vorgetragen, der mir durch die Fremdartigkeit seiner Melodie und seines Textes sehr vortheilhaft vor den übrigen auffiel. Es war ein tonganischer Gesang, den die Mädchen in Auckland von tonganischen Matrosen erlernt hatten. Als Mister Davis seinen Schülern und Schülerinnen mittheilte, dass ich ein Deutscher sei und ein vom Englischen verschiedenes Idiom spräche, liessen sie mich bitten, ihnen eine deutsche Rede zu halten, was ich gerne that, ohne mich sonderlich kümmern zu müssen, was ich sagte. Mit grosser Befriedigung wurde konstatirt, dass es wirklich ganz anders klinge als Englisch. Eine der jungen Damen, die eine sehr schöne Handschrift besass, schrieb mir noch eine Sentenz auf einen Zettel, dann ging ich nach Hause. Jene Sentenz lautete folgendermassen: »Ki a Tiamana tena koe. Me whakaako koe ki te reo Maori. Heoi ano na Maraea i tuhi. Ki a ora tonu koe« (Deutscher, sei gegrüsst. Lerne doch die Maorisprache. Dieses hat die Maraea geschrieben. Möge deine Gesundheit beständig sein).
Ohinemutu besitzt keinen Arzt, und so wurde ich während meiner Anwesenheit häufig als solcher in Anspruch genommen, was mir sehr lieb war, da ich so tiefer in die Geheimnisse der Maoribevölkerung einzudringen hoffte. Ich wurde indess stets nur von Weissen zu Eingeborenen gerufen. Diese selbst schienen mich nicht zu wünschen und zu mir viel weniger Vertrauen zu haben als zu einem in der Nähe wohnenden Zauberer. Selten erntete ich etwas wie Dankbarkeit. Vielleicht auch fürchteten die Maoris, dass ich Bezahlung verlangen würde.