Ich schätzte mich glücklich, diesem Meke Meke beigewohnt zu haben, da er nicht wie an anderen Orten blos zur Schaustellung und für Geld, sondern zur sichtlichen eigenen Freude der Theilnehmer gehalten worden war.
Als ich am anderen Morgen erwachte, sah ich dass ausnahmsweise auch die Frauenzimmer in derselben Hütte wie wir schliefen. Der alte Häuptling hatte sich aber vorsorglich zwischen sie und uns gelegt. Ein köstliches Bad unter einem Wasserfall, der über senkrechte Felswände herabdonnerte, und das vergebliche Waten durch den Bach und die Tarosümpfe einigen fliegenden Hunden zu liebe, die ich in den Gipfel eines hohen Baumes hatte einfallen sehen, aber im dunklen Laub der Krone nicht wieder entdecken konnte, schufen den prachtvollsten Appetit nach einem substanzielleren Frühstück, als die vegetarianische Lebensweise der Vitis gewähren konnte, und ich fühlte schmerzlich die Entbehrung der Fleischkost. Taroknollen, Zwieback und Schokolade waren nur ein kümmerlicher Ersatz.
Herr Kleinschmidt schacherte noch mit unserem Gastfreund um den Preis eines kunstvoll aus Schildpatt, Knochen und Perlmutter gefertigten Angelhakens, der von dessen Grossvater stammen sollte und den er nur ungern und zaudernd hergab. Aber der Glanz des schnöden Mammons war ihm unwiderstehlich, und er bat nur, nichts von dem Handel seinen Stammesgenossen verlauten zu lassen. Ein paar scharlachrothe Sulus wurden als Gastgeschenk verabreicht, unsere Burschen beluden sich mit dem Gepäck und wir nahmen Abschied. Manch hübsches Mädchen von gestern sah aus den niedrigen Hütten und winkte uns Grüsse nach »Sa yandre, sa yandre«.
Go Kandavu ist umgeben mit Tarosümpfen wie eine Festung und hat nur einen einzigen Zugang. Wir mussten es also auf demselben Wege verlassen, auf dem wir gekommen waren. Abermals über einen dickbewaldeten, hindernissreichen Berg, auf dessen Gipfel wir rasteten. Zwei ärmliche Hütten mit sehr schmutziger Einwohnerschaft standen in einer Lichtung, in welcher Bergtaro wuchs. So elend und verkommen wie diese Vitifamilie die hier hauste habe ich keine mehr sonst auf Kandavu jemals getroffen. Sie erinnerte an die schlechteste Sorte der Maoris von Neuseeland.
Endlich endlich kamen Zeichen, dass wir uns unserem Freund Charly näherten. Zuerst ein festgetretener Weg und etliche verwahrloste Baumwollenstauden. Der Wald hörte auf und eine sonnige Wiese breitete sich über den Abhang aus. In einem reinlich gejäteten Viereck waren zwischen grossen vulkanischen Felsen Ananasse in Reihen gepflanzt. Daneben Kaffegebüsch, aus welchem bereits die rothen Beeren blinkten.
Ein Haus und ein paar Hütten, wir waren am Ziele. Charly kam uns freundlich entgegen, und hinter ihm die drei grünen Landsleute und die zwei grossen Neufundländerhunde. Charly hatte mittlerweile wieder etwas Deutsch gelernt und war sehr stolz darauf. Er zeigte uns seine braune Gemahlin und seine vier hübschen halbbraunen Kinder. Was uns aber im Augenblick viel interessanter war, er gab uns zu essen, und zwar ein wunderbar duftiges Schweinchen. So gut wie bei Charly hatte ich schon lange nicht mehr gelebt. Und fehlte ihm auch jede Spur alkoholischer Flüssigkeit, so gab es bei ihm einen so ausgezeichneten Kaffe eigenen Gewächses wie ich niemals gekostet zu haben glaubte. Jetzt da ich den guten Kerl zum ersten mal nüchtern sah, machte er einen viel besseren Eindruck als damals in Wailevu.
Charly erzählte mir seine Lebensgeschichte. Er war vor zwanzig Jahren Matrose auf einem Walfischfänger gewesen und seinem Kapitän eines schönen Tages davongelaufen, um sich unter den Viti-Insulanern, die damals noch Menschen frassen, herumzutreiben. Nach vielen Abenteuern hatte er sich hier in Waidule niedergelassen, die Tochter eines benachbarten Dorfhäuptlings geheirathet und dadurch seine Besitzung erhalten. Verbrieft und nach den neuen englischen Gesetzen unzweifelhaft gültig war sein Titel darauf allerdings nicht. Aber er lebte davon. Er hatte Schweine und Hühner, und was er sonst brauchte, wuchs ihm ohne viel Mühe zu machen im Ueberfluss. Monatlich einmal, wenn die Postdampfer kamen, fuhr er mit seinem Boot nach Wailevu, verdiente durch Fährdienste etwas Geld und kaufte sich dafür einen tüchtigen Rausch, um dann in der frohen Erinnerung dieses und in der frohen Erwartung des nächsten die Zwischenzeit nüchtern und idyllisch zu verträumen.
Dieser Platz hier oben heisst Waidule. Unten am Ufer ist eine andere Ansiedelung von Weissen, Nawai mit Namen. Dort wohnte der andere seiner Muttersprache entfremdete Landsmann und ein Engländer, Mister Smith, ebenfalls mit farbigen Weibern zusammen. Es wurde nach ihnen geschickt, und sie kamen herauf, so dass wir bald zahlreiche Gesellschaft hatten.
Die drei grünen Deutschen machten lange Gesichter. Es schien ihnen zu dämmern, dass hier zu Lande doch nicht so leicht Geld zu verdienen sei. Mit der nächsten Post wollten sie nach Levuka gehen um Land zu kaufen, so sehr man ihnen auch allgemein abrieth und die Versicherung gab, dass sie doch wahrscheinlich keines bekämen. Die Regierung hatte in der letzten Zeit alle derartigen Geschäfte suspendirt. Da die Eingeborenen kein Eigenthum in unserem Sinne kannten, so gaben die bereits geschehenen Verkäufe und Verpachtungen von Land zwischen Häuptlingen und Weissen zu allen möglichen Zweifeln und Streitigkeiten Veranlassung. Diese sollten jetzt untersucht und geschlichtet werden, und bis dies geschehen, war kein neuer Vertrag gültig. Am übelsten fühlten sich wohl die beiden Neufundländerhunde auf Viti. Die Zungen hingen ihnen zum Halse heraus, sie sehnten sich offenbar nach dem kühleren Deutschland zurück.
Leider hatte sich Herr Kleinschmidt auf dem letzten Theil des Marsches verletzt und wollte nun mit Charlys Boot über Wailevu nach Hause zurück. Unsere schöne Partie fand somit rasch einen gewaltsamen Abschluss. Es traf sich merkwürdig dass auch Charly und seine Nachbarn die Absicht hatten, heute oder morgen Geschäfte halber dorthin zu fahren. Die ganze Flotte von Nawai, die aus zwei Böten bestand, wurde deshalb schleunig in Dienst gestellt und ausgerüstet.