Auch rings um die Hütten sind kochende Quellen und Tümpel zum Baden. Ich beeilte mich, aus den nassen Kleidern und aus der kalten Luft ins warme Wasser zu steigen. Während ich dort das sauer verdiente Abendbrot verzehrte, Schokolade, Eier und Kartoffeln, in irgend einer der vielen natürlichen Kochgelegenheiten zubereitet, trockneten unterdessen meine Kleider auf geheizten Steinfliesen. Wahrscheinlich würde ich auch auf unserem Farnlager ausgezeichnet geschlafen haben, wenn nicht eine kleine Art Stechfliegen uns belästigt, wenn nicht eine Kompagnie Ratten rücksichtslos und ungestüm um den Kartoffelsack der Photographen, auf dem mein müdes Haupt ruhte, hin und her geraschelt, und wenn nicht die Maoris nebenan fortwährend geplaudert hätten.

Früh am Morgen erhoben wir uns, zuerst die gestern in der Dunkelheit passirte weisse Terrasse zu besichtigen. Sie lag von den Hütten nur durch einen niedrigen mit Farn und Manuka bewachsenen Vorsprung getrennt. Wenige Schritte, und das grösste Wunder Neuseelands öffnete sich unseren Augen.

Der kleine vielgebuchtete See Rotomahana, dessen trübe Fläche und struppige dampfende Ufer jeglichen Reizes entbehren, ist in ein enges Thal gebettet, dessen Böschungen allenthalben von kochenden Quellen, kochenden Pfützen und Schlammvulkanen durchwühlt sind. Mitten in diesem Wirrsal von siedendem Schmutz hat die Natur bizarrer Weise zwei so ätherische, mährchenhafte Gebilde aufgebaut, wie vielleicht kein drittes mehr auf der Erde zu finden ist. Einander schräg gegenüberliegend, ungefähr nordöstlich und südwestlich vom See fliessen zwei breite, erstarrte Ströme einer unendlich zart und weichgefärbten Substanz von oben herab, die zwei Kieselsinterterrassen Tetarata und Otukapuarangi. Der Form nach gleichen sie beide gefrorenen Kaskaden, die in einer Höhe von etwa 25 Meter aus dem Berge hervorquellen und in sanften Staffeln sich in den See ergiessen, unten ausgebreitet zu einem flachen etwa 100 Meter betragenden Bogen.

Man steigt, theilweise in einer dünnen spiegelnden Schicht lauen Wassers watend, über die Staffeln empor. Die zarten Krystallblumen, welche den Boden bedecken, knirschen unter den Füssen wie Reif oder hartgefrorener Schnee.

Oben gähnt ein dampfender Kessel, der ab und zu aufwallen soll, von einer Platform umgeben. In jede der vielen regellos gehäuften Staffeln sind Schalen gehöhlt, welche Wasser von allen Temperaturen enthalten, je höher und näher dem Kessel oben, desto wärmer, je niedriger, desto kühler. Wülste von ornamentalen Stalaktiten umfassen diese unübertrefflichen Badebecken, deren Innenflächen gepolstert sind mit zarten Sinterkrystallen, nachgiebig dem geringsten Druck der Haut, ein Stoff würdig des raffinirtesten Sybariten.

Das Wunderbarste jedoch an den beiden Terrassen sind die Farben. Tetarata ist glänzend alabasterweiss und mit schwärzlichen Dendritenzeichnungen geschmückt, Otukapuarangi aber ist von einem wohllüstigen Rosaroth angehaucht. Die mit Wasser gefüllten Schalen beider schillern in mattem Blau, das bei Otukapuarangi oft in die anderen Farben des Regenbogens hinüberspielt. Dunkelrothe Felswände und dunkles Manukagestrüpp bilden den Hintergrund.

Trotzdem wir schlechtes Wetter hatten, und ein feiner Regen uns frösteln machte, badeten wir auf beiden Terrassen in verschiedenen Schalen, mehr aus Pedanterie als aus Gelüste.

Die zweite südöstliche Terrasse konnte man nur mit dem Kanuu erreichen. Leider ist dieselbe mit unzähligen eingekritzelten Namen von Besuchern verunziert. Neben einem durch amerikanische Reklamenhaftigkeit berüchtigten Schneider in Auckland fand ich auch den Herzog von Edinburgh in dieser geschmacklosen Weise verewigt. »Te Plines, te Plines« (the Prince) machte mich mein Führer aufmerksam darauf.

Der Prinz hat hiedurch ein sehr schlechtes Beispiel gegeben. Jeder richtige Engländer thut jetzt dasselbe. Hätte Seine Königliche Hoheit statt dessen lieber sich für die alten nunmehr vermodernden Skulpturen von Ohinemutu interessirt und einige durch Kauf erworben, so würde er dadurch der loyalen Nachahmungssucht des englischen Touristengesindels eine viel vernünftigere und heilsamere Richtung angewiesen haben. Die Maoris hätten dann vielleicht bei gesteigerter Nachfrage sich wieder einer Kunstindustrie zugewendet, für welche ihre Altvordern so viel Neigung und Geschick besassen und für welche auch die jetzige Generation unverkennbar grosse Begabung zeigt, und es wäre vielleicht ein Erwerbszweig wiedererstanden, geeignet, eine edle und liebenswürdige Rasse zu den Segnungen der Arbeit zurückzurufen.

An unserem Lagerplatz erhielt ich noch ein paar heisse Kartoffel, welche mein Bursche mit einer Muschel schälte, und nahm dann Abschied von den Gefährten, ohne sie um den projektirten dreiwöchentlichen Aufenthalt bei diesem Wetter und in dieser Jahreszeit sehr zu beneiden. Ich habe später wieder von ihnen gehört. Sie mussten noch viel von der Geldgier der Wairoabevölkerung ausstehen, welche der Ansicht war, dass Fremde eigentlich nur mit je zwei Mann im Solde (5 Shilling pro Mann und Tag) an den Ufern des Rotomahana verweilen dürften.