Hier beobachtete ich zum ersten mal und zu meiner grossen Freude die eigenthümliche Begrüssung mittelst der Nasen, für welche ich bereits zu spät gekommen zu sein befürchtet hatte, und für welche man die ganz unpassende Bezeichnung »Nasenreiben« erfunden hat. Es werden hiebei die befreundeten Nasen aneinandergedrückt und verharren in dieser intimen Berührung regungslos etliche Augenblicke.

Ein junges hübsches Weib mit einem Kinde auf dem Rücken und einer Thonpfeife im Mund sass umgeben von einem Dutzend Genossinnen am Strande. Auch diese hatten Thonpfeifen im Mund und klatschten und lachten, riefen den vorübergehenden Männern zu, wickelten sich bald so bald anders in die bunten Tücher, liessen sie fortwährend herabrutschen, um sie dann mit einer groben ungraziösen Bewegung wieder hinaufzuziehen, hockten entweder aufrecht mit untergeschlagenen Beinen oder stemmten halb liegend den Kopf auf den Ellbogen. Das hübsche Weib schien die Vornehmste unter ihnen zu sein. Da näherte sich ihr ein alter Mann, nacktbeinig und mit ganz blau tätowirtem Gesicht, entblösste ehrerbietig sein Haupt, bot ihr die Hand, beugte sich zu ihr nieder und drückte seine ziselirte Nase an die ihrige glatte, indem er ein sehr andächtiges Gesicht dazu machte. Wenn man nicht genau zusah, konnte man glauben, dass er sie küsse. Allerdings dauerte es viel länger, als bei uns für eine blosse Begrüssung erlaubt wäre.

Kaum war ich zum ersten mal Zeuge dieses seltsamen Aktes gewesen, als Andere hinzutraten, dasselbe zu thun, und das Nasendrücken auf allen Seiten losging. Das Merkwürdigste war mir die ernsthafte, traurige Miene, die sie allgemein dabei machten, statt dem Vergnügen des Wiedersehens Ausdruck zu verleihen. Sie schienen weinen zu wollen, und ein paar alte Weiber sah ich wirklich Thränen vergiessen. Diese unterschieden sich auch dadurch, dass sie ihre Nasen nicht ruhig aneinander hielten, sondern einigemal zusammenstiessen. War die Zeremonie, wobei man sich umarmte oder doch wenigstens die Hand gab, vorüber, so verschwand sofort die Traurigkeit, und das Lachen und Schwatzen begann.

Die Sitte des Nasendrückens wird heutzutage fast nur mehr von alten Männern und Weibern geübt. Die jüngere Generation hat sich das europäische Küssen angewöhnt, moderne Männer schütteln sich einfach die Hände nach englischem Vorbild. Wie aus dem Wort »Hongi«, welches sowohl »Riechen« als auch das Nasendrücken, als auch das von den Weissen importirte Küssen bedeutet, hervorgehen möchte, lag der Sinn des Nasendrückens darin, dass man den Geruch des geliebten Wesens einathmen wollte.

Ganz Tauranga schien heute blos von Maoris bewohnt zu sein, und auch im Hotel beherrschten sie heute den grossen Barroom, obwohl für sie eine eigene ziemlich unreinliche Stube reservirt und mit der Aufschrift »He Ruma mo nga Maori« (wörtlich »ein Zimmer für Maoris« – Ruma das englische Room maorisirt und nga der Plural des unbestimmten Artikels, der in den arischen Sprachen fehlt) versehen war. Es wurde viel Schnaps konsumirt, und am Nachmittag taumelten genug Betrunkene herum. Sie hatten aber alle gemüthliche Räusche und thaten niemand etwas zu Leid, ganz im Gegensatz zu den tobsuchtartigen Ausbrüchen englischer Säufer.

Von der in Neuseeland herrschenden geschäftlichen Bummelei und Gemüthlichkeit hatte ich schon manches gehört und in Foxton auf der Eisenbahn eine kleine Probe erlebt. Ich sollte nun abermals um eine Erfahrung hierüber bereichert werden.

Meinen ursprünglichen Plan, über Land nach Grahamstown zu gehen, musste ich wegen der winterlichen Witterungsverhältnisse aufgeben. Der Weg von Katikati am Nordende des Taurangahafens nach Ohinemuri an der Themse, die sich in den Haurakigolf ergiesst, war durch Ueberschwemmungen unpassirbar geworden und durch mehrere angeschwollene Bäche ohne Brücken unterbrochen, wie die »Bay of Plenty Times« berichtete. Ich verlor dadurch die Möglichkeit eines Besuches der dortigen Kauriwälder und der südlichsten Mangrovesümpfe der Erde, die sowohl in der Themse wie in der Lagune von Katikati als äusserste Vorboten der Tropen auftreten sollen. So sehr mir die Unannehmlichkeiten einer längeren Dampferfahrt widerstrebten, blieb mir nichts anderes übrig als auf der Rowena nach Auckland zu reisen.

Am 14. Juni Mittags um zwölf sollte sie abgehen. Aber der Manager hatte eine Jagdpartie unternommen, kein Mensch wusste, wann er zurückkehren würde, und ohne ihn konnte der Kapitän nicht die Anker lichten. Etwa zwölf Passagiere fanden sich zur festgesetzten Stunde an Bord ein. Wir warteten den ganzen Nachmittag auf den Manager. Der Manager kam nicht. Wir gingen wieder an Land, ermahnt vom Kapitän in der Nähe zu bleiben, wir gingen wieder an Bord, wir fluchten und drohten. Es half nichts, ohne den Manager konnte die Rowena nicht in See stechen.

Die Nacht brach an, und in unserem unerquicklichen Zustand des Wartens auf unbestimmte Zeit änderte sich nichts zum Besseren. Im Gegentheil. Zwei der Schicksalsgefährten suchten Trost im Brandy, und der eine wurde darüber vorzeitig so seekrank, dass er an die Luft gesetzt werden musste, nachdem er die enge dumpfige Kajüte zu einem noch unerträglicheren Aufenthalt gemacht hatte. Der andere schnarchte, dass die Gläser in den Hängesimsen erzitterten, und ober uns auf Deck grunzte eine für den Markt zu Auckland bestimmte Kompagnie Schweine. Wenn auch die meisten Passagiere mit Kennermiene und Wohlgefallen höchlich den tiefen Bass ihrer Stimmen rühmten und aus ihm allein ein ansehnliches Gewicht zu berechnen verstanden, so konnte mich dieses noch lange nicht mit der Situation versöhnen.

Die beiden Stewards vertrieben sich die Zeit mit Boxübungen. Sie boxten sich nach allen Richtungen durch den Salon so dass man seines Lebens nicht sicher war, und als der Kapitän, ein alter verrunzelter und schäbig aussehender Kerl, herunterkam, suchten sie auch diesen armen Greis mit in ihr Vergnügen zu ziehen. Die Herren Stewards schienen hier überhaupt die erste Rolle zu spielen. Ich verlangte nach einer Kabine, aber man sagte mir, dass keine mehr vorhanden, und dass die Herren auf den Sophas und auf den Tischen zu übernachten pflegten, wo es viel kühler und komfortabler sei. »In Nummer eins und zwei schlafen wir beide, in Nummer drei schläft der Kapitän, Nummer vier ist für Ladies reservirt, fünf und sechs, sieben und acht sind bereits seit heute Morgen mit Beschlag belegt« lautete der Bescheid, als ich genauer inquirirte.