Ein unerwartetes Schauspiel stand mir noch bevor. Ich sollte ein »Meke Meke«, eine Vititanzunterhaltung zu sehen bekommen.

Ich hörte Gesang weit über das Dorf in unsere Hütte herübertönen, und ich ging hinaus nach der Richtung, von welcher er kam. Tarosümpfe umgaben das Dorf, und erst nach einigen Irrwegen fand ich durch sie hindurch und das was ich suchte.

Auf einem freien Platz brannte flackernd ein grosses Feuer, und etwa ein Dutzend Kinder tanzten um dasselbe herum und sangen dazu nach dem Takt zweier Stäbchen, mit welchen ein Jüngling ein Stück Bambus bearbeitete, das ein kleiner Knabe wagrecht vor ihn hinhielt. Mein Hinzukommen störte sie nicht, sondern schien im Gegentheil mehr Theilnehmer herbeizulocken. Eine Menge Mädchen und junger Männer fand sich allmälig ein. Sie trugen als festlichen Schmuck rothe Cordylineblätter um die Stirne gebunden, und an den Knieen Strumpfbänder von gelb und roth gefärbten Gräsern. Die Mädchen drückten sich scheu an mir vorbei und nahmen schreiend und kichernd Reissaus, sowie ich nur eine Bewegung machte. Auch sie traten in die Reihen der Tanzenden, und immer grösser wurde ihre Zahl, und Zuschauer kamen und gruppirten sich auf dem Boden. Fackeln aus dürren Schilfbündeln wurden gebracht, und bald nahm die Unterhaltung bedeutendere Dimensionen an als ich hier in dem so abgelegenen Dorf erwartet hatte.

Es war eine träumerische laue Tropennacht. Der Mond war aufgegangen, die Sterne funkelten, die Zikaden zirpten, und ein leiser Zephyr milderte höchst angenehm die Wärme. Das Feuer und die Fackeln warfen ihr röthlich flackerndes Licht auf die nackten Gestalten und übergossen das ganze Bild mit einem grotesken Zauber. Mehrmals schloss ich die Augen, als ich so dasass auf einem alten faulen Kanuu, um jedesmal beim Oeffnen mich wieder von dem fremdartigen mährchenhaften Anblick überraschen zu lassen.

Die Wendungen des Tanzes waren höchst anmuthig und konnten manchem altersschwachen Ballet bei uns zum Muster dienen. In doppelten Reihen tanzten Mädchen und Jünglinge, bis auf das Tuch um die Hüften nackt und mit Blumen- und Blattguirlanden geschmückt, die geschmeidigen Bronzekörper mit Oel gesalbt, um ein Feuer, erst nach rechts und nach links, dann beide in entgegengesetzten Richtungen, traten zwischen einander hindurch und wieder zurück, hoben und senkten die Arme, bogen und wogen die Hüften und klatschten in die Hände. Daneben sass der Musikant und trommelte den Takt auf sein Bambusrohr, begleitet von dem Gesang aller Anwesenden, Tänzer sowohl als Zuschauer.

Der Gesang, allerdings auch nur in wenigen Noten auf- und niedersteigend, war viel melodischer, als jener, den ich bei den Maoris auf Neuseeland gehört. Der Rhythmus bewegte sich in einem fast endlos wiederkehrenden Daktylus, bis plötzlich mit einem kurz ausgestossenen, rauhen Ton eine Strophe und zugleich eine Tanzfigur schloss. Einer der Tänzer schien Kommandos zu geben, indem er zuweilen laut in der Fistel krähte, was ungefähr wie »Tirürü« lautete, und worauf sofort eine neue Wendung eintrat. Ich habe niemals etwas Graziöseres gesehen, als die natürliche Anmuth in den freien ungezwungenen Bewegungen jener Mädchen. Diese braunen Naturkinder sind von einer bezaubernden Frische. Und dabei wissen sie eben so gut zu kokettiren wie irgend eine Tochter Evas auf Erden, und besitzen hiezu ganz verflucht grosse, schwarze, langbewimperte Augen, um die sie nicht wenige Europäerinnen beneiden dürften.

Im Anfang der Festivität waren einige mit dem obligaten Busenhemdchen erschienen. Im weiteren Verlauf jedoch entledigten sie sich derselben. Sollte es blosser Zufall gewesen sein, oder war es ihr weiblicher Instinkt, dass sie mir ohne dieses geschmacklose und unnöthige Kleidungsstück besser gefielen, nachdem sie gesehen, dass ich kein verkappter Mucker aus England war? Ich habe derartige Demaskirungen fast in jedem Dorfe erlebt.

Die halbpapuanischen Vitis stehen im Rufe grosser Keuschheit, ganz im Gegensatz zu ihren lasziven Verwandten, den Polynesiern. Dementsprechend unterschied sich dieses Meke Meke auch dadurch von den polynesischen Tänzen, dass es keine obszöne Bedeutung, sondern die reine Freude an rhythmischer Bewegung und an Gesang als Motiv hatte. Nicht die leiseste Spur von zweideutigen, anstössigen Geberden war zu bemerken. Nur etwas sah ich, was mich frappirte und der zu herrschen scheinenden Dezenz widersprach. Mehrere kleine Jungen stellten sich ausserhalb des Reigens paarweise einander gegenüber, umfassten einander auch wohl und machten Bewegungen zusammen nach dem Takt der Musik, die im höchsten Grade obszön waren und an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig liessen. Die Aeltern aber, namentlich die Weiber, lachten und schrieen ausgelassen vor Freude über die gelungenen Scherze ihrer sechsjährigen Sprösslinge.

Lange sass ich isolirt. Die Scheu vor dem Fremdling hatte eine breite Zone um mich leer gelassen. Nach und nach aber wurde man zutraulicher. Ein Mädchen oder ein Junge kroch herbei und bettelte um Tabak, und Alles lachte und freute sich über die gut abgelaufene Dreistigkeit, wenn ich ihnen Tabak gab, und der Zuschauerkreis rückte dichter an mich heran. Diese Furcht vor dem Weissen ist keine ursprüngliche, sondern die Folge übler Erfahrungen. Die Südsee-Insulaner kommen in der Regel nicht mit der besten Klasse von Europäern in Berührung. Ich habe manchmal Gelegenheit gehabt zu beobachten, wie selbst der dümmste und erbärmlichste Matrose es für seine Pflicht hält, die sogenannten Wilden verächtlich und gleich Thieren zu behandeln.

Ich blieb über eine Stunde und weidete mich an dem effektvollen Schauspiel. Dann riss ich mich los aus der immer enger um mich sich gruppirenden nackten Gesellschaft. Waren sie ziemlich zutraulich geworden im Bereiche des Feuers, so hatte draussen im Dunkeln meine Erscheinung noch nichts von ihrer Unheimlichkeit eingebüsst, und alle Kinder und Frauenzimmer die mir begegneten ergriffen schleunigst jedesmal wieder die Flucht. Der Tanz wurde unermüdlich fortgesetzt, und noch lange, als ich zu Hause auf der Matte lag, hörte ich den dreitaktigen Lärm der lustigen Schaar herüber.