Wir theilten uns in zwei Partieen. Herr Kleinschmidt und ich, unsere drei Burschen und zwei Leute zum Rudern besetzten das kleinere Boot, die Uebrigen folgten in dem grösseren.
Wir mussten bald einsehen, dass wir eine sehr schlechte Wahl getroffen hatten. Kaum waren wir aus der windgeschützten Bucht hinausgerudert, und kaum kamen die ersten Stösse des Passates um die linke Felsenecke in das Segel geflogen, als sich unser Fahrzeug jäh auf die Seite legte und sich dadurch so rank erwies, dass wir das Segel reffen mussten. Hierbei stellte sich heraus, dass die ganze Takelage in dem lotterigsten Zustand, und dass unsere braune Besatzung eben so ungeschickt als faul war. Mein Freund wurde nervös und hörte nicht mehr zu schelten auf. Zu unserem grössten Verdrusse segelte während dessen das andere Boot glatt an uns vorüber, wir blieben weit zurück und holten es nicht wieder ein.
Es giebt ein kostbares Wort auf Viti, welches den dort von Weissen und Braunen geübten süssen Schlendrian treffend bezeichnet, »Malloa« nämlich. Malloa heisst ursprünglich »Später« oder »Morgen«, jetzt wird es allgemein unter einem leisen Beiklang von Selbstironie angewendet, um mit der obligaten Saumseligkeit auszusöhnen. Drückt man seine Verwunderung aus über den herrschenden Mangel an Pünktlichkeit, frägt man nach dem Zeitpunkt einer zu leistenden Arbeit, dringt man ärgerlich auf rascheres Handeln, man hört stets denselben gemüthlichen Refrain »Malloa«. Auch jetzt mussten wir uns wieder mit »Malloa« vertrösten.
Die Fahrt nach Wailevu wurde ziemlich ungemüthlich, so schön auch der Anblick war, den die in der Abendbeleuchtung ruhenden prächtigen Berge zur Rechten und die an den Korallenriffen sich brechende See zur Linken gewährten. Wir segelten im ruhigen Wasser innerhalb der Riffbarren hin. Gleich einem hohen glänzenden Wall zieht sich draussen die Linie der Brandung parallel den Konturen der vielgebuchteten Insel entlang, rastlos toste und donnerte sie zu uns herüber. Manchmal kamen wir ihr so nahe, dass wir uns kaum noch verstanden. Wir sahen dann, wie jenseits die langen Wogen stetig hinter einander heranrückten, drohend uns zu verschlingen. Aber das Bollwerk stand unerschütterlich, und ohnmächtig zerstoben jene sich nach vorne überstürzend im schäumenden und brüllenden Getümmel.
Ein friedlicheres Bild boten die Palmenhaine und dicht bewaldeten Gründe zur Rechten. Rauchsäulen stiegen überall von den Thälern zum Himmel empor, groteske Felsen sprangen dazwischen zu uns heraus.
Die Nacht senkte sich hernieder, und wir waren noch ziemlich weit von Wailevu. Ueberall konnten Klippen verborgen sein, keiner von uns kannte die Gegend. Die fünf braunen Kerls waren zu nichts zu gebrauchen, und das Boot und die Takelage flössten wenig Vertrauen ein. Haifische sollten hier in Menge lauern, eine unerfreuliche Aussicht im Fall des jede Minute drohenden Kenterns. Ich lag vorne und guckte ins Wasser nach Riffen. Wie war es da anders möglich, als dass mir jede schwarze Stelle des höhlenreichen Grundes ein gefrässiger Haifisch dünkte, der unser Boot zu verfolgen schien.
Zum Glück war der Himmel klar, und die Sterne leuchteten freundlich auf uns herab. Vorne im Westen glühte der Schein eines Waldbrandes. Ich hielt ihn anfänglich für ein besonders schönes Zodiakallicht.
Bis wir in die Angaloa Bai einbogen und die Lichter des Hotels von Wailevu wieder erblickten und mühselig landeten, war es spät geworden. Die Anderen waren schon eine gute Stunde da und hatten bereits Zeit gehabt, sich zu betrinken. Mister Smith hatte sein Frauenzimmer, eine furienartige Erscheinung gemischter Rasse mit triefenden Augen, mitgebracht. Man sagte, er wolle sich ihrer entledigen, indem er sie auf den Kutter nach Levuka zu locken beabsichtige. Ich konnte ihm seinen hinterlistigen Plan bei Gott nicht verdenken. Auch in ihr wütheten die Dämonen des Schnapses. Sie war eben erst in Folge unpassenden Benehmens an die Luft gesetzt worden und durfte für den Augenblick das Wirthshaus nicht betreten. Deshalb lauerte sie draussen vor den Fenstern herum und heulte. Mister Smith, ihr süsser Gemahl, war einmal im Verlauf des Abends so unvorsichtig, hinauszugehen und nach ihr zu schauen. Ein heftiges Gekeife, laut schallende Ohrfeigen draussen im Dunkel der Nacht, und Mister Smith kam mit zerkratztem Gesicht wieder herein, goss sich schnell ein Weinglas voll Schnaps in den Magen und wischte sich langsam vor dem Spiegel das Blut von den Wangen ohne weiter ein Wort zu verlieren.
Am anderen Morgen hatte ich die Genugthuung, zu finden, dass die Brücke über den Bach mittlerweile fertig geworden war, im Gegensatz zu den sonst hier zu Lande allgemein üblichen Vorrichtungen dieser Art, die nur aus zwei drehrunden glatten und dünnen Palmstämmen gebildet sind, ein stolzes Bauwerk. Die beiden Aufgänge waren noch im Entstehen begriffen. Ein Dutzend brauner Bummler trug Steine und Erde herbei, ohne sich allzu sehr anzustrengen. Nach jedem Gang, der zwei faustgrosse Brocken als Resultat hatte, setzten sie sich nieder und bewunderten ihre Leistung. »Malloa«. Unweit davon hockten die Kinder des Dorfes in einer Reihe am Strande und kratzten mit ihren Fingerchen kleine essbare Muscheln aus dem feuchten Boden.
Während Herr Kleinschmidt ein Boot zu leihen nahm, um über den Yarambaly-Isthmus zu setzen und nach Hause zu fahren, denselben Weg, den wir zuerst gemacht, zog ich es vor, zu Fuss der vielfach gewundenen Küste entlang zu gehen. Ich passirte zuerst die Dörfer Nuku und Namalatta. Es war Ebbezeit, und die gesammte weibliche Bevölkerung von Namalatta trieb sich auf den blossgelegten Riffen herum und fischte. Einige alte Weiber sassen am Ufer und schuppten mit scharfen Muscheln unbarmherzig die zappelnden Fische, die ihnen kleine Jungen in Körben herbeitrugen.